Zehn Jahre nach zwölf

Die dringende Qualitätsdebatte über Kitas wird weiter verdrängt.

Neue Zahlen und Fakten Von Jürgen Liminski

Das Thema flackerte zu Beginn des Jahres kurz auf, wurde aber schnell wieder verdrängt: Deutschlands Krippen leiden chronisch an Qualitätsmangel. In manchen Studien sind die Fakten allerdings nachzulesen. So hat das ifo-Institut in München die Folgen unzureichender Betreuung der Kinder untersucht und kam zu dem Ergebnis, dass der Anteil der Kinder, die bei der Schuleingangsuntersuchung sozial-emotionale Auffälligkeiten zeigen, deutlich gestiegen sei. Die Ärzte hätten festgestellt, dass etwa fünf Prozent mehr Kinder seit dem Ausbau der Krippen hyperaktiv, besonders ängstlich, besonders laut oder auch besonders zurückhaltend seien. Das gelte vor allem für Kitas mit weniger Personal, betroffen seien insbesondere Schleswig-Holstein, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern. Daten aus einer Langzeit-Untersuchung, die das ifo auch herangezogen hat, zeigen zudem: Je länger die Eltern in den ersten Jahren des Kindes die Betreuung selbst übernehmen, umso sicherer und zufriedener sind die Kinder in späteren Jahren. Schon die Verlängerung der Betreuungszeit ab dem sechsten Monat um ein halbes Jahr ließ die Lebenszufriedenheit messbar steigen und zwar um acht Prozent.

Eine weitere Studie, diesmal von der Bertelsmann-Stiftung, untersuchte die Kontaktzeit eines Kindes mit den Erzieherinnen. Sie geht von einem Idealschlüssel von eins zu drei aus. Das wird nirgendwo erreicht. Am besten ist es noch in Baden-Württemberg, wo fünf Krippenkinder auf eine Fachkraft kommen. In Ostdeutschland sind es zehn, in Berlin ebenso. Zählt man die Kinder bis drei Jahren hinzu, liegt der Schlüssel im Schnitt bei 15 Kindern pro Fachkraft. In der Hauptstadt sind nach Angaben der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft derzeit 1 500 Stellen nicht besetzt. Die Ansprüche wurden mittlerweile so weit heruntergeschraubt, dass in Berlin ein Drittel der Erzieherinnen keine Ausbildung zur anerkannten Erzieherin mehr vorweisen müsse, vor anderthalb Jahren lag die Quote noch bei 20 Prozent, vor 2013, als das Recht auf einen Krippenplatz in Kraft trat, waren es null Prozent. Einheitliche, bundesweite Standards gibt es nicht.

Auch das sogenannte Gute-Kita-Gesetz hat daran nichts geändert. Die 5,5 Milliarden Euro, die der Bund den Ländern bis 2022 zusätzlich zur Verfügung stellt, werden nur selten in neues Personal investiert – man findet auch kein qualifiziertes –, sondern vor allem in die Gebührenfreiheit für Eltern. Zwar sind nach Angaben des Statistischen Bundesamtes „nur“ zwei Prozent der Kinder unter einem Jahr in der Krippe, aber bereits 37 Prozent der Einjährigen. Mit anderen Worten: Wenn das Elterngeld ausläuft, werden die Kinder zunehmend in die Krippe abgeschoben. Damit führt das Gesetz die für Kinder und Familien, mithin für die Gesellschaft, unheilvolle Entwicklung fort. Denn Krippenstress führt bei Ein-und Zweijährigen nachweislich und nachhaltig zu Defiziten in der Intelligenzentwicklung, bei der Affektregulierung und bei Gedächtnisleistungen.

Darauf weist auch der Newsletter des Christa-Meves-Freundeskreises „Verantwortung für die Familie e. V.“ in seiner neuesten Ausgabe hin. Er beziffert sogar einige Kosten für diese Defizite. „Bis zu 17 000 Euro pro Kind können für Krankenkassen und Steuerzahler zusätzlich entstehen infolge kitabedingter unsicherer Bindungen an ihre Eltern: Kosten aufgrund vermehrter späterer Verhaltensauffälligkeiten mit notwendiger Erziehungsberatung und Therapien, Heim- oder Klinikaufenthalten sowie Schulförderung bis hin zur Suchtberatung. Je sicherer die Bindung an die Eltern ist, umso geringer aber fallen diese Kosten aus.“ Hinzu kämen die Folgekosten „durch vermehrte Inanspruchnahme der öffentlichen Jugendhilfe“. Deren Ausgaben seien in den vergangenen zehn Jahren, also mit dem Start der Krippenoffensive, „um 108 Prozent auf mehr als 51 Millionen Euro jährlich“ gestiegen. Da das Familienministerium die jetzige außerfamiliäre und bindungsferne Betreuungsquote der Kleinstkinder bis zwei Jahren bis 2030 zu verdoppeln plant, lässt sich erahnen, so der Newsletter, „welche Kostenlawinen und Lawinen seelischer Erschütterungen uns noch bevorstehen“. Es ist höchste Zeit, die Qualitätsdebatte über Kitas zu führen und das Verdrängen zu beenden. Es ist dafür nicht fünf vor zwölf, sondern eigentlich schon zehn Jahre nach zwölf.

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Bertelsmann Stiftung Familienministerien

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