Rom

"Ich bin Melina und Noriega"

Am Institut Johannes Paul II. in Rom wächst der Unmut über die neuen Statuten. Vizepräsident José Granados García fürchtet um die Freiheit der Lehre.

Dunkle Wolken über dem Petersdom
Die Vorgänge rund um das Institut Johannes Paul II. werfen Schatten auch auf den Vatikan. Foto: Ettore Ferrari (ANSA)

Herr Pater Granados, entspricht die Identität des Instituts noch der Absicht ihres Gründers Johannes Pauls II.?

Johannes Paul II. erfasste intuitiv die Bedeutung von Ehe und Familie für das Leben der Gesellschaft und der Kirche. Die Familie ist der Weg der Kirche. Er gründete das Institut, damit die unterschiedlichen Facetten von Ehe und Familie von den Humanwissenschaften ausgehend erforscht und zu einem ganzheitlichen Menschenbild vereint werden sollten. Hinzu kam seine Sicht des menschlichen Leibes als Träger einer Sprache, die der Schöpfer selbst hineingelegt hat. Diese Leibsprache, deren Kennzeichen die für das Leben offene geschlechtliche Verschiedenheit ist, ermöglicht es dem Menschen, sich in der Gabe seiner selbst mitzuteilen.

Spiegelt sich diese Vision im neuen Institut?

So früh lässt sich noch nicht sagen, ob die neuen Kurse dem Rechnung tragen. Die Abschaffung des Lehrstuhls für Fundamentalmoral und der ungerechte Hinausdrängen von Professoren, die die Sichtweise Johannes Pauls II. lehrten, lässt allerdings befürchten, dass die Nachfolger eine andere theologische Linie vertreten, die nicht der Lehre des Gründers entspricht. Für ihn waren „Humanae vitae“ und „Veritatis splendor“ wesentliche Grundlagen, weil diese Enzykliken von der Wahrheit der menschlichen Liebe sprechen und von der Fähigkeit des von Christus erlösten Menschen, diese Liebe zu leben.

Wie bewerten Sie die neuen Statuten des Instituts?

Seit der Approbation des Motu proprio „Summa familiae cura“ haben wir mit Monsignore Sequeri (Präsident des Insituts, A.d.R.) und Erzbischof Paglia an einer Erneuerung in Kontinuität gearbeitet, so wie es Papst Franziskus in Artikel 1 erwähnt. Wunsch des Papstes war es, das Institut aufzunehmen, zu vergrößern und zu fördern, wie Monsignore Sequeri uns von Anfang an sagte. Doch völlig überraschend ist im letzten Augenblick und mitten im Sommer etwas herausgekommen, das mit der gemeinsamen Arbeit nichts zu tun hatte: die unbegründete Entlassung einiger für die Geschichte des Instituts sehr bedeutenden Kollegen. Wir sind sprachlos.

Leider können die Statuten nicht als Ergebnis der gemeinsamen Arbeit betrachtet werden. Ich halte es für meine Pflicht, das zu sagen, weil andere Informationen verbreitet worden sind: Als Vizepräsident der römischen Niederlassung während der Übergangszeit lehne ich jede Verantwortung für die neuen Statuten ab, von denen ich erst am Tag der Veröffentlichung erfahren habe. Nicht nur die Statuten, sondern vor allem die Personaländerungen (und insbesondere die Entlassungen) gefährden in meinen Augen das Erbe des heiligen Johannes Paul II.

José Granados García DCJM.
José Granados García DCJM. Foto: IN

Welche entscheidenden Änderungen beinhaltet die Institutsreform?

In den Statuten fällt ein Verlust an Kollegialität auf. Es wird nun schwieriger, allfällige willkürliche Personalentscheidungen bei der Auswahl der Dozenten des Instituts zu verhindern. Besonders schwer wiegt auch die Abschaffung des Lehrstuhls für Fundamentalmoral. Außerdem fassen die neuen Statuten die Rolle der Theologie als verbindende Vision für den Menschen, von der aus Humanwissenschaften wie die Psychologie, Pädagogik und Soziologie einzubeziehen sind, nicht mehr so klar.

