„Erst reich werden, dann Troja ausgraben!“

Vor 150 Jahren begann Heinrich Schliemann seine Ausgrabungen in Griechenland – Auf den Spuren des deutschen Pioniers der Archäologie in Athen. Von Rocco Thiede
Heinrich Schliemann
Foto: Foto: | Mythos Heinrich Schliemann.dpa
Heinrich Schliemann
Foto: Foto: | Mythos Heinrich Schliemann.dpa

Als Schliemann am 1. Juli 1868 auf Korfu griechischen Boden betrat, stand er im 47. Lebensjahr. Sein Interesse galt der Heimat des Odysseus …“, so schildert es der Historiker Ernst Meyer in seinem vor über 50 Jahren erschienenen Buch über das Leben des Kaufmanns, Archäologen sowie Pioniers der Feldarchäologie Johann Ludwig Heinrich Julius Schliemann. Es ist also genau 150 Jahre her, dass der 1822 in Neubukow (Mecklenburg) geborene Pfarrerssohn Schliemann seinen Jugendtraum verwirklichte. Ende des Jahres 1868 schrieb Schliemann in sein Buchmanuskript: „Endlich konnte ich den Traum meines ganzen Lebens verwirklichen und mit Muse den Schauplatz der Begebenheiten, welche mir ein so großes Interesse eingeflößt hatten, und das Vaterland der Helden besuchen, deren Abenteuer meine Kindheit entzückt und getröstet haben. Ich reiste also im verflossenen Sommer ab und besuchte nacheinander die Gegenden, in welchen noch so lebendige poetische Erinnerungen an das Altertum vorhanden sind.“

Wer heute in die griechische Hauptstadt Athen reist, trifft auch deutsche Touristen, die dort auf Heinrich Schliemanns Spuren wandeln – zum Beispiel im berühmten Archäologischen Museum, wo Schliemanns Goldschatz aus Mykene ausgestellt ist. Einige besuchen sein Athener Wohnhaus mitten im Zentrum der griechischen Hauptstadt und nur wenige Touristen verirren sich auf den sehr schönen „Ersten Athener Friedhof“, wo sich das Familiengrab des Archäologen befindet.

„Wir waren gerade im Akropolis Museum und da hat der Heinrich Schliemann eigentlich nichts verloren. Insofern haben die Griechen mit dem Heinrich Schliemann meines Wissens hier in Athen nichts zu tun“, behauptet ein Tourist vom Bodensee. Offensichtlich wissen nicht alle deutschsprachigen Reisenden um die enge biografische Verbindung von Athen und Schliemann, denn seine wichtigen Ausgrabungsstücke befinden sich nicht im neuen modernen Akropolis-Museum, aber ohne den Goldschatz aus Mykene wäre das weltweit wichtigste Museum der griechischen Antike, das Archäologische Museum, um eine bedeutende Attraktion ärmer.

„Weil ich seit meiner Jugend ein großer Troja-Fan bin – ich fand die Sagen und Geschichte immer total spannend – mussten wir uns natürlich die Schliemann-Villa neben der katholischen Kirche unbedingt anschauen“, sagt eine Besucherin aus Hamburg, die für eine Woche auf Athen-Erkundung war. „Viele Deutsche besuchen gern die Stadtvilla von Schliemann in Athen“, sagt die ganz in schwarz gekleidete Aufsichtskraft Jolta Papachristo. Das nach Plänen des aus Radebeul stammenden Architekten Ernst Ziller gebaute und von Schliemann „Haus des Priamos“ genannte herrschaftliche Anwesen ist so zentral gelegen, dass man daran vorbeiläuft, wenn man sich zum Beispiel eine Straßenkreuzung weiter die berühmte Wachablösung am Parlament anschauen möchte. Die Soldaten mit den folkloristischen Uniformen und lustigen Bommelschuhen, die mehr wie Marionetten in einem Ballett zu tanzen scheinen, statt zu marschieren, sind einer der touristischen Ankerpunkte und in jedem Reiseführer und auf jeder Postkarte zu sehen.

