Ukrainekrieg

Wlodzimierz Wieczorek: Das Böse durch das Gute überwinden

Wlodzimierz Wieczorek (50) leitet ein Wohlfahrts- und Pflegezentrum der „Caritas“ in Urle bei Warschau. Unmittelbar nach dem russischen Überfall auf die Ukraine wurde das im Wald gelegene Anwesen zur Flüchtlingsstätte. Frühling und Sommer stellen die Helfer nun vor neue Herausforderungen.
Wlodzimierz Wieczorek - Engagiert und katholisch
Foto: mee | Engagiert und katholisch: Wlodzimierz Wieczorek.

Herr Wieczorek, Sie kümmern sich normalerweise um Menschen mit Behinderung und sozialen Problemen aus Warschau und Umgebung. Seit Ende Februar beherbergen Sie Flüchtlinge aus der Ukraine. Was sind Ihre aktuellen Erfahrungen?

Wir haben uns auf diese Situation frühzeitig vorbereitet. Dass die Russen einen Angriff planen, war ja schon längere Zeit abzusehen. Am 24. Februar begann der russische Überfall auf die Ukraine, bereits am 27. Februar haben wir die ersten 11 Flüchtlinge aus Kiew und Umgebung bei uns aufgenommen. Manche sind inzwischen weitergereist nach Deutschland, Skandinavien oder andere Städte in Polen. Derzeit halten sich 55 Personen bei uns auf.

Was sind das für Menschen?

Überwiegend Frauen und Kinder. Die jüngste Person ist zwei Monate alt und kam kurz vor der Flucht in der Ukraine zur Welt. Die älteste Person ist 80 Jahre alt.

Wie geht es den Menschen nach ungefähr 70 Kriegstagen?

Die meisten von ihnen kamen nach traumatischen Erlebnissen hier an, die immer noch verarbeitet werden müssen. Sie waren sehr müde nach der langen Reise und dem häufigen Stehen und Warten auf der ukrainischen Seite. Die Kinder und Jugendlichen nehmen inzwischen mithilfe des Internets am Schulunterricht teil oder gehen zum Kindergarten. Alle belegen Sprachkurse, wobei nicht alle ihre Zukunft in Polen sehen. Viele wollen sobald wie möglich wieder zurück in ihr Land.

Das kann vermutlich noch dauern.

Das stimmt. Zumal die Zerstörung in bestimmten ukrainischen Städten gewaltig ist. Für diejenigen, die glaubten und hofften, schnell wieder zurück zu können, hat mit der Osterzeit eine neue Phase des Realismus begonnen.

Wie fangen Sie die desillusionierten Menschen auf?

Wir helfen ihnen, den Kontakt mit den Familienangehörigen in der Ukraine aufrechtzuerhalten. Das ist sehr wichtig. Die Männer, Väter oder Söhne sind schließlich als Kämpfer und Soldaten in der Heimat geblieben und damit in Gefahr. Das belastet natürlich. Besonders während sie die ukrainischen Nachrichtensendungen verfolgen, sind die Menschen emotional sehr aufgewühlt. Da sich in Gemeinschaft vieles leichter ertragen lässt, bieten wir viele Gemeinschaftsaktivitäten an: Spiele, Filmvorführungen. Ostern haben wir festliche Essen in Warschau veranstaltet.

Welche Rolle spielt bei Ihrer Hilfe der religiöse Glaube?

Wir haben auch eine Kapelle mit Ikonen, wo sich regelmäßig ein Chor trifft und geistliche Lieder singt oder man in der Stille verweilen kann, um zu beten. Wie zuhause. Manche Flüchtlinge tun dies. Dazu kommen hierher regelmäßig Seelsorger der verschiedenen Denominationen: Römisch-katholische, Griechisch-katholische Geistliche, die für Gespräche und Seelsorge bereitstehen.

Auch Treffen mit orthodoxen Priestern und Bischöfen konnten wir über Ostern ermöglichen. Wir nehmen die Herkunft und verschiedenen Traditionen der Menschen sehr ernst. Der Glaube und die Hoffnung spielen für uns alle eine wichtige Rolle.

Gibt es auch Freizeit-Aktivitäten?

Diejenigen, die Zeit haben, können als Gruppe mit dem Zug umsonst in die Hauptstadt fahren. Dazu gibt es Begegnungen mit polnischen Familien aus der Diözese Warschau-Praga, die mit Geld und Sachspenden helfen.

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Sie sind auf Spenden angewiesen?

Ganz entscheidend. Wir haben eine Küche und einen Speiseraum, wo die Flüchtlinge versorgt werden. Wir erhalten viele Hygieneartikel, die auch benötigt werden. Dazu Schuhe, Unterwäsche. Mit Blick auf den Frühling und den Sommer hoffen wir natürlich auch auf angemessene Kleiderspenden, damit die Menschen bei den wärmeren Temperaturen keine Winterkleidung tragen müssen. Sie hatten, wie Sie sich vorstellen können, keine Zeit, bei der Flucht eine vielfältige Garderobe auszusuchen. Sie mussten in kurzer Zeit das mitnehmen, was nötig war und akut gebraucht wurde.

Was für besondere Hilfsinitiativen hat Caritas Polska entwickelt?

Es gibt eine spezielle prepaid-Karte, mit der die Flüchtlinge einkaufen gehen können. Dazu unterstützen wir die Flüchtlinge beim Internet-Shopping. Sie können online günstige Produkte aussuchen, und wir ermöglichen ihnen den Einkauf mithilfe des Geldes auf dem speziellen Caritas-Konto.

Helfen Sie auch bei der Arbeitssuche?

Ja, wir haben dazu ein System entwickelt. Es kommt darauf an, den Menschen Beschäftigungen zu verschaffen, die adäquat sind zu ihrer Ausbildung und den jeweiligen Fähigkeiten und Interessen. Davon hängt auch ab, ob dies Tätigkeiten mit einer langfristigen Perspektive sind. Einen Arzt konnten wir in den medizinischen Dienst vermitteln; eine Bäckerin übt inzwischen in Polen diesen, ihren eigenen Beruf aus. Ebenso eine Schneiderin. Frauen, die gerne kochen, unterstützen wir dabei, ihre Gerichte zu verkaufen. Dafür muss man ein paar bürokratische Hürden nehmen, doch es lohnt sich. Schritt für Schritt kommen wir voran.

Nicht alle Flüchtlinge, um die Sie sich kümmern, leben hier in Urle.

Das stimmt, wir haben auf unserer Website einen Fragebogen platziert, den polnische Familien in der Diözese Warschau-Praga, die Interesse daran haben, Flüchtlinge in ihrer Wohnung aufzunehmen, ausfüllen können. Es gibt viele katholische Familien, die auf diese Weise helfen.

Bringt die Not Polen und die Ukraine näher zusammen?

Ganz bestimmt. Unser Zentrum ist gut vernetzt mit vielen ukrainischen Hilfsorganisationen. Es besteht eine große Nähe und Solidarität; die ähnlichen Sprachen helfen sicherlich dabei, Brücken bauen zu können, doch es ist klar, dass der Krieg und die Not der Flüchtlinge keine reine polnische oder ukrainische Angelegenheit sind. Europa muss zusammenhalten und zusammen helfen. Gerade wir Christen sind gefragt, das Böse durch das Gute zu überwinden. Taten der Hoffnung auszuüben.

Die Anschrift des Zentrums lautet:
Oœrodek Caritas Diecezji Warszawsko-Praskiej, ul. S. A. Poniatowskiego 2, 05-281 Urle (Polen)

 

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