Wie die Neuzeit ihre „Natur“ erzeugte

Genügt säkularer Naturschutz? Was wir heute unter Natur verstehen, ist für Romano Guardini Zeichen des Abfalls vom Glauben. Von Alexander Riebel
A woman at Fort Canning Park, Singapore.
Foto: Adobe Stock | Gibt es aus der versteinerten Welt des Menschen einen Ausweg in die Natur? Der Glaube ist der Weg.

Genügt es nicht einfach, sich zur Klimaveränderung zu bekennen und für einen entschiedenen Klima- und Umweltschutz einzutreten? Entspricht dem nicht auch die christliche Sicht auf die Schöpfung? Der Theologe Romano Guardini hielt jedenfalls einen säkularen Umweltschutz nicht für ausreichend, denn diese Art von Naturliebe schließt Abtreibung oder die genetische Erzeugung von Menschen nicht aus. Doch der Reihe nach.

Seit den Auftritten der 16-jährigen Klimaaktivistin Greta Thunberg ist das Thema „Natur“ in aller Munde: „Ich will, dass Ihr in Panik geratet“, hatte sie herausfordernd gesagt. Doch das, was unter Natur zu verstehen ist, war keineswegs immer eindeutig und angemessen. Philosophien und Religionen haben da durchaus unterschiedliche Auffassungen vertreten. Gerade im 20. Jahrhundert gab es Polarisierungen, wie etwa die Ausführungen des Frankfurter Schule-Philosophen Theodor W. Adorno. Bei Kant hieß das, was nicht das Subjekt ist, das „Gegebene“, und für Adorno war Natur nur das, was der Mensch im technischen Zeitalter übrig gelassen hat und was noch nicht der Rationalisierung der Lebensverhältnisse und dem Konsumwillen zum Opfer gefallen war: Natur war ihm nicht mehr das Andere, sondern allenfalls der Erholungsraum des modernen Menschen, um wieder Kräfte zu sammeln, damit er im ökonomischen Prozess besser funktionieren kann. Um diese Position zu etablieren, arbeitete sich Adorno besonders an zwei Philosophen ab, bei denen er unterschiedliche Auffassungen von Natur vorfand: Kant und Hegel. Bei Kant, den er in diesem Punkt bevorzugte, fand Adorno eine Heteronomie, eine Verschiedenartigkeit von Verstand und Sinnlichkeit, mit der wir „Gegebenes“, also gewissermaßen Sinneseindrücke in Raum und Zeit wahrnehmen. Die sinnlichen Eindrücke sind nicht auf den Verstand rückführbar, sie sind etwas ganz eigenes. Ein Ergebnis dieser Auffassung Kants ist dessen Bevorzugung des Naturschönen vor dem Kunstschönen. Damit sieht Adorno bei Kant Natürliches als etwas, das vor der Vergeistigung geschützt werden kann. Umgekehrt bei Hegel, der das Kunstschöne vorgezogen hat, gerade weil hier geistige Strukturen am Werk seien. Bei Hegel gibt es nicht das Gegebene des Natürlichen als etwas Unabhängiges vom Geist, ja seine ganze Philosophie ist der Weg der Ausschaltung dieses Gegebenen – letztlich ist die Natur eine Hervorbringung des Geistes. Natur hat hier gegenüber Kant ihre Eigenständigkeit verloren.

Aber ist diese Sicht der Natur, wie sie Adorno noch ins Feld geführt hat, überhaupt angemessen – sie entweder als gegeben oder als Produkt geistiger Strukturen anzusehen. Muss die christliche Sicht auf die Natur nicht eine ganz andere sein?

Natur ist in der Moderne Gegenmacht zur Offenbarung

Der Theologe Romano Guardini hat das Problem mit großer Klarheit gesehen. Er sieht in der Neuzeit eine Haltung, in der das ontologische Verhältnis zu Gott aufgegeben ist, indem der Mensch die Geschaffenheit der Welt leugnet und Autonomie für sich beansprucht. Das Ergebnis sei, dass der Mensch den „Werkcharakter der Welt abgestreift und ihr den Charakter der Natur gibt“. Das ist ein entscheidender Gedanke – der Mensch gab der Welt den Charakter der Natur. Sie ist für Guardini nicht die gute alte Natur, die man heute von Greta bis zu den Grünen in ihr sehen will. Guardini: „Der Begriff der ,Natur‘, wie wir ihn heute gebrauchen, ist noch nicht sehr alt. Er entsteht mit dem Begriff der Neuzeit.“ Da sei das Wirkliche das „von vornherein Gegebene“, wie es Denker der Neuzeit auch sehen. „So denkt man unwillkürlich“, heißt es in Guardinis ,Ethik – Vorlesungen an der Universität München‘ (1993) – „wenn wir über ,die Natur‘ zu sprechen, sie müsse selbst etwa Natürliches, das heißt Einfaches und Selbstverständliches sein.“ Aber der Begriff der Natur habe in der Geistesgeschichte verschiedene Bedeutungen angenommen. Zunächst gab in der Antike die Erfahrung des Geheimnisvollen, aber ohne Standort des Menschen über der Natur, die als etwas Mythisch-Übermächtiges erfahren wurde. Durch die Offenbarung ist die Natur aber nicht, weil sie sein muss oder eben ist, sondern weil Gott sie will, heißt es bei Guardini. Mit heutigen Öko-Ideen hat das nichts zu tun.

