Pandemie

„Im Team werden wir alles schaffen“

Katholikin und Leiterin der Corona-Scouts Münster: Regina Dittmer bleibt zuversichtlich.
Regina Dittmer
Foto: Presseamt der Stadt Münster | Regina Dittmer schätzt den Teamgeist, das Engagement und den Enthusiasmus mit dem ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter immer wieder Infektionsketten unterbrechen.

Die Corona-Zahlen steigen und steigen, und für die Gesundheitsämter wird es immer schwieriger, die Kontakte der Infizierten nachzuverfolgen. Die Aufgabe scheint fast aussichtslos zu sein, und manche kapitulieren vor ihr. Regina Dittmer, die überzeugte Katholikin und Leiterin der Corona-Scouts in Münster, denkt da ganz anders. „Ich freue mich darüber, wie sehr unser Arbeiten im Corona-Team davon geprägt ist, dass wir mit vielen so unterschiedlichen Personen, Berufs- und Altersgruppen, die immer wieder neu zusammengesetzt werden und sich finden müssen, jeden Tag aufs Neue mit Teamgeist, Engagement und Enthusiasmus Infektionsketten unterbrechen“, sagt sie voller Überzeugung. „Dadurch ist etwas Einzigartiges in einer sonst eher durchorganisierten Verwaltung entstanden.“

Vor der Corona-Pandemie arbeitete Regina Dittmer im Amt für Bürgerservice der Stadt, und sobald Anfang März 2020 der erste Covid-19-Fall in Münster aufgetreten war, wurde die gebürtige Münsteranerin an der Corona-Hotline der Stadt intensiv mit den drängenden Fragen der Menschen konfrontiert. „Die meisten Fragen gibt es, wenn es keine klaren Regelungen und Antworten gibt, wie es vor dem ersten Lockdown der Fall war“, weiß die langjährige städtische Mitarbeiterin.

Nachverfolgung der Kontakte von Infizierten

Im August 2020 wurde das Team der Corona-Scouts zur Nachverfolgung der Kontakte von Infizierten gegründet und etabliert; Regina Dittmer wurde „Interimsmanagerin“, wie ihre offizielle Bezeichnung lautet. „Im Sommer 2020 gingen die Inzidenzzahlen stark zurück, und es gab eine ruhige Phase“, erinnert sie sich. „Wir haben deshalb mit 20 Scouts angefangen, darunter 14 Studierenden, die vom Robert-Koch-Institut geschult worden waren. Sie haben Pionierarbeit geleistet.“ Im Laufe der darauffolgenden Wochen stellte man sich bei der Stadt und beim Team selbst auf die bevorstehende zweite Welle ein; zusätzliches Personal aus anderen Ämtern und Abteilungen der Stadtverwaltung, die für ein paar Monate geschlossen waren, wurde herangezogen. „Das Problem ist, dass man nie genau weiß, wie viel Personal man brauchen wird“, erläutert Dittmer. „Unsere Arbeit muss aber schwerpunktmäßig in Präsenz stattfinden, um die vernetzten Abläufe und vielfältigen Absprachen zu gewährleisten.“

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Im Winter 2020/21 konnte die Nachverfolgung „immer nur auf dem Zahnfleisch“ geschafft werden, wie die engagierte Team-Leiterin einräumt. In wenigen Wochen veränderte sich das Infektionsgeschehen rasant. Waren bis zu den Herbstferien die Schulen und Kitas stark betroffen, so sprang die Entwicklung plötzlich auf die Alten- und Pflegeheime über. „Wir hatten große Sorgen wegen der vielen Kontakte der Menschen zu Weihnachten“, schaut Regina Dittmer zurück. „Und tatsächlich kamen die Intensivstationen im Bundesgebiet ja zu Weihnachten/Silvester 2020 an ihre Belastungsgrenze.“ Die Herausforderung besteht darin, dass die Scouts Sechs-Monats-Verträge bekommen, die Pandemie aber nicht in Sechs-Monats-Zyklen verläuft und Verschärfungen der Lage sich oft schon nach kurzen Vorlaufzeiten ergeben. „Sobald es am ersten Weihnachtstag und am darauf folgenden Ostersonntag ein kurzes Tal gab, konnten wir allerdings sogar einen Tag frei machen“, erinnert Regina Dittmer sich.

