Eichstätt

Zur Mitte hin, die Christus ist

Nikola Saric, der die koptischen Märtyrer von 2015 dem Vergessen entriss, präsentiert seine religiösen Bilder in Eichstätt.
Gethsemane
Foto: Edin Bajric | Das Gethsemane-Bild des serbisch-orthodoxen Künstlers Nikola Saric ist eines von vielen Beispielen für den christozentrischen Zugang seiner Werke, denen das Diözesanmuseum Eichstätt eine Sonderausstellung widmet.

Es sind Bilder, in denen sich Ereignisse unserem Gedächtnis einbrennen. Und es ist mutmaßlich das Aquarell „Heilige Märtyrer von Libyen“ des serbisch-orthodoxen Künstlers Nikola Saric, das als Erinnerung an die Hinrichtung von 21 koptischen Christen durch Terroristen des „Islamischen Staates“ am 15. Februar 2015 an der libyschen Mittelmeerküste im kollektiven Gedächtnis bleiben wird. Sarics Bild ziert das Cover von Martin Mosebachs auf Zeitzeugen-Gesprächen beruhendem Reisebericht „Die 21“, und im Februar 2018 auch den Titel des „VATICAN Magazin“.

Der dynamische Rektor des Collegium Orientale in Eichstätt, der ukrainische Priester Oleksandr Petrynko, hat das Original des Bildes, um das sich auch ein Museum in Paris eifrig bemühte, erworben. Der Künstler hat das Honorar dafür an die Hinterbliebenen der koptischen Märtyrer weitergereicht. Nun ist das Gemälde im Refektorium des Collegium Orientale zu bewundern.

Petrynko, Erzpriester der mit Rom unierten griechisch-katholischen Kirche in der Ukraine, ist überzeugt, dass das Martyrium der 21 Kopten „einen zeugnishaften und stellvertretenden Charakter trägt und für alle Christen konfessionsübergreifend von Bedeutung ist“. Auf der Grundlage des gemeinsamen Verständnisses des christlichen Martyriums unter den katholischen, orthodoxen und orientalischen Kirchen schlägt er vor, „diese koptisch-orthodoxen Märtyrer auch in der katholischen Kirche offiziell als Märtyrer anzuerkennen“.

Christliche Kunst für das Auge des Menschen heute

Rektor Petrynko hat nun den 1985 im serbischen Bajina Bašta geborenen und in Hannover lebenden Künstler für eine umfangreiche Ausstellung gewonnen, die am Mittwoch der Vorwoche eröffnet wurde. Noch bis Ende Oktober wird im Domschatz- und Diözesanmuseum Eichstätt die Ausstellung „Reflexionen“ von Nikola Saric zu sehen sein. Sie umfasst eine Auswahl von Werken, die Saric ab 2014 schuf, und die aus mehreren Zyklen stammen.

Seine Verbundenheit mit Gott spiegelt sich in all diesen Werken, die teilweise stark an Ikonen erinnern, teilweise an naive Malerei. Beim gemeinsamen Rundgang durch die Ausstellung korrigiert Saric, der an der Akademie der serbisch-orthodoxen Kirche für Kunst und Konservierung in Belgrad studiert hat, die Bezeichnung seiner Werke als „Ikonen“; er selbst spricht von „Bildern“. Sonst korrigiert er eher selten: Vieles dürfe der Betrachter hineininterpretieren, ohne dass er damit die Intention oder Interpretation des Künstlers ausdrücke. „Ich sehe meine Kunst heute so, morgen vielleicht anders“, meint er mehrfach.

„Christus ist die Mitte, mein Erlöser!“
Nikola Saric

Auffallend ist, dass Christus nicht zufällig im Mittelpunkt seines künstlerischen Schaffens steht: Alt- und neutestamentarische Figuren drehen ihre Köpfe zu ihm. Christus selbst blickt den Betrachter meist pfeilgerade an. Darstellungen der Menschwerdung Christi, der Taufe, der Brotvermehrung, der Himmelfahrt oder der Wiederkunft des Herrn (alle aus dem „Zyklus des Lebens“) sind in diesem Sinn christo-zentrisch. In ihren Ecken finden sich Gestalten der Bibel, die hinweisenden oder vorbereitenden Charakter haben. Das Bild der Taufe Jesu (gehalten vom Täufer und einem Engel) zeigt in den Ecken Moses mit Stab, Noah mit Palmzweig, Petrus in den See springend und Johannes mit seinen Jüngern – ein Panoptikum biblischer Wasser-Symbolik. Saric bestätigt: „Christus ist die Mitte, mein Erlöser!“

Besonders beeindruckend ist das Gethsemane-Motiv, das elf Apostel schlafend und den Verräter Judas mit Fackel und ausgestrecktem Zeigefinger von links unten nahend zeigt. Die aus vier Ecken herandrängenden Verfolger tragen nicht nur Waffen ihrer, sondern auch unserer Zeit.

