Kultur

Christliche Klöster in Arabien

Die Archäologie offenbart in einigen arabischen Ländern viel Überraschendes aus der christlichen Zeit – wie das Kloster al-Qusur in Kuwait.
Stuckkreuz, entdeckt in der Kirche von al-Qusur
Foto: mafkf.hypothese.org | Stuckkreuz, entdeckt in der Kirche von al-Qusur, die während des Golfkriegs teilweise zerstört wurde.

Bis vor wenigen Jahren war die Archäologie in Arabien, ebenso wie für Nichtmuslime der Besuch der heiligen Stätten des Islam „haram“, also verboten. Der Islam, als letzte der drei abrahamitischen Religionen, wollte an seinem Ursprungsort keinerlei Spuren von vorislamischen Zeichen und Symbolen dulden, wenn er sie nicht selbst, wie in Jerusalem, zu islamischen umgewandelt hatte. Erst mit dem Vordringen des Tourismus änderte sich dies, obwohl der IS in seinem Herrschaftsgebiet vorislamische Symbole wieder begann zu vernichten. In der iranischen Golfregion, wo seit einigen Jahren auch Kirchen wieder gebaut werden dürfen, wurden bisher fünf historische Kirchen ausgegraben, vier davon auf Inseln (Akkaz und al-Qusur in Kuwait, al-Kharg im Iran und Sir Bani Yas in Abu Dhabi) und eine auf dem Festland (Jubayl in Saudi-Arabien). Inselklöster waren wahrscheinlich besser zu verteidigen gegen ungebetene Eindringlinge. In Saudi-Arabien wurden Steine mit eingravierten Kreuzen auch in Thaj und Hinnah entdeckt, und ein Messingkreuz stammt aus Jabal Berri. Auf der Insel Failaka vor Kuwait-Stadt, einst an den Seehandelsrouten zwischen Mesopotamien und dem Indus gelegen, wurden auf 50 Quadratkilometer nicht weniger als dreizehn archäologische Stätten entdeckt.

Das Kloster al-Qusur in Kuwait

Im Zentrum von Failaka in der Bucht von Kuwait liegt al-Qusur, ein christliches Kloster, das für das Verständnis des Christentums und des Mönchtums zu Beginn der islamischen Periode von großer Bedeutung ist. Schriftliche Quellen belegen die Anwesenheit von Christen in der Golfregion, insbesondere durch die Erwähnung von Diözesen vom Ende des 4. bis zum 7. Jahrhundert n. Chr., aber sie weisen auch auf ihr Verschwinden in der Region nach dem zweiten islamischen Jahrhundert hin. Damit decken sich diese Befunde mit den Thesen der Saarbrücker Forschergruppe „Inara“ zur Frühgeschichte des Islam, die von der These ausgehen, dass in den beiden ersten islamischen Jahrhunderten der Islam von den Christen für eine christliche Sekte gehalten wurde und der Islam das Christentum nicht bekämpfte, sondern auch im Christentum seine Wurzeln sah.

Al-Qusur ist eine Siedlung, die sich um zwei gut erhaltene Kirchen gruppiert, von denen eine monumental war. Aus den Ergebnissen der französisch-kuwaitischen archäologischen Mission in Failaka geht hervor, dass es sich bei dieser Stätte um ein Kloster handelte, das wahrscheinlich am Ende der sassanidischen Periode (wahrscheinlich im 6. oder 7. Jahrhundert) erbaut wurde und nach der muslimischen Eroberung noch bis etwa zum 9. Jahrhundert existierte. Es ist noch nicht geklärt, ob das Kloster von einem Dorf umgeben war oder nicht. Die beiden wichtigen Kirchen in Failaka wurden bereits in den 1980er und 2 000er Jahren entdeckt. Mehrere Expeditionen – italienische, französische, slowakische und polnische – haben sich für diese archäologische Stätte interessiert. Seit 2011 führt die französisch-kuwaitische archäologische Mission in Failaka Ausgrabungen sowohl in Tell Sa'id – einer hellenistischen Festung – als auch in der Stätte al-Qusur durch.

