Weder progressiv noch konservativ

Die „Tagespost“ dient den Menschen durch die unverkürzte Verkündigung des katholischen Glaubens. Von Gerhard Kardinal Müller
Kardinal Müller feierte in Santa Maria dell'Anima eine Dankmesse
Foto: om | Kardinal Müller feierte in Santa Maria dell'Anima eine Dankmesse für siebzig Jahre „Tagespost“.

Liebe Mitbrüder im priesterlichen Dienst! Liebe Brüder und Schwestern! Liebe Leser der Tagespost! Konservativ oder progressiv: Das sind Vokabeln, die aus der Politik kommen. Sie mögen im ideologischen Bereich ihre Berechtigung haben und sinnvoll sein. Unseren Glauben kann man damit aber nicht beschreiben. Es würde ihn beschädigen. An die Menschwerdung Gottes zu glauben ist weder fortschrittlich noch konservativ. Es gibt keine konservative Taufe, es gibt keine fortschrittliche Firmung. Man könnte jetzt alle Mysterien des katholischen Glaubens darauf beziehen. Nein, wir stehen fest im Glauben, wir wurzeln in Christus, der uns so mit sich und untereinander vereint. Aber wir gehen auch mit der Zeit. Allerdings nicht, um uns an sie anzupassen, sondern um die Menschen in ihrer Zeit und unter ihren Lebensbedingungen mitzunehmen und einzugliedern in den Zug des pilgernden Gottesvolkes hin zum lebendigen Gott. Denn Gott ist Ursprung der ganzen Schöpfung und Ziel jedes Menschen. Er allein kann die Sehnsucht unseres Herzens nach Liebe erfüllen. Wir sind damit hineingenommen in ein Beziehungsgeschehen, das wir Offenbarung nennen. Gott teilt sich uns mit, nicht nur etwas über sich, sondern sich selbst in seiner Wahrheit und seinem Leben. Die Offenbarung ist also eine Kommunikation, weil sie eine Communio ist, eine Gemeinschaft von Schöpfer und Geschöpf. Höhepunkt dieser Kommunikation ist Jesus Christus. In Ihm hat sich Gott ganz ausgesprochen und selber mitgeteilt als Wahrheit und Liebe. Wir brauchen dabei aber, um diese sprachliche Kommunikation führen zu können, materielle, sichtbare Medien der Kommunikation, weil unsere menschliche Natur so funktioniert. Die Kirche hat auf diese Kommunikationsmittel von Anfang an zurückgegriffen, erst Schriftrollen, dann Bücher, heute Zeitungen und immaterielle Medien wie das Internet. Sie hat sich all dieser Mittel bedient, um den Menschen in diesen großen Dialog Gottes mit der Menschheit einzuführen. Schon die Apostel haben ihr Zeugnis von Jesus Christus mit Worten gepredigt, die dann auch zu Papier gebracht worden sind. In den ersten zwei christlichen Generationen wurde diese Apostolische Überlieferung von den biblischen Schriftstellern literarisch verarbeitet. Gott tritt uns in den vier Evangelien, in den Schriften des Apostel Paulus und anderer Apostel, im Hebräerbrief, der Apokalypse, den insgesamt 27 Schriften des Neuen Testamentes in seinem Wort in menschlichem Zeugnis entgegen. Zusammen mit der Repräsentation der Heilsgeschichte im Alten Bund erkennen wir Gott, wie er ist und was er mit uns vorhat.

