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"Kirche" Santo Daime: Amazoniens neue Religion

Nicht nur Indigene sind Anhänger der synkretistischen "Kirche" Santo Daime, die um eine bewusstseinserweiternde Pflanze entstand. Ein Aufschwung dank der Amazonassynode 2019?
Versöhnungsfeier mit Indigenen in Rom
Foto: Stefano Dal Pozzolo (Romano Siciliani) | Zur Amazonassynode in Rom 2019 waren auch Angehörige indigener Gemeinschaften aus dem Amazonasgebiet angereist. Einige Synodenteilnehmer wie der Steyler Missionar Karl Heinz Arenz forderten von der Synode, ...

Ayahuasca gehört zu den stärksten Halluzinogenen der Welt. Es wird als psychedelisch wirkender Pflanzensud getrunken und dient rituellen Zwecken. Die Pflanze hilft bei Drogenabhängigkeit und Depressionen, auch die Medizin interessiert sich für sie. Ayahuasca gehört wie Guaraná zu den wichtigsten traditionellen Heilmitteln des Amazonasgebiets, eine Abhängigkeit wie bei Drogen entsteht nicht. Die Schamanen indigener Gruppen geben das Rezept, mit dem der Pflanzensud zubereitet wird, von Generation zu Generation weiter. Auch Hippies und die New Age-Bewegung entdeckten das visionsspendende Gewächs im 20. Jahrhundert für sich. Seine zeremonielle Einnahme ist heute bei Hipstern wie Managern aus dem Silicon Valley zunehmend beliebt. In Brasilien, Ecuador, Kolumbien und Peru gibt es einen regelrechten Boom um die Pflanze, in Peru erhielt die Ayahuasca-Liane im Jahre 2008 gar den Status eines nationalen Kulturerbes.

Kult um die Ayahuasca-Pflanze

Doch nicht nur traditionelle indigene Gemeinschaften verwenden Ayahuasca. In Brasilien sind im 20. Jahrhundert junge Glaubensgemeinschaften entstanden, die sich um die Ayahuasca-Heilpflanze gebildet haben und in deren Riten die Pflanze einen festen Platz hat. Dazu gehört die synkretistische Kirche „Santo Daime“, die mittlerweile auch nach Europa ausgreift. Der Konsum von Ayahuasca ist in Brasilien seit 2004 legalisiert und geregelt, jedoch nur in religiösen Ritualen erlaubt. In der Quechua-Sprache Südamerikas bedeutet „aya“ so viel wie „Geist“ oder „Vorfahr“, und „huasca“ kann mit „Wein“ oder „Tee“ übersetzt werden. Ayahuasca hat eine entheogene, das heißt bewusstseinsverändernde Wirkung. Die religiösen Gemeinschaften, die Ayahuasca verwenden, vereinen Symbole des indigenen Schamanismus, des Kardecismus, des Volks-Katholizismus, der afrobrasilianischen Umbanda und der östlichen Religionen. Für ihre Gläubigen ist der Tee der Schlüssel zum vollen Bewusstsein und zur Verbindung mit dem Göttlichen.

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Tausende Touristen fliegen jährlich zu Ayahuasca-Zeremonien in den Regenwald Amazoniens. Man darf Ayahuasca jedoch nicht ohne Vorbereitung nehmen, das wäre gefährlich. So muss man vorher fasten und auf Alkohol verzichten. Die Einnahme der Heilpflanze wird durch verantwortliche Heiler gut vorbereitet, denn die Reaktionen sind je nach Organismus unterschiedlich. Die Zubereitungsmethoden variieren, die Vermischung mit illegalen Drogen wie Ecstasy oder LSD verstößt gegen die traditionelle Ayahuasca-Kultur und kann zu schwerwiegenden gesundheitlichen Folgen führen. In vielen der religiösen Gemeinschaften ist der Konsum von Alkohol und jeder anderen bewusstseinsverändernden Substanz, auch wenn sie legal ist, verboten.

Die religiöse Ayahuasca-Diaspora

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kam die nicht-indigene Bevölkerung Brasiliens erstmals mit dem Getränk in Berührung. Raimundo Irineu Serra, ein schwarzer Kautschukzapfer aus Maranhão, der im Rahmen der Migrationsbewegung während des Kautschukbooms aus dem armen Nordosten Brasiliens nach Acre zog, lernte in den 1910er Jahren an der brasilianisch-peruanischen Grenze Ayahuasca kennen. Während seiner ersten Erfahrungen mit dem Getränk erhielt er spirituelle Offenbarungen, die ihn dazu brachten, in den 1930er Jahren in der Stadt Rio Branco im Bundesstaat Acre eine Kirche mit dem Namen Santo Daime zu gründen.

