Wirklichkeit ist das Maß der Wahrheit

Die Frage nach dem Zusammenhang von Offenbarung und Überlieferung bei einer Tagung in Paderborn. Von Heinrich Wullhorst
Foto: IN | Thomas von Aquin hat sich am Primat der Wirklichkeit orientiert, hier als Kirchenlehrer in der Sicht von Francisco de Zurbarán.

Der Primat der Wirklichkeit und die Auswirkungen von Überlieferung und Offenbarung auf Theologie und Philosophie standen im Mittelpunkt einer Tagung an der Theologischen Fakultät in Paderborn. Im Kern ging es dabei um die Sichtweisen der christlichen Philosophen Josef Pieper und C.S. Lewis zu diesem Themenkomplex. Was macht diese beiden Wissenschaftler so bedeutsam, dass man sich in der ostwestfälischen Metropole zum siebten Mal so intensiv mit ihnen befasste?

Der deutsche Josef Pieper wurde 1904 im westfälischen Rheine geboren und starb im Alter von 93 Jahren in Münster. Der Philosoph lehrte in Essen und Münster. Vorlesungen hielt er auch nach seiner Emeritierung bis ins hohe Alter von 92 Jahren. Piepers Ansichten finden ihre Basis in der Scholastik Thomas von Aquins sowie in der Lehre Platons. In seinem Wirken als Philosoph und Autor hat er stets die bleibende Aktualität der Weisheitstradition des Abendlandes in einer klaren Sprache vermittelt. Ein begeisterter Leser der Werke Piepers war auch Papst Benedikt XVI. In einem Brief an den Paderborner Erzbischof bekannte der damalige Pontifex im Jahre 2009, die Schriften Piepers hätten in ihm „die Lust zum philosophischen Denken und die Freude an einer rationalen Suche nach den Antworten auf die großen Fragen unseres Lebens geweckt“. Josef Pieper war für den früheren Papst „ein exemplarischer und höchst aktueller, wahrer Philosoph, weil er sich durch die Größe der Frage und die Gefahren des Weges nicht einschüchtern ließ, sondern darauf beharrte, dass es die rationale Suche nach dem Ganzen, nach der Wahrheit selbst geben muss und dass erst dies wahre Philosophie ist“.

Clive Staples (C.S.) Lewis erblickte 1898 im Nordirischen Belfast das Licht der Welt. Der Philosoph und Schriftsteller starb 1963 in Oxford. Hier hatte er als Literaturwissenschaftler ebenso gelehrt wie an der Hochschule in Cambridge. Als Autor fand der ehemalige Atheist neben literaturkritischen Werken und christlich-apologetischen Schriften besondere Beachtung durch seine Kinderbuchserie „Die Chroniken von Narnia“. Auch in diesem Werk bediente er sich einer christlichen Symbolik. Der Zeitgenosse und langjährige Freund vom „Herrn der Ringe“-Verfasser J. R. R. Tolkien war Mitglied des christlich geprägten Literaturkreises der „Inklings“.

In ihrem Wirken befassten sich beide Philosophen mit der Frage, was ihre Fachrichtung mit „Überlieferung und Offenbarung verbindet“. „Wer den Primat der Wirklichkeit anerkennt, wird Erfahrung nicht auf alltägliche Welterfahrung und Wahrheit nicht auf Vernunftswissen einschränken“, hieß es in der Einladung zu der Paderborner Veranstaltung. Und so näherten sich sechs hochkarätige Referenten in ihren Vorträgen der Frage nach der Überlieferung eines Wissens, das auf göttlicher Offenbarung beruht, seinem gestalthaften Ausdruck im Mythos sowie dem Wahrheitsgehalt und der heilsgeschichtlichen Bedeutung dieses Wissens.

Die Frage „Was ist Wahrheit?“ beschäftigt die Menschen durch alle Zeiten. Doch was geschieht, wenn es verschiedene Wahrheiten gibt, oder zu geben scheint? Thomas Möllenbeck, Privatdozent am Institut für Systematische Theologie und Ethik der Universität Wien, nahm zu Beginn der Tagung die Ringparabel Gotthold Ephraim Lessings aus seinem Werk „Nathan der Weise“ in den Blick. Er stellte die Frage, inwieweit die Ringparabel tatsächlich das Verhältnis der drei sogenannten abrahamitischen Religionen zueinander darstelle. Dabei machte er auf Ungereimtheiten in dem Text aufmerksam, die eine abschließende Klärung erschweren. In der Diskussion blieb offen, ob die Ringparabel tatsächlich einen Beitrag zur Verständigung der Religionen leisten kann. Selbst dann, wenn Judentum, Christentum und Islam alle einen gleichberechtigten Wahrheitsanspruch hätten, müsse es nicht letztlich doch eine Hierarchie der Wahrheit geben?

