Wir brauchen Bildung statt PISA

Zur jüngsten Studie über das Wissen der Schüler. Von Josef Kraus

Deutschland hat sich zusammen mit gut 70 anderen Staaten mal wieder „PISAcken“ lassen, jetzt mit der soeben veröffentlichten PISA-„Studie“ 2015 zum sechsten Mal nach 2000, 2003, 2006, 2009 und 2012. Und auch wenn interessierte Kreise aus Politik und Medien das deutsche Ergebnis je nach ideologischer Herkunft erneut gerne skandalisiert, schön- oder schlechtgerechnet hätten: Es bleibt gähnende Langweile nach der Lektüre des aktuellen PISA- respektive OECD-Zahlensalates. Einen echten Erkenntnisgewinn stellt PISA schon lange nicht mehr dar, wenn es denn diesen Mehrwert jemals hatte.

Verweilen wir dennoch kurz bei wenigen ausgewählten Zahlen, Rangplätzen und Quoten. Was gab die für PISA verantwortliche OECD, die sich gerne als eine Art Weltbildungsministerium geriert, soeben zum Besten? – Bei internationalen Durchschnittswerten zwischen 490 und 493 PISA-Punkten erreichten die rund zehntausend in Deutschland getesteten Fünfzehnjährigen im Testbereich Naturwissenschaften 509, in der Mathematik 506 und beim Leseverständnis 509 Punkte. Das entspricht einem Rangplatz 16 unter den mehr als 70 getesteten Staaten. – Spitzenreiter sind Singapur und Japan mit Werten bis 564. – Deutschland liegt in etwa gleichauf mit Australien, Großbritannien, den Niederlanden und der Schweiz. Dänemark, Norwegen und Schweden liegen knapp hinter Deutschland, Finnland wieder ein Stück vor Deutschland. – Am Ende der Skala stehen mit Werten zumeist unter 400 Punkten Brasilien, Peru, Libanon, Tunesien, Mazedonien, Kosovo und Algerien sowie mit Werten zwischen 328 und 358 die Dominikanische Republik – Der Anteil der auf den obersten PISA-Kompetenzniveaus Leistungsstarken in Deutschland liegt bei 10,6 Prozent gegenüber 7,7 Prozent in der gesamten OECD-Stichprobe. Der Anteil der auf den untersten PISA-Kompetenzniveaus Schwächsten ist in Deutschland mit 17,5 Prozent gegenüber international 21,2 Prozent etwas geringer. – Die Neigung zu naturwissenschaftlichen Berufen ist in Deutschland mit 23 Prozent geringer als im OECD-Durchschnitt mit 30 Prozent.

Ja und? So möchte man zurückfragen. Was sagt das schon aus? All diese Zahlen sagen wenig aus, denn die PISA-Studien sind allein schon wegen der sehr unterschiedlichen Zahl an teilnehmenden Staaten, der unterschiedlichen Durchführungsmethoden (diesmal übrigens waren die Tests am Computer zu bearbeiten) und der Unterschiedlichkeit der Populationen (zum Beispiel erheblich unterschiedlicher Migrantenanteile) nicht vergleichbar. Vor allem aber werden die eigentlichen Probleme des deutschen Schulwesens mit PISA nicht erfasst: nämlich der nach wie vor vorhandene Unterrichtsausfall, der Mangel an Lehrern bestimmter Fächer vor allem in bestimmten Bundesländern, die Absenkung der Leistungsansprüche bereits ab der Grundschule, die gleichzeitige Inflation an Bestnoten bis hin zu einer maßlosen Vermehrung von 1,0-Abiturzeugnissen.

Das größte Problem, ja der größte Kollateralschaden von PISA dürfte freilich sein, dass wir mit PISA ein sehr enges Bildungsverständnis bekamen. Natürlich braucht Schulbildung Bilanzen. Alles aber bitte mit Maß und Ziel! Wir müssen aufpassen, dass wir mit PISA und OECD nicht noch mehr einer operationalistischen Definition von Bildung aufsitzen nach dem Motto: Bildung ist das, was PISA qua Mess-„Operation“ misst. Folge: Die Methode definiert den Gegenstand, das Objekt der Messung. Die in messbare Standards übersetzten, PISA-gerechten „Kompetenzen“ sind also Methodenartefakte. Man nennt das die normative Wirkung der Empirie. Dabei räumen die PISA-Autoren selbst ein, dass die PISA-Tests „ein didaktisches und bildungstheoretisches Konzept mit sich führen, das normativ ist“. Das Ganze soll dann auch noch Bildung heißen.

Schulsystem ist durchlässiger als behauptet wird

Nein, Bildung ist erheblich mehr, denn PISA misst nur einen ganz kleinen Ausschnitt aus dem schulischen Lerngeschehen. Nicht erfasst wird mit PISA: sprachliches Ausdrucksvermögen, literarisches Verständnis, fremdsprachliches Können, historisches, geographisches, wirtschaftliches, religiöses/ethisches Wissen und ästhetische Bildung. Gerade diese mit PISA nicht erfassten Bereiche machen Allgemeinbildung und Persönlichkeitsbildung aus. Wir müssen also wieder den nicht messbaren und übernützlichen Wert von Bildung betonen. PISA und eine OECD, die diesen Test – wohlgemerkt als Wirtschaftsorganisation! – trägt und propagiert, reduziert nämlich „Bildung“ auf sogenannte Kompetenzen, die man in einem globalisierten Unternehmen vermeintlich braucht.

PISA ist auch kein Gradmesser für soziale Gerechtigkeit. Das anzunehmen ist wissenschaftlich-methodologisch völlig unmöglich: PISA testet Fünfzehnjährige inmitten ihrer Bildungslaufbahn, aber nicht an deren Ende. Wenn unter Berufung auf PISA-Daten geklagt wird, nur soundsoviele Prozent der Arbeiterkinder seien am Gymnasium, dann wird hier völlig unterdrückt, dass man solche soziologischen Analysen erst beim Zwanzigjährigen machen kann. Fälschlicherweise aber ist in Deutschland, wenn von Durchlässigkeit im Schulsystem die Rede ist, immer nur von der horizontalen Durchlässigkeit die Rede, also von den Möglichkeiten, „quer“ zwischen den Schulformen zu wechseln. Daneben muss man vor allem die vertikale Durchlässigkeit des Schulwesens sehen.

Hinsichtlich dieser vertikalen Durchlässigkeit ist es mit dem deutschen Schulwesen nicht eben schlecht gestellt. Über alle deutschen Länder aufsummiert, gibt es rund 50 Wege zur Hochschulreife. Es gibt also keine schulischen Sackgassen. Im Besonderen sollte berücksichtigt werden, dass es gerade das hochdifferenzierte berufliche Schulwesen in Deutschland ist, das früheren Haupt- und Realschülern hochqualifizierte Bildungswege zu anspruchsvollen Berufen und auch zur Hochschulreife bietet. Und vor allem: Rund die Hälfte der Studienberechtigten in Deutschland erwirbt eine Hochschulreife nicht über das Gymnasium oder gymnasiale Schulzweige. Unter diesen 50 Prozent wiederum sind Kinder aus sogenannten bildungsfernen Schichten recht gut repräsentiert.

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