Glosse

Menetekel an schwedischen Gardinen. Von Ingo Langner

Erinnern Sie sich? Der Nobelpreis für Literatur wurde 2016 an Bob Dylan vergeben. Da hätte das derzeit in Auflösung befindliche Literaturnobelpreiskomitee schon gewarnt sein müssen. Damit meinen wir nicht das Trara um den amerikanischen Barden, Poeten, Singer-Song-Writer oder wie immer man diesen scheinbar unverwüstlichen Mann auch nennen mag.

Nein, nicht die längere Zeit offene Frage, ob dieser eigenwillige Dylan den Preis überhaupt annimmt, war das Menetekel an den schwedischen Gardinen. Hinter denen jetzt womöglich ein gewisser französischstämmiger Fotograf, er heißt Jean-Claude Arnault, deshalb wandern wird, weil er als Ehemann der Lyrikerin Katarina Frostenson (die, das ist die Crux, als Mitglied der Nobel-Akademie über die Vergabe des Literaturnobelpreises mitentscheidet), nicht bloß achtzehn Frauen zuzüglich der schwedischen Kronprinzessin sexuell belästigt haben soll, sondern darüber hinaus auch verdächtigt wird, Insiderwissen weitergegeben, Steuern hinterzogen und in seinem privaten Kunstclub illegal Alkohol ausgeschenkt zu haben.

Wobei die beiden zwei letztgenannten Anklagepunkte im traditionell radikal sozialdemokratisch tickenden Schweden schon immer übel beleumundet waren. Was man vom Tatbestand der sexuellen Belästigung nicht unbedingt sagen kann. Jedenfalls dann nicht, wenn man die sechziger, siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts als Maßstab nimmt. Diese in Schweden in puncto Sexualität „wild“ zu nennen wohl eine Untertreibung wäre. Als Pars pro toto soll an dieser Stelle nur auf „Das Schweigen“ von Ingmar Bergman und „491“ von Vilgot Sjöman hingewiesen werden, gegen die in Deutschland ein bürgerlich-sittenstrenger Sturmlauf der Empörung losbrach. Den die Jugend jener Jahre allerdings als spießig erst verlachte, dann bekämpfte und schließlich zu überwinden vermochte. „Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment“ war bekanntlich die Parole der sogenannten Achtundsechziger. Anders gesagt: was damals als „fortschrittlich“ und „avantgardistisch“ galt, wird heute von der weltweit grassierenden „MeToo“-Kampagne in Grund und Boden verdammt. Diese Kampagne hat nach ihrem Aufblühen in Hollywood nun offenbar auch Schweden erreicht. Weshalb es 2018 keinen Nobelpreis für Literatur geben wird.

Doch wir sind abgeschweift. Denn eigentlich soll es hier ja um jene Prophezeiung gehen, die Bob Dylan der Stockholmer Nobel-Jury zuteil werden ließ, von dieser jedoch ignoriert wurde. Als Dylan nach seinem medialen Verwirrspiel den Nobelpreis schließlich akzeptierte, doch nicht persönlich aus den Händen des Königs von Schweden entgegennehmen mochte, bat er Patti Smith, dies als sein alter ego zu übernehmen. Die Sängerin tat das und mit Bravour, und sie brachte auch eines von Dylans ganz alten Liedern zum Vortrag. Es heißt „A Hard Rain?s a Gonna Fall“ und wurde 1963 veröffentlicht. In dem Lied vom „schweren Regen“ wird in fünf Strophen ein blauäugiger junger Mann immer wieder aufs Neue nach dem gefragt, was er in nebelverhüllten Bergen, auf buckligen Landstraßen, in traurigen Wäldern, in zwölf toten Meeren und im Schlund eines Friedhofs gesehen hat. Seine Antwort lautet: die Gräuel, Schrecken und Alpträume unserer Zeit. Wer im Neuen Testament „Die Offenbarung des Johannes“ aufschlägt und liest, wird unschwer erkennen, welcher Stoff Bob Dylan für seinen apokalyptischen Text inspiriert hat. Wie düster es um die Zukunft des Literaturnobelpreises bestellt ist, hätte man 2016 also schon erkennen können. Doch wie das so ist, mit den Zeichen an der Wand: die Erkenntnis kommt immer erst dann, wenn es zu spät ist. Was natürlich für diejenigen Damen und Herren Schriftsteller, die den Erhalt des Preises 2018 schon fest eingeplant hatten, ein schwacher Trost ist. Und so raunt man jetzt vermutlich in den internationalen Literaturopferkreisen. Me too. Ich kriege ihn auch nicht.

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