„Gerechte unter den Völkern“

Vor einem Jahr starb Irena Sendler, die mehr als 2 500 jüdischen Kindern zur Flucht aus dem Warschauer Ghetto half

Feuer, Schüsse, Kanonendonner, 12 000 Tote und unendliches Leid. Als im April 1943 der Beschluss der „endgültigen Liquidierung“ des Warschauer Ghettos durch die deutschen Besatzer Polens in Angriff genommen wurde, erhoben sich die seit 1940 dort eingeschlossenen Juden zum zweiten Mal, um eine verzweifelte Notwehraktion zu starten. Bereits im Januar desselben Jahres leisteten organisierte Gruppen mit Waffen, die auf dem Schwarzmarkt beschafft worden waren, einmarschierenden Deutschen Widerstand; die Besatzer sahen sich damals zum Rückzug gezwungen, die Deportationen in Vernichtungslager wurden vorübergehend eingestellt. Diesmal jedoch schlug die SS mit härtesten Mitteln den Aufstand nieder und ihr Gruppenführer und Generalleutnant der Polizei, Jürgen Stroop, meldete seinen Vorgesetzten Mitte Mai: „Es gibt keinen jüdischen Wohnbezirk in Warschau mehr.“

„Schon bald bemerkte Irena, dass die

Rassenideologie der Nationalsozialisten nicht auf Ausschließung und

Diskriminierung,

sondern auf

Vernichtung aus war“

Der Wohnbezirk war zerstört, doch den Trümmern und Brandstätten entstiegen Menschen, die das Gemetzel überstanden hatten und dringend Hilfe benötigten, denn die SS ging mit Schießbefehl und fortlaufenden Deportationen systematisch an die Beseitigung des Restghettos. Auf der ,arischen‘ Seite der Mauern, an Kellereingängen umliegender Häuser und an Kanaldeckeln positionierten sich junge Menschen aus der Untergrundorganisation, um Flüchtlinge entgegenzunehmen und damit deren Fahndern zuvorzukommen. Eine der Helferinnen war Irena Sendler, gerade 33 Jahre alt. Als Kind hatte sie bereits mit jüdischen Kindern gespielt und jiddisch gelernt. In den 30er Jahren studierte sie polnische Philologie und betätigte sich in der Polnischen Sozialistischen Partei, vor allem in dem Flügel, dessen Vertreter sich mehr um das Wohl der Benachteiligten kümmerten als um die eigentliche Politik. Ihre Anstellung fand sie bei der Sozialhilfeabteilung der Wohlfahrtsbehörde Warschau. Als der Wohlfahrtsabteilung zwei Monate nach Kriegsbeginn jegliche Hilfeleistung für Juden untersagt wurde, organisierte Irena Sendler zusammen mit einigen Kollegen sogenannte Judenhilfezellen, deren Mitarbeiter Papiere fälschten und so für Nahrung und Unterkünfte sorgten. Weil die Besatzer das Warschauer Ghetto 1940 zum Sperrbezirk erklärten, schmuggelte sie als Krankenschwester verkleidet unter dem Decknamen Jolanta Kleidung, Lebensmittel, Medikamente und Verbandszeug hinein. Schon bald bemerkte Irena, dass die Rassenideologie der Nationalsozialisten nicht auf Ausschließung und Diskriminierung, sondern auf Vernichtung aus war. Um die Kinder, die Träger der Zukunft eines Volkes, zu retten, setzte Irena ihr Leben ein. In Kisten, Säcken und Taschen, mit Schlafmitteln betäubt, trugen sie und ihre Helfer die Kleinkinder durch Abwasserkanäle und Geheimgänge, versteckten sie in Ambulanzen, Feuerwehrautos und Mülltonnen. Die älteren Kinder mussten sich in Zusammenarbeit mit der jüdischen Polizei in Arbeiterkolonnen mischen und diese außerhalb des Lagers wieder verlassen. Jedem Kind wurde eine neue Identität und eine Pflegefamilie beschafft, die Jugendlichen zu den Partisanen in den Wald geschickt. Über 2 500 jüdische Kinder fanden so den Weg aus der Hölle des Ghettos. Anfangs waren die Rettungsaktionen unorganisiert und spontan, abhängig von einer bestimmten Situation. Doch die Zusammenarbeit mit dem ¯egota, einem „illegalen“ ehrenamtlichen Hilfskomitee für die jüdische Bevölkerung, mit dem Irena 1942 in Kontakt getreten war, brachte Systematik, materielle Hilfe und Rückhalt. Am 20. Oktober 1943 wurde Irena Sendler auf Denunziationen hin verhaftet, verhört, gefoltert und zum Tod durch Erschießen verurteilt. Doch als sie zur Hinrichtung geführt werden sollte, ließ sie ein vom ¯egota bestochener Wachmann laufen. Irena tauchte unter und setzte ihre Arbeit fort. Auf dem Papier war sie tot, und die Gestapo wusste nicht, dass ihr eine der wichtigsten Personen der Untergrundorganisation entkommen war. Nur Irena Sendler kannte die echten und neu vergebenen Identitäten der geretteten Kinder, nur sie konnte die Angaben hierzu, die sie verschlüsselt auf dünne Seidenpapierstreifen geschrieben hatte, entziffern. Diese wichtige Liste gab nach Kriegsende ihren Schützlingen den wahren Namen zurück.

„Als eine Heldin

wollte sie nie gelten,

sie sei selbstverständlich der unbedingten Forderung ihres

Herzens gefolgt“

Nach dem Krieg bekam Irena Sendler den Antisemitismus der neuen Machthaber, die sie verächtlich als „Judenhelferin“ bezeichneten, erneut zu spüren. „Auf der Liste der Helden war einfach kein Platz für eine engagierte Frau, die zwar der Linken entstammte, doch von der ideologischen Utopie des Kommunismus weit entfernt war“, schreibt Micha³ G³owiñski, der zu den von Schwester Jolanta geretteten Kindern gehört und heute Professor am Institut für Literaturforschung der Polnischen Akademie der Wissenschaften ist. Irenas Rettungsaktionen liefen weiter. Sie versteckte Aktivisten der Heimatarmee. Infolge von Verhören, denen sie unterzogen wurde, erlitt die damals Hochschwangere eine Frühgeburt und verlor ihren Sohn. Durch den Einfluss einer anderen, einst von ihr geretteten Frau konnte sie zum zweiten Mal vor dem sicheren Tod bewahrt werden: Deren Ehemann zog Irenas bereits vorbereitete Verhaftung zurück. Wieder war sie Opfer einer Diktatur. Für ihren Mut geehrt wurde Irena Sendler erst sehr viel später: 1965 erhielt sie von der Gedenkstätte Yad Vashem den Titel „Gerechte unter den Völkern“, 2003 die höchste Auszeichnung Polens, den Weißen Adler für Tapferkeit und großen Mut und war 2007 eine der 181 Nominierten für den Friedensnobelpreis.

Vor einem Jahr verstarb die 98-Jährige. Als eine Heldin wollte sie nie gelten, sie sei selbstverständlich der unbedingten Forderung ihres Herzens gefolgt: „Die Welt müsste verstehen, dass sie nur dann besser wird, wenn in ihr Liebe, Toleranz und Demut herrschen.“

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