Erinnerung

Eifelkreuz bei Simmerath: Zeichen des Friedens

Ein Mahnmal gegen den Krieg: 75 Jahre Eifelkreuz bei Simmerath.
Das Eifelkreuz
Foto: Foto: | Das Eifelkreuz, rundherum neue Sitz- und Liegeelemente.AD

Unter den Eindrücken der Gräuel des braunen Schreckensregimes und der barbarischen Dramatik des Zweiten Weltkriegs zogen im Oktober des Jahres 1947 exakt 47 Männer aus der Gegend um den Eifelort Simmerath auf die nahe Paustenbacher Höhe, um ein Friedenskreuz zu errichten. Die windumtoste Erhöhung, bekannt als „Auf der Kopp“ und 554 Meter über dem weit entfernten Meeresspiegel gelegen, war im Krieg zwischen Deutschen und US-Amerikanern hart umkämpft gewesen. Das weithin sichtbare Eifelkreuz sollte ein Mahnmal gegen den Krieg sein, gegen das Unrecht. Es setzte ein Zeichen des Gedenkens auch an die jungen Soldaten, die hier gefallen waren, und ein Symbol des Dankes, dass jene Eifeler Männer den Krieg überlebt hatten. Gleichzeitig war es ein stiller Friedensappell, was den Bogen von der Geschichte in die Gegenwart spannt. Inmitten der Besorgnis erregenden Lage in Europa bleibt das Anliegen chronisch aktuell – leider, so mag man hinzusetzen.

Zerstörungen und Friedenswunsch

Wie es in der Nachkriegszeit in der Eifelgegend aussah, sprengt aus heutiger Sicht die Grenzen der Vorstellungskraft. In einer Schrift des Kameradschaftlichen Vereins Simmerath blickt Verfasserin Rita Braun zurück: „Als 1945 die Herrschaft der Nationalsozialisten und der schreckliche Krieg zu Ende waren, kehrte auch die Bevölkerung von Simmerath in ihr fast völlig zerstörtes Heimatdorf zurück. Die meisten hatten kein Dach über dem Kopf, Kirche, Schule und Krankenhaus lagen ebenfalls völlig in Trümmern. Zu essen gab es wenig, das Geld war nichts wert, Tauschhandel war Währungsersatz. Viele Männer kehrten aus dem Krieg nicht zurück, die aus der Gefangenschaft Entlassenen waren schwach und krank.“ Dennoch richtete sich der Blick irgendwie nach vorn. Das Leben musste weitergehen. Die Sehnsucht nach Frieden, nach Ankerpunkten wie dem Eifelkreuz war folgerichtig. In fast unmittelbarer Nähe war der Westwall verlaufen. „Als das Friedenskreuz errichtet wurde, stand daneben noch die Metallkuppel des auf der höchsten Stelle errichteten Bunkers“, schreibt Autorin Braun. Ergänzend dazu ruft Erwin Finken, der Vorsitzende des Simmerather Ortskartells, ins Gedächtnis, dass die Amerikaner von dort oben den Blick über Simmerath und Kesternich hatten und beide Orte 1944 dem Erdboden gleich machten.

An die Aufstellung des Eifelkreuzes vor 75 Jahren erinnerte unlängst eine Gedenkfeier, zu der die Pfarre und das Simmerather Ortskartell eingeladen hatten. Bei dieser Gelegenheit wurde das kleine verwitterte Stammkreuz gegen ein neues, baugleiches des Handwerkers Vinzenz Braun ausgetauscht; der Gekreuzigte besteht aus Bronze, die Braun selber kunstvoll gegossen hatte. Gemeindereferent Sven Riehn unterstrich bei der Einsegnung: „Wenn wir es nun an gleichem Ort nach den Jahrzehnten, die uns vom letzten Kriege trennen, erneuern, so wollen wir der Menschen, die in den beiden Weltkriegen als Soldaten wie als Zivilisten ihr Leben ließen, gedenken und so ihr Andenken bewahren.“ In einer Besinnung bat Riehn: „Herr Jesus Christus, Du unser Friedensfürst. Herr, erbarme dich. Du bist der einzige Weg, die einzige Wahrheit und das Leben. Christus, erbarme dich. Du bist allen Opfern von Krieg und Gewalt nahe. Herr, erbarme dich.“ Vor dem Hintergrund der Ukraine-Krise unterstrich Riehn, „dass Frieden nicht selbstverständlich ist“ und mahnte, „nicht leichtfertig mit dem höchsten Gut der Menschen, dem Frieden, umzugehen“. Riehn beschloss seine Ausführungen mit einer Vergebungsbitte: „Guter Gott, erbarme dich unseres mangelnden Vertrauens und lass uns neu auf dich hören, heute und alle Tage unseres Lebens.“