Aber wir glauben nicht an ein Buch. Das Christentum ist keine Buchreligion. Die Worte des Herrn sind zwar verlässlich in den Schriften des Neuen Testaments überliefert. In Jesus ist jedes menschliche Wort, das wir in der urkirchlichen Überlieferung der Heiligen Schrift finden, unmittelbarer Ausspruch des einen göttlichen Wortes in der einen Wahrheit, auf die wir ausgerichtet sind. Die Heilige Schrift ist aber nur das Mittel, damit wir das lebendige Wort Gottes in der Verkündigung der Kirche hören und in eine lebendige Begegnung mit Jesus Christus, dem wahren Wort Gottes, eintreten können. Aber es ist nicht nur die Heilige Schrift, die ein sichtbares, materielles, greifbares Mittel ist zur Aufrechterhaltung zur Kommunikation der Menschen mit Gott. Da sind die vielen Schriften der Kirchenväter, die in Ost und West diesen ungeheuren, tiefen Schatz des Wortes Gottes auslegen und wie einen mächtigen Strom in das geistliche Leben der Kirche geleitet haben. Dann sind uns die Aussagen der großen Kirchenlehrer des Mittelalters und der Neuzeit geschenkt. Die Ökumenischen Konzilien und die Verlautbarungen des bischöflichen und päpstlichen Lehramts haben den christlichen Glauben erklärt. Die Gesamtheit von Heiliger Schrift und Apostolischer Tradition eröffnet uns also die Wahrheit des Glaubens. Wir antworten mit unserem Glauben, den der Heilige Geist in unseren Verstand und unser Herz eingießt. Der Mensch wird dadurch einbezogen in den Dialog Gottes mit der Menschheit, der näher führt zu unserem Heil. Darum muss ein katholisches Medium der Wahrheit und Wahrhaftigkeit verpflichtet sein. Es darf nicht schauen, wohin das Wasser der öffentlichen Meinung läuft, und den Finger nass machen, um zu sehen, woher der Wind weht. Dieser Wind, der da allzeit weht, ist nicht das Wehen des Heiligen Geistes. Der Heilige Geist erschließt uns die Selbstoffenbarung Gottes in Jesus Christus mit ihrer ganzen Fülle. Er wird uns in die volle Wahrheit einführen, die von Christus herkommt, so dass wir immer tiefer erkennen, wozu wir als Einzelne, aber auch als Kirche berufen sind. Denn die Kirche, deren Glieder wir sind, ist als Gesamtsubjekt Hörerin des Wortes Gottes. Sie folgt in ihrer Gesamtheit während ihrer irdischen Pilgerschaft Jesus Christus nach und zwar auf den Wegen seines Leidens hin zur Auferstehung. Sie empfängt dabei den Trost des auferstandenen, des erhöhten, zum Himmel aufgefahrenen Herrn. Sie richtet ihren Blick unerschütterlich auf Christus, der am Ende wiederkommt, auf dass Gott alles in allem und über allem sei. Konservativ und progressiv: Diese falschen Alternativen, meine Lieben, spaltet die Kirche heute in verschiedene Lager. Die Aufgabe des Papstes und der Bischöfe ist es aber nicht, zwischen diesen beiden Lagern mit einer bloßen Diplomatie und politischer Geschicklichkeit auszugleichen, sondern alle in die Einheit des Glaubens zu rufen. Der Heilige Geist ist ausgesandt, nicht damit er entzweit und in Lager spaltet, sondern die Menschen in der einen Wahrheit zusammenführt. Diesem Auftrag muss sich jedes katholische Publikationsorgan widmen. Alle zusammen stehen wir im Dienste der Wahrheit Gottes, die etwas ganz anderes ist als ein von Menschen ausgedachtes Programm zur Weltverbesserung oder irgendeine Ideologie. Es gibt kein irdisches Paradies und keine menschengemachte Wahrheit, die das Herz erfüllen könnte, die unsere Suche nach der letzten Erkenntnis der tiefsten Wahrheit entsprechen könnte. Das kann nur von oben kommen, von Gott, der selber Wahrheit ist, Wahrheit in der Person Jesu Christi, der allein Weg und Wahrheit und Leben ist.

Viele Medien auch bei uns im deutschsprachigen Raum, selbst kirchliche, sind ideologisch vereinseitigt. Es genügt, einem Menschen das Etikett konservativ anzuhängen, um ihn unmöglich zu machen – mag er sich auch ein Leben lang mit der Lehre der Kirche durch Denken und Studium beschäftigt haben. Doch dieser ideologische Kampf führt nicht zum Sieg des einen Gedankens über den anderen. Es muss um die Öffnung des Geistes auf die Wahrheit Gottes hin gehen. Nur so können wir den Menschen dienen.

Die „Tagespost“ tut das. Sie dient den Menschen durch die unverkürzte Verkündigung des katholischen Glaubens. So möchte ich, wenn ich auf siebzig Jahre „Tagespost“ blicke, allen Redakteuren für ihre wertvolle Arbeit von Herzen danken. Ich wünsche dieser Zeitung viele Leser. Wir feiern hier am Altar Eucharistie, um Gott für siebzig Jahre „Tagespost“ zu danken. Ich wünsche der „Tagespost“ den reichen Segen Gottes, der ja die Frucht der Eucharistie ist, die wir feiern. Der Mensch lebt nicht nur von irdischem Brot, sondern von jedem Wort, das aus dem Munde Gottes hervorkommt. Die wahre Speise, die Jesus selber ist, ist die Speise, die hinführt zum ewigen Leben. Kirchliche Medienarbeit dient dem Leben der Menschen mit Gott in seinem Sohn Jesus Christus, und das ewige Wort des Vaters, das Fleisch geworden ist und das alle Gnaden in sich enthält, teilt uns Menschen Wahrheit über Wahrheit mit. AMEN. Rom, den 24. Oktober 2018

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