Möllenbeck befasste sich in diesem Zusammenhang auch mit dem „Jesus-Trilemma“ in der Philosophie von C.S. Lewis. Dieser stelle, basierend auf einer allgemeingültigen Annahme, dass Jesus ein großer ethischer Lehrer war, drei Thesen zu der Behauptung Jesu auf, Gott zu sein, von denen eine stimmen müsse: Entweder, er war verrückt und glaubte fälschlicherweise, dass er Gott sei. Oder er wusste, dass er nicht Gott ist und behauptet es als Lügner wahrheitswidrig. Die dritte Alternative laute: Jesus war Gott. Bei der Deutung geschichtlicher Ereignisse gehe es, so Möllenbeck, immer um die Annahme auf Treu und Glauben. Für den Christen bedeute das: „Der Christ, wenn er glaubt, glaubt Jesus Christus.“

In einer öffentlichen Abendvorlesung wandte sich der emeritierte Würzburger Professor Wolfgang Klausnitzer mit fundamentaltheologischen Anmerkungen dem christlichen Offenbarungsverständnis im Spannungsfeld von vor- und außerchristlichem Mythos, historischer Wahrheit und heutiger Relevanz zu. Klausnitzer beschrieb die Entwicklung der Bedeutung des Offenbarungsbegriffs. Er machte dabei deutlich, dass der Zugang zur Wahrheit über das Thema „Offenbarung“ eher ein Prinzip neuzeitlicher Theologie sei, das vorwiegend im 18. Jahrhundert in den Mittelpunkt der theologischen Debatte gekommen sei. Der sich über diese These entwickelnde wissenschaftliche Disput zeigte, dass es auch hierbei verschiedene Wahrheiten zu geben scheint, die aber offenbar zum System gehören, wie Klausnitzer humorvoll feststellte: „Das ist ja Theologie, dass man sich auch mal widerspricht.“

Klausnitzer beschrieb in seinem Vortrag drei unterschiedliche Arten des Offenbarungsverständnisses. Zunächst erläuterte er das epiphanische, bei denen der Mensch die unmittelbare Erfahrung der Gegenwart Gottes mache. Diese sei zumeist von Erschrecken und Faszination begleitet. Daneben stellte er das instruktionstheoretische Offenbarungsverständnis, das seinen Ausdruck beispielsweise in der Bergpredigt des Neuen Testaments finde. Die Synthese aus beidem sei die Erkenntnis der Offenbarung als Selbstmitteilung Gottes, wie diese in der Johanneischen Theologie des 19. Jahrhunderts vertreten worden sei. Klausnitzer zeigte in seinem Vortrag auf, inwieweit die Philosophie von C.S. Lewis auch Theologen wie Joseph Kardinal Ratzinger, den späteren Papst Benedikt XVI, oder Christoph Kardinal Schönborn inspiriert habe.

Hanns-Gregor Nissing ist Theologe und Philosoph. Seit 2012 arbeitet er als Referent für Glaubensbildung im Geistlichen Zentrum der Malteser. Er befasste sich mit den Ursprüngen heiliger Überlieferung bei Josef Pieper und Thomas von Aquin. „Tradition gibt es nur unter der Voraussetzung heiliger Überlieferung“, zitierte er aus einem Werk Piepers. Die heilige Überlieferung gründe wiederum in göttlicher Überlieferung. Nissing legte dar, wie Gottes Wort die Menschen erreiche, und befasste sich mit der spannenden Frage, ob es angemessen sei, dass Christus seine Lehre nicht selbst schriftlich niedergelegt habe. Die Antwort findet Nissing bei Thomas von Aquin. „Je erhabener der Lehrer, desto erhabener muss auch seine Lehrweise sein.“ Jesus sei es darum gegangen, seine Lehre den Herzen seiner Zuhörer einzuprägen. „Aus dem gleichen Grund wollten auch weder Pythagoras noch Sokrates etwas niederschreiben“, erklärte Nissing. Darüberhinaus kann, nach Thomas von Aquin, ein geschriebenes Wort die Hoheit der Lehre nie erschöpfend wiedergeben. „Hätte Christus seine Lehre schriftlich niedergelegt, so würden die Menschen in seiner Lehre keine größere Tiefe erwarten, als sie in den Schriften vorhanden sei.“ Gott sei nach alledem ein versierter Lehrer, der eine Vielzahl von Formen nutze, um zu uns Menschen zu sprechen. „Rhetorik und Poetik sind dabei sich ergänzende Teile der Beweisführung“, machte Nissing unter Berufung auf Thomas und Pieper abschließend deutlich.