Christliche Kunst heute zugänglich machen

In allen Zyklen greift Nikola Saric, wie Rektor Petrynko treffend bemerkt, „auf die christliche Kunst zurück und macht sie für das Auge eines Menschen von heute zugänglich“. Viele Anspielungen oder Attribute sind der klassischen Ikonographie entnommen, andere dagegen originell und verfremdend.

Da sind etwa die „9 Ansichten des Kreuzes“, die den Betrachter durch eine überraschende Perspektive zu einem neuen Blick und neuer Nachdenklichkeit zwingen. Auf einem Gemälde wird Veronika von dem auf einen Bilderrahmen aufgespannten Schweißtuch so hell und leuchtend angesehen, dass der Betrachter sich betrachtet fühlt. Es gehe ihm um den Kreuzweg als „ein immerwährendes Ereignis“, sagt Nikola Saric, der dieses Gemälde in Eichstätt neben eine klassische Veronika-Darstellung platziert hat.

Überhaupt gewinnen Sarics Werke durch den Dialog mit der im Domschatz- und Diözesanmuseum vorgefundenen Kunst an Bedeutungsbreite und Spannung. Da ist manches gewohnt, etwa die sehr klassische Darstellung des heiligen Georg, anderes dagegen eine Einladung zum Perspektivenwechsel.

Hierzu laden insbesondere die Kreuzes-Ansichten ein: Der gekreuzigte Jesus, der – im Kontrast zum benachbarten Rubens-Bild, auf dem sich der Schächer nach Jesus ausstreckt – mit der rechten Hand den Kopf des rechten Schächers umfasst, als wolle er ihn bereits am Kreuz an sich ziehen. Dann eine Kreuzigungsszene, die den Hohepriester und den zerreißenden Tempelvorhang dunkel hält, während sich über dem Gekreuzigten hell die göttlichen Vaterhände zeigen. Schließlich ein vom Kreuz genommener Heiland, an den sich seine Getreuen (ikonographisch erkennbar) liebevoll zu klammern scheinen, während sie den Toten einhüllen. Alles schwergewichtige Gemälde von großer, innerer Ruhe und tiefer Konzentration.

Die Heiligen aller Zeiten sind auf Gott hinbewegt

Der Künstler könne nicht aus dem Nichts schaffen, „alles gab es schon“, sagt Saric, gefragt nach den Quellen seiner Inspiration. Die Bibel selbst, Menschen, die sich mit ihr befassen, aber auch Erfahrungen, universale existenzielle Probleme und die menschliche Natur an sich sind die Themen, die Nikola Saric bewegen.

In einem apokalyptischen Motiv „Ansicht des Kreuzes vom Jüngsten Tag“ zeigt er den letzten Tag vor der Auferstehung: Märtyrer umgeben den Heiland in schneckenförmiger Umrundung; sie sind augenscheinlich im Frieden und in leuchtenden Farben gehalten, während ihre Mörder in den Ecken in chaotische Finsternis absinken. Auch der Zyklus „Glühende Dunkelheit“ lässt sich leichter christologisch als profan deuten: Das Bild „Durst“ zeigt Jesus in der Mitte eines Sees, halb versunken, fast schlafend; das Bild „Glaube“ eine an den Apostel Thomas erinnernde Gestalt, den Finger tief in Jesu Seite bohrend und den Kopf an seinen Oberkörper geschmiegt.

„Sie leben und wirken in ihre eigenen
Geschichten, ohne jemals den immer-kommenden
Christus aus den Augen zu verlieren“
Nikola Saric

„Zeugen“ lautet der Titel eines weiteren Zyklus, dem laut Nikola Saric die Idee zugrunde liegt, „die Gemeinschaft der Menschen mit Gott durch künstlerisches Eintauchen in persönliche Geschichten zu unterstreichen“. Präsentiert werden biblische Gestalten wie Adam, Abel, Abraham, David, Elia, Jona, der Täufer und natürlich auch Christus und die Mutter Gottes, weiter Lazarus und Stephanus, aber auch große Theologen (wie Ignatius von Antiochien und Johannes von Damaskus) und populäre Heilige (wie Georg). Dazu Saric: „Aus diesen Quellen können wir unendlich schöpfen, daher geht die Darstellung der einzelnen Personen in die Tiefe.“

Alle Charaktere drehen ihren Kopf auf die Mitte hin, die Christus ist, weil die Heiligen aller Zeiten geistig und körperlich auf Gott hinbewegt sind: „Sie leben und wirken in ihre eigenen Geschichten, ohne jemals den immer-kommenden Christus aus den Augen zu verlieren.“ Saric weiter: „Und Er, der Erlöser, sitzt auf dem Thron umgeben von himmlischen Mächten, an der rechten Seite des Vaters, breitet die Arme aus für alle, die seinem Ruf folgen“.

Die Sonderausstellung „Nikola Saric – Reflexionen“ ist im Domschatz- und Diözesanmuseum Eichstätt noch bis 31. Oktober jeweils Mittwoch bis Sonntag zu sehen.

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