Gezielte Befragungen

Die erfahrene Team-Leiterin räumt dabei gleich mit einem Missverständnis auf: Die Apps für Kontaktdaten oder die Zettel zum Ausfüllen, die zeitweise in den Restaurants und Gaststätten auslagen, haben bei der Kontaktnachverfolgung immer eine total untergeordnete Rolle gespielt. „Wir befragen die infizierte Person selbst ganz gezielt, und die übermittelt uns ihre engen Kontakte in zwei, drei Tagen“, stellt Regina Dittmer klar. „Es hängt also ganz viel davon ab, wie gut der Scout auf die infizierte Person eingehen kann. Und die Menschen bekommen bei der Befragung das Gefühl, dass sie aktiv etwas tun können, um die Pandemie zu bekämpfen.“ Kritisch werde es besonders dann, wenn die betreffende Person Altenpflegerin oder Lehrer sei und dadurch viele Kontakte zu unterschiedlichen Bereichen habe. „Die Hauptaufgabe ist, herauszufinden, welche Wirkung das Ansteckungsrisiko entfaltet“, führt die einfühlsame Team-Leiterin aus. In der derzeitigen Omikron-beziehungsweise BA.2-Welle mit ihren unglaublich hohen Inzidenzen sei die Kontaktnachverfolgung mit klassischen Mitteln nicht mehr zu schaffen, die Phasen der Ansteckung seien zu kurz. „Deswegen werden die einzelnen Fälle nicht mehr in ihrer ganzen Breite und Gänze, sondern gezielt verfolgt“, unterstreicht Dittmer. „Das heißt, dass wir versuchen, die kritischen Befunde – etwa im Hinblick auf das Alter – von den nicht-kritischen Befunden zu trennen und herauszufiltern.“ Hilfreich sei dabei, dass einzelne Corona-Scouts die Daten sichteten, die mit den Laborbefunden halbautomatisiert ankämen.

Die Infizierten müssten hinterher ihre Kontaktpersonen selbst benachrichtigen. Insgesamt benötige ein Scout pro Fall 30 Minuten, so dass die Klärung und Benachrichtigung der neu Infizierten am selben Tag erfolgen könne, an dem der Befund eingetroffen sei. „Sonst tickt die Uhr, denn nach sieben Tagen gibt es nach den neuen Regeln schon eine Freitest-Möglichkeit“, unterstreicht die Leiterin. „Für die Betroffenen ist es oft unwahrscheinlich wichtig, wann und wie sie wieder in ihr normales Leben und in den Beruf zurückkehren können.“ Und wie sind die Reaktionen bei den Infizierten? „Vor einem Jahr war die Aufregung noch viel größer, wenn man die Nachricht bekam, die Angehörigen waren oft aufgelöst“, erinnert sich Regina Dittmer. „Im Sommer gab es auch viele, die die Nachricht vom positiven Test nicht wahrhaben wollten. Aber aktuell reagieren die meisten gelassen, weil die Aufklärung größer ist und viele geimpft oder geboostert sind.“ Und was ist mit den Scouts selbst?

Man gewöhnt sich nicht daran

„Manche wurden von den Gesprächssituationen eiskalt erwischt, und viele werden das mit zu sich nach Hause genommen haben“, urteilt die Leiterin. „Im dienstlichen Bereich hat sich von ihnen selbst Gott sei Dank niemand infiziert, wohl aber im privaten Umfeld. Und wer davon erfahren hat, war genauso erschrocken wie die Leute, die wir anrufen. Man gewöhnt sich nicht daran, auch wenn man jeden Tag mit Corona zu tun hat.“ Ansonsten sei die Belastung hoch, und es habe sich ein hoher Berg an Überstunden aufgetürmt. „Zwischen der vierten und fünften Welle war wenig Luft. Das zehrt an der Substanz.“ Bildschirmpausen und ab und zu freie Tage seien deshalb ganz wichtig. Noch entscheidender aber sei es, sich klare Ziele zu setzen und zu wissen, wofür man sich einsetze. „Wir betrachten uns nicht als Heldinnen und Helden des Alltags, aber wir hören oft, dass wir etwas Nützliches für die Allgemeinheit tun“, freut sich die empathische Bilderbuch-Mutmacherin. „Die Herausforderungen unserer Arbeit erleben wir unmittelbar. Das Mut Machende ist der Gemeinschaftsgeist im Team: So werden wir alles miteinander schaffen und dran bleiben, dass das, was wir tun, greifbar wirkt.“ Ihr Glauben hat sich durch zunehmende Lebenserfahrungen gefestigt, wobei ihr immer der liebende Gott vermittelt worden ist. Und dann kommen Erinnerungen zurück an das gemeinsame Singen, besonders von Kirchenliedern.

Vor allem mit dem Lied „Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt“ verbinden sich für sie viele Emotionen. Der Psalmvers „Herr, zeige mir deine Wege und lehre mich deine Steige“ (Psalm 25, 4) bedeutet ihr ebenfalls sehr viel. „Ich erfülle meine Aufgabe, solange sie dauert, und auch, wenn das bis in den nächsten Winter hinein sein sollte“, versichert die gläubige Katholikin. „Es ist gut, dass ich sie machen darf.“

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