Ein profunder Kenner Josef Piepers ist auch Berthold Wald. Der Professor, der in Paderborn Systematische Philosophie lehrt, ist Herausgeber des Gesamtwerks des Wissenschaftlers. Er befasste sich bei der Tagung mit dem Offenbarungsbezug des Philosophierens. Wald erläuterte, wie sich der Glaube an die Erschaffung der Welt auf die Philosophie ausgewirkt habe. „Theologie gibt es nur, wenn es Offenbarung gibt“, zitierte er Pieper. Die Philosophie argumentiere demgegenüber reaktiv, gleichsam als Kontrapunkt, inspiriert durch die geoffenbarte Wahrheit. Pieper habe als Glaubender philosophiert und seinen Hörern Anteil daran gegeben, was er als Philosophierender gesehen habe.

„Die Offenbarung erschließt uns Wahrheiten, die Überlieferung gibt sie weiter“, erläuterte Professor Jörg Splett, Professor em. für Philosophie an der Philosophisch-Theologische Hochschule Sankt Georgen. Jedem Einzelnen erscheine Wahrheit ein wenig anders, deshalb gebe es so viele Wahrheiten, ergänzte der Philosoph. Die Apostel hätten, so erklärte der ehemalige Assistent Karl Rahners, Jesus zunächst nur für den Messias gehalten, nicht aber für Gott. Selbst nach dem Pfingstereignis habe es in der Kirchengeschichte noch 325 Jahre gedauert, bis die göttliche Natur Jesu festgeschrieben worden sei. Der Heilige Geist werde, so Splett, in der Kirche zu wenig wertgeschätzt: „Er kommt so erbärmlich zu kurz in unserer christlichen Tradition“, beklagte er. Dabei schenke uns der Heilige Geist „die Empfänglichkeit für Gottes Gaben“.

Norbert Feinendegen hat über C.S. Lewis promoviert. Auf 600 Seiten hat er die Verankerung des ehemaligen Atheisten im christlichen Credo nachgezeichnet. Er beschrieb bei der Paderborner Tagung eindrucksvoll das Verständnis des Philosophen vom Mythischen. Bevor C.S. Lewis zur Anerkennung des christlichen Glaubens kam, habe er mit der Frage gerungen: „Hätte Gott es uns mit seiner Offenbarung nicht einfacher machen können?“ Sein philosophischer Denk-Weg habe ihn zunächst zu der Erkenntnis gebracht: „Gott existiert und ist der geistige Urgrund von allem, was ist. Er ist kein bloßes abstraktes geistiges Prinzip, sondern Person.“ Allein der Inkarnation als der entscheidenden Offenbarungstat Gottes erkenne Lewis die Fähigkeit zu erhellen zu, was die religiöse Erfahrung der Welt und die Philosophie über den göttlichen Sinngrund der Wirklichkeit zu sagen wüssten.

Als Literaturwissenschaftler habe sich Lewis intensiv mit dem Phänomen des Mythischen befasst. Mit Mythen meinte er aber nicht nur jene Geschichten, die wir religionsphilosophisch als solche bezeichnen. Er verstand darunter Geschichten mit einem bestimmten Charakter, zu denen er auch die großen Mythen der Religionsgeschichte zählte. Und das aus gutem Grund: „Im Erleben eines großen Mythos kommen wir so nah wie sonst nie, daran heran, etwas konkret zu erfahren, was andernfalls nur als eine Abstraktion verstanden werden kann“, stellte Feinendegen fest. Die Besonderheit des christlichen Glaubens bestehe für Lewis darin, „dass es sich hier nicht um eine bloße Geschichte, sondern um ein historisches Ereignis handelt, dessen universale Bedeutung aber dennoch unmittelbar mit seiner Faktizität verknüpft sein soll.“

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