Regensburg

Bei der Trauerarbeit unterstützen

Ein neuer Studiengang der Uni Regensburg will interdisziplinär auf Sterben und Trauer vorbereiten

Hospiz- und Palliativverband beklagt Mangel an Fachkräften
Eine Angehörige die Hände ihrer verstorbenen Mutter. Schwerstkranke und Sterbende sowie deren Angehörige können Hilfe bei Hospiz- und Palliativverbänden finden. Foto: Waltraud Grubitzsch/dpa Foto: Waltraud Grubitzsch (dpa-Zentralbild)

„Eine Kultur, die den Tod verleugnet, verleugnet auch das Leben“, sagt der Schriftsteller und Diplomat Octavio Paz. Und er hat Recht. Denn vielleicht ist das wirbelnde Tempo, in dem heute viele durch Kaufen, Gucken und die Gier nach Neuem nach dem Sinn ihres Daseins suchen, eine Folge der Tatsache, dass wir den Tod aus unserem Leben verabschiedet haben. Moralisch ist das nicht und theologisch wenig zielführend.

„Eine Kultur, die den Tod verleugnet, verleugnet auch das Leben“
Octavio Paz, Schriftsteller und Diplomat

Deshalb hat Professor Rupert Scheule, Moraltheologe an der katholischen Fakultät der Universität Regensburg, ein neues Forschungsprojekt initiiert, bei dem es um die Kernfragen rund um Sterben, Tod und Trauer geht. Und nicht nur das. Die Universität will ab dem Herbst 2020 auch einen Studiengang zum Thema starten. Der Master „Perimortale Wissenschaften“ nimmt die Themen rund um den Tod interdisziplinär in den Blick und wird unter Beteiligung von Theologen, Medizinern, Psychologen, Soziologen, Philosophen und Juristen mit Inhalten gefüllt werden.

Die Trauerphase beginnt, oft schon eine Weile vor Tod der Kranken

Dass der ökumenisch angelegte Studiengang an der Theologischen Fakultät zuhause sein wird, macht Sinn. Denn „Theologie und Kirche sind immer noch Kompetenzzentren für die letzten Dinge“, wie Scheule betont. „Die Idee ist eigentlich eine aus der Praxis geborene“, fährt er fort. „Ich bin als ständiger Diakon in der Seelsorge tätig.“ Beerdigungen durchzuführen nimmt dabei einen großen Raum ein. „Da ist mir einfach aufgefallen, wie dramatisch zu spät Sie dran sind, wenn sie erst nach dem Tod auf der Matte stehen. Es macht einen großen Unterschied, wenn Sie die Familie eines Sterbenden begleiten können.“ Denn die Trauerphase beginnt, beispielsweise wenn man sterbende Demenzkranke pflegt, oft schon eine Weile vor deren Tod.

Mit dem Studiengang verbinden sich viele Hoffnungen. Die Kompetenzen wie Klärung der eigenen Einstellung zum Tod, kundiger Umgang mit den Riten, Kenntnisse über Trauerarbeit und die Rechtslage rund um den Leichnam, die dort vermittelt werden, an einer Stelle gebündelt studieren zu können, ist bislang ein Desiderat. Deshalb sind nicht nur Bestatter gespannt auf das neue Angebot. Auch Priester, Diakone oder Gemeindereferentinnen, Sozialpädagogen oder Hospizhelfer, Krankenpfleger oder Ärztinnen werden in ihrem Studium auf diese Aspekte ihres Berufes bislang ungenügend vorbereitet.

Der Studiengang soll dazu beitragen, den Tod wieder neu in unser Leben zu integrieren

In der Praxis sind die ersten Begegnungen mit Sterbenden oder Trauernden deshalb oft eine Herausforderung. Denn viele Menschen haben heute kaum oder gar keine praktische Erfahrung im Umgang mit dem Tod. Scheule wünscht sich, dass das Forschungsprojekt und der Studiengang dazu beitragen, den Tod wieder neu in unser Leben zu integrieren.

Der Moraltheologe stellt sich dies ganz praktisch vor, wenn er davon spricht, das Thema in Kindergärten, Pfarreien oder in der Erwachsenenbildung zu vermitteln. Hilfreich wird dabei die Zusammenarbeit mit den Kooperationspartnern des Projektes sein. Dazu zählen die Palliativstation des Universitätsklinikums Regensburg, die Fakultät für Philosophie, Kunst-, Geschichts- und Gesellschaftswissenschaften der Uni Regensburg und das Projekt MEFED, hinter dessen Kürzel sich multidisziplinäre ethische Fallbesprechungen in schwierigen Entscheidungssituationen verbergen.

Auch mit dem Bundesverband Deutscher Bestatter und dem Kuratorium Deutsche Bestattungskultur werden Scheule und sein Team eng zusammenarbeiten. Denn der Masterstudiengang soll nicht nur junge Absolventen anderer Fächer, sondern auch Menschen in der Lebensmitte ansprechen, die dieses Thema vertiefen wollen. Deshalb ist auch ein Teilzeitstudium möglich und es gibt Blockseminarangebote, die mit dem Arbeitsalltag kombinierbar sind.

„[...] Lasst uns gute Theologie betreiben, damit Praxisrelevanz entsteht.“
Professor Rupert Scheule, Moraltheologe an der katholischen Fakultät der Universität Regensburg

Der praxisbezogene Ansatz der Forschungen des Moraltheologen hat Methode. Denn Scheule ist überzeugt: „In erster Linie muss Moraltheologie auskunftsfähig sein für Menschen, die die großen, einfachen Fragen umtreiben: Was soll ich tun? Wie will ich leben? Wer will ich sein?“ Und er fügt hinzu: „Unsere Kompetenz liegt darin, das wir als Theologen in den großen Fragen sprachfähig sind.“ Deshalb gibt es an seinem Lehrstuhl bereits das auf eine Initiative Bischof Voderholzers zurückgehende Projekt zur Ehevorbereitung, bei dem theologisch reflektiert wird, wie Paare die derzeit in den Bistümern Regensburg, Passau und Eichstätt angebotenen Brautleute-Seminare erleben. Und auch das von Scheule geplante Buchprojekt zur Sexualethik, das sich mit dem Aspekt der Verletzlichkeit beschäftigt, die in der intimen Begegnung zweier Menschen zum Ausdruck kommt, ist Teil dieses facettenreichen Forschungsansatzes.

Die Zielvorstellung Scheules ist dabei ganz klar: „Das Besondere an meinem Fach ist …, dass es diese allgemeinen Fragen in den Hoffnungshorizont des Reiches Gottes bringt. Wer auf ein gutes Ende aller Wirklichkeit hoffen darf, der stellt seine Fragen anders.“, sagt der Theologe und er ergänzt: „Ich glaube, dass sich eine theologische Reflexion und Praxisrelevanz nicht ausschließen. Lasst uns gute Theologie betreiben, damit Praxisrelevanz entsteht.“ Für den Umgang mit Sterben, Tod und Trauer kann diese Herangehensweise tatsächlich einen Wendepunkt bedeuten und ein Umdenken in Gang bringen. Für unsere Gesellschaft wäre das ein großer Gewinn.