Kirchengeschichte

Ein Besuch in der Kirchenbibliothek in Barth an der Ostsee

„Bibliotheca Bardensis“: Ein Besuch in der ältesten Kirchenbibliothek Deutschlands in Barth an der Ostsee.
Blick in die Historische Kirchenbibliothek in der Barther Marienkirche
Foto: Hoe | Blick in die Historische Kirchenbibliothek in der Barther Marienkirche.

Die Schöpfungsgeschichte mit der Erschaffung von Adam und Eva durch Gottvater beginnt im Jahr 6905 vor Christus. Zu diesem Ergebnis kommt aufgrund eingehender Untersuchungen der Kölner Kartäusermönch Albert Rolevinck aus Sankt Barbara. Dies weist er in seinem „Fasciculus temporum“, einer Heils- und Weltgeschichte, die den Zeitraum von der Erschaffung der Welt bis zur Abfassung seines wissenschaftlichen Werks im Jahre 1470 umfasst, minutiös nach. Nachlesen lässt sich das in Vorpommern. Dort liegt in der historischen Kirchenbibliothek in Barth ein Exemplar dieses beachtlichen Werkes. Gedruckt wurde es seinerzeit beim Kölner Buchdrucker Heinrich Quentell (gestorben 1501). Die rund 63 Seiten umfassende Universalgeschichte des gelehrten Rolevinck (1425 bis 1502) soll in 50 verschiedenen Druckfassungen eine Gesamtauflage von rund 100 000 Exemplaren erreicht haben. Der Gottesmann, seit etwa 1443 in Köln nachweisbar, hat etwa 50 Predigten, Geschichtsbücher und Bibelauslegungen verfasst. „Mit rund 30 Inkunabelausgaben, darunter zwei deutschen, einer niederdeutschen sowie fünf französischen Übersetzungen, blieb es bis in das 16. Jahrhundert hinein ein weithin anerkanntes Nachschlagewerk“, ordnet Varvara Disdorn-Liesen vom Vorstand des Fördervereins der Bibliothek die Bedeutung des Buchs aus dem spätmittelalterlichen Köln ein. Warum aber liegen nun Köln und der Dom, im übertragenen Sinne, an der Ostsee?

Backsteingotik im Ostseeraum

Ein Blick über 600 Jahre zurück. Ende des 13. Jahrhunderts bis in die Anfangsjahre des 14. Jahrhunderts wurde die bis heute stadtbildprägende Kirche St. Marien im Stil der für den Ostseeraum kennzeichnenden Backsteingotik im Zentrum von Barth errichtet. Die dreischiffige Hallenkirche, in den folgenden Jahrzehnten immer wieder baulich erweitert, ist seit der in Barth durchgeführten Reformation evangelisch. Sie beherbergt eine der frühesten nachweisbaren Kirchenbibliotheken, die „Bibliotheca Bardensis“. Die Bibliothek befindet sich am Ende der Empore in einem wunderbaren Raum mit spätgotischen Spitzbögen. 4 000 Bücher gehören zum Bestand. Es handelt sich um Handschriften und Drucke vornehmlich aus der Zeit des 15. bis 19. Jahrhunderts. Inhaltlich sind es theologische und liturgische sowie philosophische Schriften, Bibeln, Chroniken und juristische Abhandlungen. Die älteste Handschrift befasst sich mit Texten aus dem Alten und Neuen Testament und datiert von 1250. Die älteste Bibel in der Marienkirche ist eine im Jahr 1483 in Venedig gedruckte Inkunabel.

Insgesamt gehören 150 Inkunabeln zum Bestand. Damit werden die in der Frühzeit des Buchdrucks vor und während des von Johannes Gutenberg (1400 bis 1468) etablierten modernen Buchdrucks in der Zeit von etwa 1450 bis 1500 gedruckte Werke mit beweglichen Lettern bezeichnet. Die eingangs erwähnte Inkunabel kommt aus Köln und ist dort im Jahr 1480 als Quentell-Druck entstanden. Heinrich Quentell (1501 gestorben) war als europaweit vernetzter Buchdrucker im Haus zum Palast am Domhof sehr erfolgreich tätig. Später musste er Köln verlassen und führte von Antwerpen aus seine Geschäfte weiter. Er verlegte überwiegend theologische und philosophische Texte für den universitären Gebrauch. Viele seiner über 380 Drucke versah er mit Holzschnitten. So auch die Universalgeschichte des Kölner Kartäusermönchs Rolevinck.