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Raues Klima schadet dem Kreuz

Ortskartellvorsitzender Finken hält vor Augen, dass das zwölf Meter hohe Friedenskreuz wegen des rauen Eifelklimas bereits mehrfach ausgetauscht werden musste. Mittlerweile handelt es sich um die fünfte Variante, die 2012 mit vereinten Kräften ehrenamtlicher Helfer errichtet wurde und seither erfolgreich den Unbilden von Wind und Wetter standhält. Etwas abseits neben dem Kreuz steht ein Gedenkstein in Form eines sogenannten Venn-Wackens, also einem Felsblock aus dem Hohen Venn; davor ist in eine Umfassung ein winziges Blumenbeet angelegt.

„Seit Kindertagen bin ich mit dem Kreuz verbunden“, bekennt der 78jährige Finken. Das erste Mal davon gehört habe er mit sechs Jahren von seinem Vater, der im Zuge der Karfreitagsprozession dort hinauf gezogen sei. Mittlerweile findet die traditionelle Prozession stets im Herbst statt.

„Versöhnung über den Gräbern soll uns sein heilige Pflicht. / Wir bitten, Herr, lass leuchten ihnen dein ewiges Licht. / Wenn sich auch damals die Geister schieden, / das Kreuz mahnt, bewahrt den Frieden.“

Finken selber besucht das Kreuz mindestens ein halbes Dutzend Mal pro Jahr, natürlich auch, um nach dem Rechten zu sein. Außerdem koordiniert er die Pflege des Kreuzwegs, der vom Friedhof Simmerath etwa vier Kilometer auf die Paustenbacher Höhe führt; das Eifelkreuz ist dabei die zwölfte Station. Der Kreuzweg entstand wie das Kreuz selber ebenfalls im Oktober 1947. Die Stationen markierten seinerzeit einfache Birkenholzkreuze.

Bei der Gedenkfeier zitierte Finken ein eindringliches Gedicht des Paustenbacher Heimatdichters Oswald Jansen. Diesen habe er, so Finken, noch persönlich gekannt. Jansen hatte den Krieg aus nächster Nähe miterlebt und schrieb: „Eifelkreuz mächtig und stolz, / zwei Balken verbunden aus kernigem Holz, / Sinnbild des Sieges über den Tod, / bist der Welt letzte Rettung aus größter Not.“ Jansens Gedicht endet wie folgt: „Versöhnung über den Gräbern soll uns sein heilige Pflicht. / Wir bitten, Herr, lass leuchten ihnen dein ewiges Licht. / Wenn sich auch damals die Geister schieden, / das Kreuz mahnt, bewahrt den Frieden.“

Ein Gebet in der Stille ist hier möglich

Wer mag, kann sich länger um das Eifelkreuz aufhalten und neuerdings bequemer Platz nehmen als zuvor. Die vorherigen Bänke sind durch mehrere Sitzgruppen ausgetauscht worden; auch eine Holzliege lädt zum Verweilen ein. Ein ums andere Mal kommen Wanderer vorbei; manche hinterlassen am Gedenkstein ihren eigenen kleinen Stein als Zeichen, hier gewesen zu sein.

Für Erwin Finken ist die Höhe mit dem Kreuz ein besonderer Platz, der zwischen Erde und Himmel zur inneren Einkehr animiert. Der Wind rauscht durch die dahinter stehenden Bäume. Große Straßen und Städte sind weit weg. Bei schönem Wetter hebt sich das Kreuz majestätisch vor dem Blau des Firmaments ab. „Da ist es ruhig. Da stört einen keiner. Da kann man meditieren, die Gedanken gehen lassen“, sagt Finken. Für ihn ist es selbstverständlich, am Eifelkreuz immer ein ganz persönliches Gebet zu sprechen.

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