IM BLICKPUNKT

Apologeten gesucht

Beichte kann der entscheidende Schritt zur Selbstanzeige der Täter sein. Von Regina Einig

Nach der Vorstellung der von den deutschen Bischöfen in Auftrag gegebenen Studie über sexuellen Missbrauch in Kirchenkreisen prasseln die klassischen Stichworte auf die Öffentlichkeit ein. Was zwischen Betroffenheit und Empörung geäußert wird, ist oft mit heißer Nadel gestrickt, teilweise auch blanker Unsinn. Niemandem ist mit dieser Studie gedient. Den einen geht sie nicht weit genug. Andere bezweifeln angesichts der wissenschaftlichen Defizite ihren Nutzen. Bei Kirchenkritikern wird in diesen Tagen selten nachgehakt und nach Hausverstand gefragt. Es rächt sich, dass die Apologetik im Katholizismus aus der Mode gekommen ist. Vor allem gegen die erwartungsgemäß eingetroffene Pauschalkritik am Beichtgeheimnis sind klare Absagen notwendig. Die Debatte wurde erst kürzlich ohne neue Argumente in Australien wieder losgetreten. In Deutschland macht sich nun die „Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs“ für eine kritische Überprüfung des Beichtgeheimnisses stark. Ihrer Auffassung nach zeigt die MHG-Studie, dass vor allem die innerkirchlichen Machtstrukturen den Schutz der Kinder untergrüben. Daher sei eine „Analyse täterfreundlicher Strategien“ in der Kirche geboten.

Der Verdacht, im Beichtstuhl öffne die Kirche Missbrauchstätern ein billiges Hintertürchen, um ihr schlechtes Gewissen zu beruhigen, ist zwar mehrheitsfähig und verbreitet, karikiert aber das Bußsakrament. Wer so denkt, hat oft selbst kein realistisches Bild vom Beichten und profitiert von der allgemeinen Unkenntnis darüber. Hinzu kommt die fehlende Beichtpraxis vieler Katholiken – und das schließt Geistliche ein.

Die aufgeheizte Stimmung fordert unausgesprochen die soziale Todesstrafe für Täter und nimmt die große Mehrheit der unbescholtenen Priester und redlichen Beichtväter quasi in eine Art gesellschaftlicher Sippenhaft. Damit lässt sie die zutiefst christliche Haltung vermissen, für die der Beichtstuhl steht: Ziel der Seelsorge ist nicht der geistliche Tod des Sünders, sondern seine konsequente Abkehr von der Sünde. Der Kölner Generalvikar Markus Hofmann macht zu Recht darauf aufmerksam, dass die Beichte der entscheidende Schritt zur Selbstanzeige der Täter sein kann. (Seite 12). Realistisch betrachtet, kann das Beichtgeheimnis nicht nur Tätern den Weg in die richtige Richtung weisen. Gerade für Opfer, deren Wunsch nach Anonymität derzeit den Diözesen Kopfzerbrechen bereitet, kann der zu absoluter Verschwiegenheit verpflichtete Beichtvater ein wertvolles Gesprächsangebot sein, um das Eis zu brechen und Missverständnisse auszuräumen. Namenlosen Anklägern kann die Kirche weder helfen noch Gerechtigkeit widerfahren lassen. In der oft einseitig auf die Täter fixierten Debatte geht unter, dass auch die anonymen Beschuldiger eine Verantwortung tragen: für sich selbst und auch für potenzielle Opfer von morgen. Es ist zudem für Familie und Freunde, die Opfern helfen möchten, aber zugleich den Wunsch der Betroffenen nach Anonymität respektieren, eine Hilfe, sich in dieser schwierigen Lage in einem völlig geschützten Raum Rat holen zu können. In diesem Sinn taugt der Beichtstuhl nicht für einseitige Strategien, sondern für echte Lösungen.

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