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Ein Blick auf den Dom

In Rolevincks Heils- und Weltgeschichte nun fällt aus rheinisch-katholischer respektive kölnischer Sicht eine bekannte Darstellung besonders ins Auge. Es handelt sich dabei um den Blick auf Köln im Jahre 1478. Gut zu erkennen ist der mittelalterliche Kran auf dem im Bau befindlichen Dom. Besonders erwähnenswert ist die Darstellung des damals bereits fertig gestellten Hochchors, dessen 750. Jahrestag der Fertigstellung sowie Beginn der liturgischen Nutzung am 27. September 1322 in diesem Jahr ausgiebig begangen worden ist. Vögel umflattern das unfertige Gotteshaus mit dem hochaufragenden Dachreiter, auf der Rheinuferpromenade geht ein Hund Gassi, ein wilder Reiter sprengt vorbei, am Ufer des Rheins liegt ein hölzerner Nachen. Im Holzschnitt ist zudem genau jene hochgezogene Wand zu erkennen, die den Hochchor vom Baustellengeschehen „abschloss“, um ihn ungestört liturgisch nutzen zu können. Die Kölner Stadtansicht illustriert jenen Textabschnitt, der vom Aufbruch von Josef und Maria nach Bethlehem für die Niederkunft Christi berichtet. Auf der folgenden Seite der Inkunabel setzen sich biblische Heilsgeschichte und kölsche Weltgeschichte fort. Denn die biblische Weihnachtsgeschichte wird illustriert mit einem Holzschnitt, der die Anbetung des Christuskindes zeigt – und neben den vielen Figuren, die die Szenerie bevölkern, steht ganz rechts ein Rittersmann mit einem Schild, auf dem das Kölner Stadtwappen prangt. Warum aber mit Köln zwei landläufig bekannte Erzählungen der neutestamentlichen Weihnachtsgeschichte derart prominent illustriert werden, lässt sich nur spekulativ beantworten. Vielleicht, weil der Kölner Dom für die Aufbewahrung der sterblichen Überreste der ersten Christus-Pilger in Berhlehem, den Heiligen Drei Königen, errichtet worden ist?

Beschreibung des Abendlandes

„Beachtenswert sind bei dem Sammelband neben Rolevincks Text auch die drei anderen Schriften“, so Varvara Disdorn-Liesen. Denn dabei handelt es sich um eine Beschreibung des Abendlandes, Gebetstexte sowie eine Abschrift des Lexikons Isidors von Sevilla (gestorben 636). „Dessen Enzyklopädie umfasst das gesamte damalige Wissen des Mittelalters“, betont die Bibliothekarin den herausragenden geistig-geistlichen Wert dieses Nachschlagewerks des späteren Heiligen. Wie indes dieser 41 Zentimeter hohe, 30 Zentimetern breite und neun Zentimeter dicke Sammelband mit den vier Texten unterschiedlicher Autoren nach Barth gelangte, lässt sich nicht mehr ermitteln. Möglicherweise könnte es beim Austausch zwischen Klöstern im Rheinland und im Ostseeraum über Mönche mitgebracht worden sein. Eine andere Überlegung: Das Buch wurde im Rahmen des Warenverkehrs innerhalb der Hanse vom Rhein an die Ostsee transferiert. Die Stadt Köln gehörte zu den Gründern der von Städten und Kaufleuten aufgebauten europaweiten Wirtschaftsvereinigung, die bis in das 17. Jahrhundert von der Nordsee bis nach Nowgorod reichte. Barth profitierte sicherlich von der Hanse, schließlich liegen die Hansestädte Rostock, Stralsund und Greifswald in der Nachbarschaft der kurzzeitigen Residenzstadt. Barth war von 1378 bis 1478 Sitz des (Teil)Herzogtums Pommern-Wolgast.

Hohes ehrenamtliches Engagement

Der kleine Förderverein Kirchenbibliothek Barth – stets auf der Suche nach Mitgliedern und Unterstützern – kümmert sich mit enormem ehrenamtlichem Engagement um die konservatorischen Maßnahmen des Bestandsschutzes einerseits sowie Nutzung und Sicherung der Bibliothek von St. Marien andererseits. Immer wieder führen Mitglieder interessierte Besucher mit spürbarem Enthusiasmus durch den klimatechnisch überwachten Bibliotheksraum in den historisch über Jahrhunderte gewachsenen Bücherstand ein. „Die Bibliothek ist seit 1398 nachweisbar, als der damalige Pfarrer Hermann Hut seine Bücher der Gemeinde überlassen hat“, sagt Annett Drews vom Förderverein und fügt hinzu: „Das war die Keimzelle für den Aufbau der Bibliothek, denn daraus hat sich die Tradition ergeben, dass dies auch die nachfolgenden Geistlichen so handhabten.“ Da Pfarrer Hut in seinem lateinisch abgefassten Testament von einer „liberaria restauranda“ (wiederherzustellenden Bibliothek) schreibt, war wohl bereits vor 1398 ein Buchbestand vorhanden. Kernbestand wurde später der 123 Bände umfassende Nachlass des Reformators Johannes Block (1470/80 bis 1545), der die Plünderungen in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges (1618 bis 1648) überstanden hat. Hinzu kamen dann im Laufe der Jahre zahlreiche Nachlässe, Ankäufe und Schenkungen. Seit der Reformation in Barth im Jahr 1535 gehört die „Bibliotheca Bardensis“ zur Marienkirche.

Heute wird die im Fachjargon als ruhende Traditionsbibliothek bezeichnete Einrichtung vorwiegend wissenschaftlich genutzt. Es gibt enge Verbindungen zu den Universitäten Greifswald und Rostock sowie zur Staatsbibliothek zu Berlin. Wichtige Teile des Bestandes sind digitalisiert und somit gesichert. Ein Fachlicher Beirat des Fördervereins berät bei der Koordinierung von wissenschaftlichen Anfragen aus der gesamten Welt sowie von Privatpersonen für die Nutzung dieses Kulturguts.

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