Man hat auf einige Professoren verzichtet, die wegen ihrer Fachkenntnis sehr wichtig sind. Am schwersten wiegt das Hinausdrängen der beiden Lehrstuhlinhaber Melina und Noriega. Aufgegeben wurde auch die Zusammenarbeit mit María Luisa Di Pietro, die das von Johannes Paul II. hochgeschätzte bioethische Erbe von Kardinal Sgreccia weitergab. Außerdem lehren viele der polnischen Dozenten nicht mehr (Grygiel, Kwiatkowski, Kupczak), die eigene Kurse über Karol Wojtyla/Johannes Paul II. gaben oder seine weise Theologie vermittelten.

Inwiefern stehen Professoren und Großkanzler nun in einem weniger kollegialen Verhältnis zueinander?

Vergleicht man die neuen Statuten mit den alten, fällt zweierlei auf: Erstens: Das Professorenkollegium büßt an Bedeutung ein. Waren früher alle Professoren als Lehrstuhlinhaber im Kollegium vertreten, so haben die ständigen Professoren jetzt nur noch zwei Vertreter. Dies gilt ebenfalls für das gesamte akademische Leben des Instituts: Der kollegiale Beitrag der ständigen Professoren zur Genehmigung von Doktorarbeiten oder der Studienpläne nimmt ab. Zweitens: Die für eine akademische Gemeinschaft überaus wichtige Ernennung neuer Professoren steht nun unter dem direkten Einfluss des Großkanzlers. Eine sorgfältige Prüfung des – neuen – Verfahrens ergibt, dass es für die Fakultät fast unmöglich ist, einen vom Großkanzler vorgeschlagenen Kandidaten abzulehnen. Bisher war es erforderlich, dass das Kollegium, in dem alle ständigen Professoren vertreten waren, dem Kandidaten seine Zustimmung erteilte. Dies erfolgte nach einer Prüfung der Veröffentlichungen des Kandidaten durch drei externe Professoren. Der Großkanzler beschränkte sich darauf, die ihm vom Präsidenten vorgestellte Person nach Einholung der Zustimmung des Professorenkollegiums zu genehmigen. Es erstaunt insbesondere der Verlust an Kollegialität. Denn in einem interdisziplinären Institut, das sich dadurch auszeichnet, dass es sich mit demselben Gegenstand – Ehe und Familie – aus den verschiedenen Blickwinkeln der einzelnen Fächer befasst, ist der Beitrag aller Professoren aus den verschiedenen Lehrstühlen erforderlich.

Warum beunruhigt Sie die Abschaffung des Lehrstuhls für Fundamentalmoral?

Es handelt sich um einen seit 38 Jahren bestehenden Lehrstuhl, den Kardinal Caffarra innehatte. Dieser Lehrstuhl hat eine entscheidende Bedeutung für die Arbeit des Instituts, bedenkt man, dass Wojtyla Moraltheologe war, und er ihn dem ersten Präsidenten des Instituts anvertraute. Wenn die Grundlagen der Moral nicht bekannt und nicht richtig festgelegt sind, hängt die Ehemoral in der Luft. Je nachdem, welche Haltung man gegenüber Veritatis Splendor annimmt, so wird man zu den Fragen der speziellen Moral stehen, etwa zur Moral der Empfängnisverhütung oder zu den sexuellen Handlungen außerhalb der Ehe. Eine ähnliche Haltung wird man gegenüber der Größe der Berufung einnehmen, zu der Gott den Menschen beruft, sowie gegenüber der Würde der Barmherzigkeit, mit der er ihn in Christus erneuert, damit er Gutes tun und ein großes und schönes Leben führen kann. Es sei daran erinnert, dass Kardinal Ratzinger damals die Schlüsselrolle des Instituts bei der Entwicklung der grundlegenden Disziplin Fundamentalmoral lobte. Dies ging so weit, dass in den 2011 verabschiedeten Statuten die Fundamentalmoral zu den Hauptzielen des Instituts gehörte. Und dies wird nun beseitigt. Im Artikel 2 der Satzung 2011 heißt es zu Zielen des Instituts: „Theologische Forschung auf dem Gebiet der Grundlagen des christlichen moralischen Lebens.“

Warum wird der Lehrstuhl abgeschafft?