Heute beherbergt Schliemanns Haus – das sich unweit der Nationalbibliothek und Akademie befindet und mittlerweile in Staatsbesitz ist – das „Numismatische Museum“ von Athen. Auf Nachfrage erklären einem die jungen und freundlichen Aufsichtskräfte die einstige Zimmeraufteilung: vom Schlafzimmer über die Bibliothek bis zu den Kinderzimmern und der Küche. Vom ursprünglichen Mobiliar ist fast nichts mehr erhalten.

Er sprach 15 Sprachen und war finanziell unabhängig

Alle Zimmer haben hohe Decken. Die Wände sind bunt ausgemalt mit antiken Mustern und Vögeln. Auf den Fußböden sieht man häufig – ebenso wie draußen am Zaun – die antike „Swastika“, Als heraldisches Zeichen wurde es im 20. Jahrhundert erst durch die völkische Bewegung und dann durch die deutschen Nationalsozialisten als Hakenkreuz missbraucht. Zabella Gallanu vom Museum erklärt die ursprüngliche Bedeutung: „Es ist ein Sonnensymbol und bringt den Hausbewohnern Glück.“ Schliemann hätte es überall im Haus angebracht, weil es einerseits gute Energie brächte und er es andererseits in Mykene und Troja auch häufiger bei seinen Ausgrabungen auf Tonscherben und Mauern sah. Dass dieses Symbol inzwischen auch für extrem negative Energien steht, konnte er nicht ahnen.

„Er wusste schon, was schön ist und konnte sich auch was leisten“, meint eine Touristin aus Stuttgart und ihre Freundin ergänzt: „Die Villa ist schon sehr hübsch mit ihrem Garten und dem Kaffee – aber im Hintergrund die modernen Wohnblöcke stören leider das Bild.“

Zu seinem Sohn Heinrich soll Vater Schliemann einst gesagt haben: „Erst reich werden, dann Troja ausgraben!“ Offensichtlich hat er sich daran gehalten, denn Mitte des 19. Jahrhunderts war Heinrich Schliemann einer der vermögendsten Kaufleute Europas, sprach 15 Sprachen und konnte sich so in seinen letzten zwanzig Lebensjahren dem Reisen, der Archäologie und Ausgrabungen sowie dem Bücherschreiben widmen.

Die Touristin steht staunend vor den Schätzen im Archäologischen Museum: „Es ist schon beeindruckend, wie differenziert diese Masken gearbeitet sind, wie prunkvoll – großartig, auch die Diademe und die Gürtel und der ganze Schmuck!, Wenn man jetzt hier steht und alles im Original sieht, dann habe ich immer das Bedürfnis, wenn ich wieder zu Hause bin, muss ich mich doch etwas genauer mit der Geschichte und dem Leben von Schliemann befassen. Viel ist aus der Schulzeit nicht hängengeblieben…“. Auch sie war ein „Jugendfanatiker für diese ganze Klassik mit den Sagen“.

Auch eine Schliemann-Ausstellung in Berlin ist bei manchen unvergessen: „Da gab es einen extra Saal, wo Schliemanns Beutegut ausgestellt wurde. Er hat das meiner Meinung nach illegal ausgeführt. Seine griechische Frau Sophia hat sich damit gebrüstet und fotografieren lassen. Das gab einen riesen Skandal damals.“

Heiligabend 1890 auf der Rückreise von Deutschland nach Athen besuchte Heinrich Schliemann noch Pompei. Doch bereits am Zweiten Weihnachtsfeiertag stirbt er in Neapel an den Folgen einer Ohrenoperation. Am 4. Januar wird er auf dem Athener Zentralfriedhof im Beisein des griechischen Königs, den höheren Schichten der Athener Gesellschaft sowie des diplomatischen Corps beigesetzt. 1892 erfolgt die Umbettung des Leichnams in ein im Stil eines antiken Heroentempels errichtetes Mausoleums. Die Finanzierung des vom Architekten Hans Ziller erbautem Mausoleums, der ja bereits Schliemanns Stadtvilla errichtete, hatte Schliemann noch testamentarisch geregelt. Von seiner letzten Ruhestätte hoch über den Gräbern der Athener Erzbischöfe hat der Besucher einen schönen Blick auf die Akropolis.

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