Lange christliche Geschichte

Die Präsenz christlicher Siedlungen am Arabischen Golf ist an sich nicht überraschend. Die Christen haben eine lange und alte Geschichte in der Region. Es gibt verschiedene Hypothesen, um die teilweise Christianisierung der Golfregion im vierten Jahrhundert zu erklären. Bestimmte arabische Stämme, die in direktem Kontakt mit der christlichen Gemeinschaft von al-Hira im heutigen Zentralirak standen, könnten dazu beigetragen haben, das Christentum in die Golfregion einzuführen. Die assyrische Kirche des Ostens, früher auch als nestorianische Kirche bezeichnet, hatte in dieser Region missionarische Aktivitäten entfaltet, die zur Christianisierung einiger arabischer Stämme führten. Die Verfolgung der Nestorianer durch Perserkönig Schapur II., der das persische Sassanidenreich von 309 bis 379 regierte, führte zur Abwanderung von Christen aus seinem Reich. Vielleicht war die heutige Golfregion ein Ausweichquartier für diese Christen? Da der Golf eine Handelsstraße ist, könnten auch Interaktionen mit christlichen Kaufleuten eine Erklärung für die Präsenz der Christen sein.

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Genuin arabische Quellen schweigen über das Christentum in der Region. Nur syrisch-aramäische Texte wie Chroniken, Synodalakten, Hagiographien und Briefe belegen die Anwesenheit von Bischöfen und Klöstern in der Golfregion und somit die Existenz zahlreicher christlicher Gemeinschaften in diesem Gebiet. Eine der ersten Erwähnungen von Christen in der Golfregion stammt aus den Akten der Synode von Seleucia-Ctesiphon, die im Jahr 410 stattfand. Seleucia-Ctesiphon war der Patriarchensitz der nestorianischen Kirche, im heutigen Iran gelegen. Dieses wichtige Konzil, auf dem die Kirche des Ostens mit Antiochia brach, bezieht sich auf die Bischöfe der Inseln des Bahrain-Archipels, die dem Bischof von Seleucia-Ctesiphon unterstellt wurden. Sie zeugt von einer christlichen Präsenz vor der Synode. In Ermangelung archäologischer Funde aus dieser Zeit ist es schwierig, das Auftauchen der Christen im Golf zu datieren, aber den Texten zufolge scheint es, dass sie bereits Ende des vierten Jahrhunderts, vielleicht sogar früher, anwesend waren. Darüber hinaus wurden am Golf mehrere Stätten entdeckt, die mit einer späteren christlichen Besiedlung (vom Ende des 7. bis zum 9. Jahrhundert) in Verbindung gebracht werden. Es ist bislang noch kein Text bekannt, der die Stätte von al-Qusur oder gar die Anwesenheit von Christen auf der Insel Failaka erwähnt. Dass es solche Stätten gab, ist auch ein Beweis für die Toleranz des frühen Islams. Es könnte sein, dass zu dieser frühen Zeit der Islam noch nicht das Abgrenzungsbedürfnis späterer Jahrhunderte kannte und sich in der Eigen- und Außensicht noch gar nicht als neue Religion verstand.

Keine Unterbrechung der Tradition

Die Ausgrabung von al-Qusur belegt, dass das Kloster auch nach der Islamisierung der Region weiter genutzt wurde und es keine Unterbrechung der Tradition gab. Neben einer monumentalen Kirche wurden ein Lehmziegelgebäude und wahrscheinlich ein Refektorium, einige Hofgebäude rund um eine andere Kirche und wiederum ein Refektorium ausgegraben, was die Vermutung nahelegt, dass es sich um ein Kloster handelt. Die Stätte von al-Qusur ist in vielerlei Hinsicht außergewöhnlich, nicht nur wegen des relativ guten Erhaltungszustandes der bisher entdeckten Überreste und Objekte. Es gibt jedoch noch einige unbeantwortete Fragen, da die Feldarbeiten in al-Qusur noch nicht abgeschlossen sind. So etwa die Frage, ob die Hofgebäude Häuser oder Zellen für die Mönche sind. Auch die Frage, warum es auf der Insel Failaka vor Kuwait zwei Kirchen gibt und zu welcher kirchlichen Gruppierung und zu welcher Liturgie das Kloster gehörte, ist noch offen.

Die ersten Klöster auf der arabischen Halbinsel entstanden etwa 100 Jahre nachdem in der ägyptischen Wüste die ersten anachoretischen Mönchsklöster von Einsiedlern um den Heiligen Antonius entstanden. Waren die arabischen Klöster vielleicht Tochtergründungen aus Ägypten? Von Ägypten kam das Mönchswesen ja auch nach Armenien und nach Europa. Warum nicht auch nach Arabien?

Quelle: Julie Bonnéric, Rémy Crassard, Sultan Al–Duwaish, Archaeological evidence of an early Islamic monastery in the centre of al-Qusur (Failaka Island, Kuwait), Arabian Archaeology and Epigraphy, in: Arabian Archeology and Epigraphy, 32, 1, (1-5), (2021)

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