Die in der Pressemitteilung des Instituts angeführte Begründung hält einer Prüfung nicht stand. Es heißt, dass es sich um ein Fach im Theologie-Grundstudium handelt, das die Studenten bereits können müssen. Unter den Lehrstühlen gibt es allerdings mindestens zwei weitere Fächer (Theologische Anthropologie, Fundamentaltheologie), für die dies ebenfalls zutrifft, die aber keine Probleme zu schaffen scheinen. Darüber hinaus ist bekannt, dass sich ein Lehrstuhl mit allgemeinem Charakter auf der höheren Lizenz-Ebene nicht darauf beschränkt, das im institutionellen Grundstudium Gelernte zu wiederholen. Es geht darum, verschiedene Aspekte zu vertiefen. Dies kann jeder feststellen, der einen Blick auf die von Melina in den letzten Jahren angebotenen Kurse wirft. Melina hat sich mit spezifischen Aspekten der Fundamentalmoral beschäftigt, um von dort aus die Ehe- und Familienmoral zu beleuchten. Warum wurde dies in den 38 Jahren seit Bestehen des Lehrstuhls nicht beanstandet? Könnte es sein, dass Melina als Lehrstuhlinhaber Humanae Vitae und Veritatis Splendor treu geblieben ist, und dass der Lehrstuhl abgeschafft wird, um Melina zu kaltstellen zu können?

Was wird mit dem Forschungsbereich der Fundamentalmoral-Theologie geschehen, wenn der Lehrstuhl fehlt?

Es handelt sich um einen von Kardinal Scola eingerichteten Forschungsbereich, der zunächst von Melina und dann von Professor Pérez Soba geleitet wurde, und der bereits knapp zwanzig internationale Kolloquien mit zahlreichen renommierten Publikationen organisiert hat. Dazu wurden unter anderem auch Ratzinger sowie die bekanntesten Moraltheologen der letzten Jahre mit sehr unterschiedlichen theologischen Tendenzen eingeladen.

Was ist dran an der Rede, dass einige Professoren ein Problem mit der Lehre der Kirche haben?

Die Professoren des Instituts haben immer die Lehre der Kirche vermittelt, einschließlich der Lehre aller Päpste. Wir interpretieren die Lehre von Papst Franziskus in Kontinuität mit der Tradition, wie es einer gesunden katholischen Hermeneutik entspricht. Genau deswegen wurde uns ungerechterweise vorgeworfen, es gebe Dissens. Aber mit der Person und den Texten des Heiligen Vaters sind wir höchst respektvoll umgegangen. Trotz allem sind Lehrstuhlinhaber aus ersichtlich falschen und haltlosen Gründen entlassen worden, ohne dass ihnen mitgeteilt wurde, was man ihnen eigentlich vorwirft oder ihnen Gelegenheit zu geben, sich zu verteidigen. Übler kann es in einer akademischen Einrichtung nicht zugehen. Wie gesagt, das Lehramt wurde immer respektiert. Selbst wenn es doktrinelle Probleme in der Lehre gegeben hätte, warum wird kein Verfahren geführt? Warum bekommen sie keine Gelegenheit, sich zu verteidigen?

Welche Folgen hat das?

Wenn dieser Handstreich durchgeht, ist die Lehrfreiheit aller Professoren gefährdet. Das betrifft uns alle, denn jeder kann vor die Tür gesetzt werden, nicht, weil er die Glaubenslehre in Abrede stellt – das wäre ein triftiger Grund –, sondern weil wir eine theologische Linie vertreten, die der Universitätsleitung missfällt. Von dieser Warte aus betrachtet können wir Lehrstuhlinhaber alle sagen: „Ich bin Melina und Noriega“. Diese willkürliche Machtausübung mit Bezug auf die eigentliche Aufgabe einer Universität – in der gemeinsamen Wahrheitssuche Argumente zu diskutieren – sollte uns alle alarmieren. Was soll man über dieses Vorgehen an europäischen Hochschulen denken? Stellen Sie sich einen solchen Vorfall an einer deutschen Universität vor. Das wäre undenkbar.