Maria als „Königin des Waldes“

Eine weitere, auf der Einnahme von Ayahuasca beruhende Kirche mit dem Namen União do Vegetal entstand 1961 im benachbarten Rondônia. Beide Bundesstaaten an der Grenze zu Peru gehören heute zu den Zentren des Ayahuasca-Kultes in Brasilien. „Mestre“ Irineu entwickelte eine Kosmologie und zeremonielle Gesänge. Mestre Daniel, Irineus Freund und Schüler, ließ sich von der afro-brasilianischen Religion Umbanda inspirieren, um seine eigenen Zeremonien und seine eigene Kosmologie zu entwickeln. Der Santo-Daime-Gottesdienst vermischt katholischen Volksglauben mit afrobrasilianischer Spiritualität und Naturreligion, Ayahuasca ist hier das heilige „Sakrament“.  Im Laufe des Entstehungsprozesses der Kirche spielte für den Katholiken Ireneu Serra auch die unbefleckt empfangene Jungfrau Maria als „Königin des Waldes“ eine wichtige Rolle.

Amazonassynode und Schamanentum

Das Hauptziel der Amazonassynode 2019 war es, „neue Wege zu finden, um das amazonische Gesicht der Kirche zu entwickeln“. Die im Amazonasgebiet tätigen Missionare leben dieses Modell in ihren Gemeinden oft bereits seit Jahrzehnten. Einer von ihnen ist der Steyler Missionar Karl Heinz Arenz aus Gillenbeuren in der Eifel, der seit 1990 in Amazonien lebt und forscht. Seit 2007 ist er Professor für Neuere Geschichte an der staatlichen Universität von Pará in Belém am Amazonas. Seine Dissertation 2003 in Paris trug den Titel „Schamanismus im unteren Amazonasgebiet als Herausforderung für die Evangelisierung“. Die Religion der heutigen Amazonasbewohner ist ein synkretistisches Amalgam aus christlichen und vorchristlich-schamanischen Praktiken. Sie hat den Glauben an die „verzauberten“, mysteriösen Wesen des Wassers und des Dschungels bewahrt, die die Kräfte der Natur repräsentieren und sich den Menschen in verschiedenen Formen offenbaren. Karl Heinz Arenz erklärt im Gespräch mit dieser Zeitung, dass der Pajé, der Heiler oder Schamane, durch den Initiationsritus eine Situation der Unordnung (Krankheit, Störung) in eine der Ordnung (Wohlbefinden, Gesundheit) umwandeln kann – und umgekehrt.

Auch Jesu Mission sei es gewesen, den Menschen die Ganzheit Gottes zu bringen, indem er sich den Verwundeten und Kranken hingab, so Arenz. Während Jesus von den Menschen seiner Zeit eher als Heiler angesehen worden sei, habe sein Wirken im vierten Jahrhundert mit dem Aufkommen einer Soteriologie der Sünde eine starke moralische Konnotation bekommen. „Daher verloren Heilung und andere therapeutische Praktiken die Bedeutung, die sie bei der Verfassung der Berichte der Evangelisten noch hatten, als die Kirche einen kulturellen Wandel zum hellenistischen Umfeld vollzog“, so Arenz‘ Lektüre.

Brücken zwischen Christentum und Schamanentum?

Das Fazit des Amazonien- und Schamanismusexperten: Es gebe „Brücken“ zwischen Christentum und Schamanentum, weshalb „schamanische Praktiken nicht mehr als Aberglaube und als verborgene Praktiken verurteilt werden können, sondern als Ereignisse einer sich wandelnden spirituellen Dimension“. Daher habe der Schamanismus das Recht, in anerkannter und bewusster Weise in das Zentrum des täglichen Lebens der christlichen Gemeinschaften der Amazonasbewohner zurückzukehren. Folgerichtig forderte der Steyler Missionar in einer Eingabe an die Amazonassynode die „Anerkennung von Schamanen, die sich im Allgemeinen als katholisch betrachten“, als „ersten Schritt auf dem Weg zu einer ständigen Bekehrung seitens der Kirche“. Dies könne auf lange Sicht dazu beitragen, eine amazonische Theologie zu konzipieren, meint Arenz.

Der religiöse Gebrauch von Ayahuasca ist jedoch längst kein Phänomen mehr, das auf den amazonischen Regenwald beschränkt geblieben ist. In fast allen urbanen Zentren Brasiliens gibt es Ayahuasca-Kultgruppen, die häufig ihre eigenen Pflanzungen haben. Die Mitglieder hier sind keineswegs in erster Linie einfache Gummizapfer oder Indigene, sondern westlich geprägte Menschen, häufig mit akademischer Ausbildung. New Age verschmilzt auf diese Weise in den urbanen Zentren Brasiliens problemlos mit traditionell verwurzelten Neureligionen wie Santo Daime.

Gegenwärtig diffundieren diese Religionen aus den traditionellen Ursprungsgebieten nach Europa, in die USA und in andere Teile der Welt. Seit 2006 darf Ayahuasca auch legal in die USA importiert werden, wohingegen der Import von Cocablättern, die Heilpflanze der Anden, immer noch verboten ist. Mit der Anerkennung der Santo Daime-Religion in den Niederlanden wurde in Europa erstmals eine Religion anerkannt, die wesentlich auf der Einnahme einer entheogenen Substanz basiert. Seit 1993 gibt es Ayahuasca-Rituale in deutschen New-Age-Kreisen in Berlin.

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