Mit der Geschöpflichkeit der Welt hat diese einen ganz neuen Charakter bekommen – sie ist Werk geworden, Werk Gottes, „der die Wahrheit nicht nur erkennt, sondern sie ist; der das Seiendes nicht nur gebraucht und beherrscht, sondern ins Sein stellt; der eben damit ihm jene Sinnfülle, Richtigkeit, Präsenz, Seinsmacht gibt, die wir in ihm erfahren. Damit verändert sich der ganze Naturbegriff. ,Natur‘ ist nicht mehr das aus einem eigenen, wenn auch unfassbare Grund heraus seiendes Erste, sondern Zweites. Nicht daran hängt die Naturhaftigkeit der Natur, dass sie das Mythisch-Urhafte, sondern daran, dass sie Gottes Werk ist; von Ihm begründetes ,Wesen‘, von ihm gewährleistete Sinngestalt.“ Und die Natur ist nicht „ur-frei“, sondern sie steht im Gehorsam, fügt Guardini hinzu, weil sie Gott gehört und damit sein unverfügbares Eigentum ist. Sie darf daher nicht missbraucht werden, um danach als Biotop betrachtet zu werden – genau Letzteres unternimmt der Naturschutz, der sich gewiss nicht Schutz der Schöpfung nennen möchte. „Die vom Christentum wegstrebenden Humanisten“ haben dann den Weltbegriff als „Gegenmacht“ zur Offenbarung gewendet, schreibt Guardini. Natur werde damit zur Weltwirklichkeit, die sich selbst genüge und aus sich heraus verstanden werde.

Die Natur ist in der Neuzeit alles geworden und der Mensch nur noch ein Teil von ihr. Die Aussage „Mein Bauch gehört mir“ des Abtreibungswillens lässt sich umstandslos mit einer ökologischen Weltsicht verbinden, in der vielleicht dem Tierschutz noch eine ausgezeichnete Bedeutung zukommt. Der Blick Guardinis auf die Entwicklung zur Ganzheitssicht der Natur zeigt, dass sich der Mensch zunehmend als Produkt der Natur angesehen hat; bei Schopenhauer und in der Romantik etwa führe das bis zur Erniedrigung des Menschen, der ins Zufällige geworfen ist, als ganz klein in der Unendlichkeit. Guardini hat auch schon vorhergesehen, wohin die Entwicklung geht, nämlich den Menschen „als bloßes Produkt eines Naturprozesses zu sehen, der durch den Menschen hindurch, ja über ihn hinausgeht“. Guardini spricht hier auch schon von Züchtung, um auf der wissenschaftlichen Basis eine „höhere Lebensform als die des Menschen hervorzuholen“. In der Dramatik des Geschehens sieht Guardini den Menschen immer mehr mit der Natur zusammengenommen und letztlich in sie aufgelöst. Die (führende) amerikanische Philosophie dieser Jahre unterstützt diese Gedanken bereits, indem sie zunehmend ein Kontinuum zwischen Wahrgenommenem und wahrnehmendem Subjekt denkt, so etwa bei Lucy Allais oder Robert Hanna. Guardini spricht sogar schon von einem modernen Totalitarismus, in dem wir uns bewegen, „dessen Grundthese lautet: Der Mensch habe kein echtes Zentrum in sich selbst, sondern das Zentrum seines Lebens liegt im Ganzen, woraufhin dann alle Begriffe wie Person, Freiheit, Selbstverfügung, Geist ... aufgelöst beziehungsweise umgedacht werden“. Dieser Ganzheitskult ist heute Thema des grünen ökologischen Denkens, und dass dies alles mit dem passenden Schuss Buddhismus versehen ist, der die moderne Ichlosigkeit des Menschen unterstreicht, selbst das hat Guardini mit Klarheit gesehen. Als diese Ganzheit sei Natur auch nicht mehr gegeben, sondern verfügbar – und Forscher glauben, hier noch ungelöste Probleme finden zu können.

In „Das Ende der Neuzeit“ (1954) schrieb Guardini, der Mensch habe zwar Macht über die Dinge, aber nicht Macht über seine Macht. Natürlich weiß auch Guardini, dass die Natur bedroht ist; die Zerstörung der Landschaften durch die Technisierung Deutschlands sieht er als irreparabel. Aber für ihn kommt es darauf an, ob die völlig entzauberte Natur wieder in die Hand Gottes zurückgegeben werden kann, womit ein „sehr freier, sehr klarer, sehr harter“ Glaube verbunden wäre, oder ob der Anspruch auf Autonomie aufrecht erhalten wird in einer Weise, in der die „Neuzeit jugendlich-idealistisch erscheint“. Guardinis Hoffnung bestand in diesem Zusammenhang darin, dass sich doch noch die Erkenntnis durchringt, dass der Mensch eben kein naturales Wesen ist, sondern ein personales. Nur dadurch wird auch erst ein ethisches Verhalten zur Natur möglich.

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