Würzburg

Deutschland macht Homeschooling

Michael und Dorothea Hageböck wanderten vor zehn Jahren ins Elsaß aus, um mit ihren mittlerweile sieben Kindern legal Homeschooling zu machen.

Homeschooling kann wie eine Hauskirche sein
Homeschooling kann wie eine Hauskirche sein und der Werktag wird geheiligt, meint Dorothea Hageböck. (Foto: Adobe Stock) Foto: Adobe Stock

Frau Hageböck, wie fühlt es sich an, wenn plötzlich alle Kinder in Ihrer Heimat zuhause unterrichtet werden?

Dorothea Hageböck: Wir befinden uns in einer Notlage und die Umstände, unter denen jetzt Zuhause unterrichtet wird, finde ich traurig. Weil Homeschooling in Deutschland seit 82 Jahren verboten ist, wird es auch ein Problem sein, so kurzfristig auf einen soliden Unterricht im häuslichen Umfeld umzusteigen. Hätte die Bundesrepublik das obrigkeitsstaatliche Erbe in Hinsicht auf Bildung hinter sich gelassen, dann könnte sie jetzt – wie beispielsweise Frankreich mit CNED – einen offiziellen Fernlehrgang anbieten.

Inwiefern steht sich unser Schulsystem angesichts der Krise selbst im Weg?

Dorothea Hageböck: Mit dem Zuhause verbinden Kinder Freizeit. Während in meiner Familie das Lernen einfach weitergeht, müssen sich die Schüler öffentlicher Schulen erst an das neue Setting gewöhnen. Kinder mit Aufgaben an den Tisch zu setzen und zu meinen, alles laufe von alleine, führt nur zu Frust. Autodidaktisches Lernen will gelernt sein. Vom Bildungs-Konsum müssen die Schüler jetzt auf Selbststudium umschalten.

Herr Hageböck, Sie sind Schulleiter an einer Privatschule. Selbstverantwortetes Lernen und Freiarbeit sind Schlagworte, die in den letzten Jahren von Kultusministerien eingefordert wurden…

Michael Hageböck: Anspruch und Wirklichkeit klaffen hier leider auseinander. Aber es gibt Ausnahmen. Das Primarstufen-Konzept meiner Schule sieht drei Stunden Freiarbeit pro Tag vor, weswegen meine Grundschüler jetzt im Vorteil sind. Außerdem haben wir als Privatschule engagierte Eltern, die sich nun tatsächlich Zeit zur Betreuung ihrer Kinder nehmen. Viele junge Menschen haben in der aktuellen Krise schlechtere Karten.

Im Übrigen machte mir das Freiarbeitskonzept unserer Schule Mut, dass es mit Homeschooling klappen könnte. Es ist inspirierend, wenn staatlicherseits von individueller Förderung und Binnendifferenzierung gesprochen wird. Menschen sind unterschiedlich in ihren Neigungen und in ihrem Leistungsvermögen.

Wo geht Homeschooling über individualisierte Konzepte in der Schule hinaus?

Michael Hageböck: Individualisierung und Klassenzimmer beißen sich. Ein Lehrer im Klassenrahmen mit bis zu 28 Schülern kann im 45-Minuten-Takt kaum jedem Kind persönlich gerecht werden. Die intendierte Zuwendung zum einzelnen Schüler, ein an seinem persönlichen Lernfortschritt orientierter Wochenplan und die Berücksichtigung seiner Interessen werden von den Kultusministerien zwar proklamiert, sind aber in einer Gruppe nur mit erheblichem Aufwand durchführbar. Mehrere meiner Grundschul-Klassenlehrinnen haben ein Montessori-Diplom, ihnen steht eine Assistentin zur Seite und auch unser Klassenteiler ist komfortabler als bei staatlichen Schulen.

Was raten Sie den Familien in der derzeitigen Lage?

Dorothea Hageböck: Alle Ehepaare sollten sich erst einmal zu zweit über die neue Situation abstimmen und überlegen, wer die Kinder beim Lernen begleitet. Dies geht nicht nebenbei – zumindest nicht am Anfang. Schritt zwei ist ein Tagesplan, den man mit seinen Kindern abspricht. Wichtig sind neben einer Sichtbarmachung des Erfolgs (Tages- und Wochenpläne, bei denen man Erledigtes abhakt) auch Pausen mit kleinen Belohnungen wie Imbiss oder Spiel. Ich empfehle, sich auf die Hauptfächer zu konzentrieren, mit zwei Stunden pro Tag anzufangen, Zeit für Lektüre zu geben und den Nachmittag für Spiel und Sport, fürs Musizieren sowie für gemeinsame Aktionen wie Basteln oder Backen freizuhalten. Wer Kinder zum Lernen bringen will, muss ihnen Selbstvertrauen geben, sie motivieren und ihnen Mut machen, muss Anteil nehmen und sich selber dahinterklemmen. Zum Tagesplan gehören gemeinsame Essens- und Gebetszeiten, aber auch ein Dienstplan, wann aufgeräumt wird, wer kocht und wer die Blumen gießt, wer bei der Wäsche hilft und wer für den Müll zuständig ist. Homeschooling meint nicht nur Selbstlernen, sondern ist ein Erziehungskonzept für die ganze Familie, welches die Eigenverantwortung stark betont und Konsequenzen aufzeigt. Homeschooling funktioniert nur, wenn die Gemeinschaft funktioniert. Dazu gehört auch der gemeinsame Feierabend.

