Aus aller Welt

Die Kirche liebt die Kranken

Das Internationale katholische Missionswerk missio unterstützt den Kampf der afrikanischen Ortskirchen gegen HIV/Aids

München (DT) In der zentralburundischen Stadt Gitega kennen viele Aidskranke Krankenschwester Emilienne Ndumuraro mit den großen Augen. Sie organisiert für diese Ärmsten der Armen Selbsthifegruppen. Da sie im kirchlichen Auftrag unterwegs ist, kommt bei Besuchern aus Europa schnell die bekannte Gretchenfrage, wie sie es mit Kondomen halte: Ruhig und zurückhaltend antwortet sie auf die Fragen ihrer deutschen Gäste. „Das Erste ist nicht das Kondom. Dies sind Menschen. Sie werden nicht vom Sex beherrscht.“

Und dann holt Schwester Emilienne erst einmal aus: Armut und Hunger zeichne im zentralafrikanischen Burundi und speziell auch in der Erzdiözese Gitega das Leben der Menschen aus. Oft verstärkten sich diese mit Ausbruch der Krankheit. Unterernährung beschleunige aber zusätzlich die Schwächung des Immunsystems. „Sie bekommen in den Selbsthilfegruppen deshalb auch zu Essen“, schildert sie die Unterstützung. Zudem würden die Patienten mit antiretroviraler Medizin, die die Virusvermehrung im Körper verlangsamt, versorgt. Doch nur insofern diese auch verfügbar sei. Aber rein körperliche Hilfe reiche nicht. Die Patienten erhielten psychologische Therapie und pastorale Begleitung. „Es geht um Befreiung von Angst und darum, Absonderung zu vermeiden“, sagt die Krankenschwester, die zugleich ausgebildete Katechistin ist.

Wie auch anderswo ist in Burundi das Thema Aids weitestgehend ein Tabu. „Normalerweise wird nicht über Sex und Aids gesprochen“, bestätigt Schwester Emilienne. In ihren Selbsthilfevereinen aber redeten „Jugendliche mit Jugendlichen“ und „Männer zu Männern“, um über Verbreitungswege aufzuklären und mit falschen, teilweise abergläubischen Vorstellungen aufzuräumen. Familienmitglieder pflegten so die Patienten frei von Berührungsängsten und lernten zudem „verantwortlich mit dem eigenen Leben umzugehen“. Die Kirche ist in Burundi zudem die einzige Institution, die Aids-Tests im Rahmen der Ehevorbereitung anbietet. „Jeder, der die Ehe schließt, soll wissen, ob er positiv ist“, erklärt Schwester Emilienne.

Aufklärung und verantwortliches Handeln sind für sie die Strategien gegen die tückische Pandemie. Die Zahlen geben ihr dabei offenbar recht. In ihrer Heimat sind nach Angaben der UN-Organisation UNAIDS zwischen 2, 7 und 3, 8 Prozent der 15- bis 49-Jährigen HIV-positiv. Im südlichen Afrika dagegen liegen die Zahlen noch weit über diesem ohnehin hohen Anteil. In Botswana sind 24, 1 und in Südafrika 18, 8 Prozent der Bevölkerung mit dem tödlichen Virus infiziert. Bekannt ist, dass im südlichen Afrika das Thema noch länger tabuisiert war. Päpstliche Kondomverbote, die gerne an deutschen Stammtischen gerügt werden, scheinen dort auch nicht das Thema zu sein.

Wie es mit dem Einfluss der katholischen Sexualmoral generell aussieht, ist problemlos den Zahlen des katholischen Bevölkerungsanteils zu entnehmen. Botswana hat etwa fünf Prozent und Südafrika rund sieben Prozent Katholiken, und in Burundi sind dies 65, 3 Prozent (nach Angaben von www.catholic-hierarchy.org). Afrikanische Regierungen, wie etwa die von Uganda, setzen inzwischen auf das Aids-ABC und zwar in dieser Reihenfolge: A wie „Abstinence“ (Enthaltsamkeit), B steht für „be faithful“ (treu sein), und C für Condom. Sie konnten damit ihre Durchseuchungsraten schon deutlich senken. In den frühen neunziger Jahren waren etwa in Uganda noch rund 15 Prozent der Menschen zwischen 15 und 49 Jahren HIV-positiv. Die Durchseuchungsrate ist nun aber auf sechs Prozent gesunken.

Zahlreiche Katechisten in Afrika arbeiten wie Schwester Emilienne mit den Aidskranken. „Die Kirche liebt die Kranken“, pflegt sie zu sagen. Und wie in ihrem Fall, wird deren Ausbildung oftmals vom katholischen Missionswerk missio finanziert. Nach dem Motto „Ich lasse Dich nicht fallen und verlasse Dich nicht“ unterstützt Missio die Ortskirchen auch noch bei anderen Projekten, von denen sich ZDF-Nachrichtenfrau Gundula Gause in Südafrika kürzlich persönlich überzeugte. Kondome seien „kein Allheilmittel“, verteidigte sie nach ihrer Rückkehr in einem KNA-Interview die Strategien der katholischen Kirche. Sie halte deren Weg, sich zunächst für ein „menschenwürdigeres Sexualverhalten“ einzusetzen, für richtig. Die Behauptung, die Kirche verhindere die wirksame Bekämpfung der tödlichen Seuche, weil sie gegen Kondome sei, sei „totaler Quatsch“. Kaum jemand kämpfe in Südafrika so effektiv gegen Aids wie die Kirche und ihre Partner.

In diesem Sinne arbeitet missio schon seit Jahren, seit 2004 im Rahmen der Aktion Schutzengel. Hilfe, die sich in besonderer Weise an HIV-positive Kinder und Aids-Waisen richtet, aber Kinder Aids-Kranker einbezieht. Da jede Minute weltweit ein Kind unter 15 Jahren an einer aidsbedingten Erkrankung stirbt, fordert missio geeignete Tests und bessere Therapien von der Pharmaindustrie. Im Rahmen dieser Aktion tourt auch der preisgekrönte Aids-Truck von Missio durch Deutschland, vom heutigen Samstag an in Traunstein bis zum 7. Dezember, ab 10. Dezember dann in der Erzdiözese Bamberg. Im Wageninnern werden nicht nur Projekte im fernen Afrika vorgestellt, sondern auch hiesige Jugendliche zur Auseinandersetzung mit der Aidsgefahr für das eigene Leben angehalten.

Auch Schwester Emilienne erreicht mit ihrer Arbeit für die Selbsthilfegruppen zahlreiche Aidswaisen, darunter die 19-jährige Dorine Ndayizeye und ihre vier Geschwister im Alter von acht bis 18 Jahren. Ihr Vater starb im Jahr 2003 an Aids, ihre Mutter ein Jahr darauf. Wahrscheinlich hat sie der Vater nach einer außerehelichen Affäre angesteckt. Dorine lebt mit den Geschwistern, die sie als Älteste versorgen muss, in einer winzigen dunklen Hütte. Die Selbsthilfegemeinschaft unterstützt sie, so dass es wenigstens zu zwei Mahlzeiten am Tag reicht. Morgens Maniok, abends Maniok, wenig abwechslungsreich. Sie ist oft kraftlos, die Verantwortung zehrt zudem an ihr. „Nein, ich habe keinen Freund“, sagt sie auf Nachfrage. Sie möchte nicht heiraten und habe auch keinen Kinderwunsch. „Der Tod war mir so nah“, sagt sie in Anspielung auf Leben und Sterben ihrer Eltern.

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