Es geht nicht nur um Lernkultur, sondern auch um Familienkultur?

Dorothea Hageböck: Unbedingt! Ich sehe die jetzige Krise als Gelegenheit, als Familie zusammenzuwachsen…

Michael Hageböck: … und gesellschaftlich als Chance, sich wieder auf die klassische Familie zu besinnen. Das Konzept von Lebenspartnern als Versorgungsapperat für fremderzogene Kinder hat für die nächsten Monate ausgesorgt. So kann sich die Republik bewusst machen: Niemand kennt ein Kind besser als seine Eltern. Niemand liebt es mehr. Schön, dass diese optimale Lehrpersonen den Schülern zumindest für eine gewisse Zeit keiner mehr vorenthält…

Dorothea Hageböck: Rücksichtnahme üben, sich aneinander abschleifen, einander zuhören, von einander lernen, für den anderen da sein, vom anderen beschenkt werden: das ist Familie. Höhepunkte des Tages sind gemeinsame Mahlzeiten und das Gebet. Drum herum gruppieren sich Lernen, Spielen und viele andere schöne Dinge. Gemeinsam können wir den Werktag heiligen, zusammen Hauskirche sein. Die Lebensgemeinschaft von Vater, Mutter und Kindern hat nicht ausgesorgt, sondern ist ein Erfolgsmodell.

Wenn jetzt Kinder und Jugendliche zu Hause lernen müssen, scheint dies Ihrer Ansicht nach gar kein wirkliches Homeschooling zu sein?

Michael Hageböck: Ganz Deutschland versucht sich aktuell am Hausunterricht und ich hoffe, dass einige Familien zu echten Homeschoolern werden. Neben der bereits erwähnten Familienkultur unterscheiden sich echte Homeschooler von den notgedrungenen Selbstlernern unser Krisenzeit vor allem durch ihre Kooperationen. Keine Familie, die in den letzten Jahren ins Elsaß auswanderte, ist für sich abgeschottet. Aktuell büffeln landesweit alle für sich. Hier im Elsaß leben über einhundert deutsche Schüler aus christlichen Familien, ein bunter Haufen, aber alle weltoffen und bildungsbegeistert. Viele Freikirchler, einige Reformierte, Orthodoxe, Katholiken im neuen und im alten Ritus. Wir sind weder eine Parallelgesellschaft, noch eine Sekte. Seit Jahren leben wir echte Ökumene. Gemeinsam treiben wir Sport, machen Exkursionen , teilen uns Privatlehrer, weisen uns auf Bildungsangebote hin, stehen im Kontakt, sind weltweit vernetzt…

Dorothea Hageböck: …unser Leben ist Familie – und zwar mit anderen Familien zusammen und mit dem lieben Gott. Das ist Homeschooling. Und ich würde mir wünschen, viele Haushalte würden wieder Familie und würden Jesus die erste Stelle in ihrem Leben einräumen. Bei Homeschoolern gibt es eine klare Prioritätenliste: Gott – Ehegatte – Kinder – Großfamilie – Beruf – Freizeit. Diese Rangordnung wurde von unserer Gesellschaft auf den Kopf gestellt. Ich hoffe, die Menschen in Deutschland nutzen die Gunst der Stunde, um sich zu besinnen. Wer wissen will, von was ich spreche, der sollte mal „Das Erwachen der Senorita Prim“ von Natalia Sanmartín Fenollera lesen.

Erleben Homeschooler nur Familienromantik oder haben sie auch Abschlüsse?

Dorothea Hageböck: Eine Tochter hat über die deutsche Fernschule das Abitur gemacht; zwei Kinder absolvierten die britischen A-Level-Prüfungen, die über „Anabin“ als allgemeine Hochschulreife anerkannt werden. Weitere Kinder haben bereits in jungen Jahren mit dem A-Level angefangen, einen Weg, den wir deswegen präferieren, weil die Prüfungen modular sind, man sie über mehrere Jahre verteilen kann und einzelne Teile sogar wiederholt werden dürfen.

Glauben Sie, dass Homeschooler fit genug sind, um erfolgreich durchs Leben gehen zu können?

Michael Hageböck: Wenn der Unterricht ordentlich organisiert wird, dann reifen durch das Homeschooling klassisch gebildete, höfliche und verantwortungsbewusste Menschen heran, von denen Gesellschaft und Kirche sehr profitieren. Lebenstauglichkeit, Herzens- und Willensbildung waren meiner Frau und mir stets wichtig. Unseren vier Töchtern, die bereits das Haus verlassen haben, standen alle Türen offen, sie sind starke Persönlichkeiten und gehen ihren je eigenen Weg – aber alle mit Gott. Ich darf sogar sagen, dass sie mich in ihrer geistlichen Reife überholt haben. Was kann sich ein Vater mehr wünschen?

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