Feuilleton

Wenn der Vater zur Belastung wird

Dawn Stefanowicz wurde in Toronto geboren und wuchs in den sechziger und siebziger Jahren mit einem homosexuellen Vater auf, der sie Zeugin seines Lebensstils werden ließ. Aus der Ehe ihres Vaters, eines wohlhabenden Geschäftsmannes, gingen drei Kinder hervor. Die Beziehung zu seiner Frau stellte er ein, nachdem seine Frau mit Dawn und ihrem Zwillingsbruder schwanger geworden war. Heute ist Dawn, die in Ontario in Kanada lebt, seit 28 Jahren verheiratet und Mutter zweier Jugendlicher. Sie verteidigt das Recht von Kindern auf Vater und Mutter und setzt sich für die traditionelle Form der Ehe ein. Von Katrin Krips-Schmidt
Autorin Dawn Stefanowicz wuchs mit einem homosexuellen Vater auf
Foto: Symbolbild: dpa | Die kanadische Autorin Dawn Stefanowicz erlebte als Kind, wie sich ihr Vater immer stärker zu Männern hingezogen fühlte.

Frau Stefanowicz, aus persönlicher Erfahrung wissen Sie, wie es ist, bei einem homosexuellen Vater aufzuwachsen. Was haben Sie dabei empfunden?

Mein Zwillingsbruder und ich wussten nicht, warum unser Vater ständig männliche Bekanntschaften im Haus hatte. In unserer frühen Kindheit sind wir beide von unserem Vater sexuell missbraucht worden. Ich sehnte mich einfach nur nach der Zuneigung meines Vaters, doch im Alter von drei Jahren habe ich mich unbewusst von ihm abgewandt, um nach einem Ersatz für seine Liebe zu suchen. Ich hatte Alpträume und stotterte sieben Jahre lang stark, hatte schlaflose Nächte, litt jahrzehntelang an Depressionen und tiefsitzenden Minderwertigkeitsgefühlen.

Wie alt waren Sie, als Sie feststellten, dass Sie nicht in einer „normalen“ Familie mit Mutter und Vater aufwuchsen?

Ich kann das nicht an einem bestimmten Zeitpunkt festmachen, weil es mir nur langsam dämmerte. Als ich mit elf Jahren den Menschen und dem Leben allgemein kritischer gegenüber wurde, drückte ich zum ersten Mal mit Worten aus, dass mein Vater seine männlichen Freunde lieber als Frauen oder mich als seine Tochter hatte. Ich habe seine Zurückweisung von Frauen übernommen und sie stark verinnerlicht. Ich glaubte, alles, was mit Frauenarbeit – Hausarbeit, Kindererziehung, Kochen – zusammenhängt, sei weniger wert als die Arbeit von Männern. Ich dachte, Männer seien mehr wert als Frauen.

In Ihrem Buch schildern Sie, wie Ihr Vater junge Männer mit nach Hause brachte. Er hat seine homosexuelle Neigung vor seinen eigenen Kindern ja nicht verheimlicht.

Die schwulen Subkulturen sind da recht offen, um nicht zu sagen „öffentlich“, was ihre persönliche Neigung, das Nacktsein, die Sexualität und das Experimentieren angeht. So habe ich das jedenfalls persönlich und in der Öffentlichkeit bei meinem Vater erlebt, sei es zuhause oder draußen bei den Subkulturen.

Was war denn mit Ihrer Mutter in dieser Zeit? Wie hat sie darauf regiert?

Meine Mutter ist immer krank und müde gewesen und hatte eine schwach ausgeprägte Persönlichkeit. Was da vor sich ging, hat sie nicht hinterfragt. Auch wenn sie das, was ich ihr erzählte, entsetzlich aufgeregt und verunsichert hat. Sie hat in ihrem Beruf nicht genügend verdient, um die Gerichtskosten für eine Trennung oder Scheidung zu bezahlen, weil sich mein Vater die allerbeste Anwaltskanzlei in Toronto leisten konnte.

Ihr Vater ist 1991 an AIDS gestorben. Was hatten Sie für eine Beziehung zu ihm?

Ich habe meinen Vater immer geliebt, was auch immer er sagte oder tat. Doch während meiner gesamten Kindheit und Jugend war ich innerlich so weit von ihm entfernt – es fiel ihm schwer, seinen Kindern gegenüber Gefühle zu zeigen. Ich durfte ihn nicht in Frage stellen oder moralische oder religiöse Argumente vorbringen. Immer musste ich auf seine Gefühle Rücksicht nehmen und musste darauf achten, ihn nicht zu verletzen, sonst bekam er einen Anfall schlechter Laune und es konnte sein, dass ich ihn dann tagelang nicht zu Gesicht bekam. Dadurch wurde ich unfähig, ganz frei und offen mit ihm zu reden. Manchmal war er suizidgefährdet, und jahrelang konsumierte er verschreibungspflichtige Medikamente, damit er schlafen konnte.

Welche Reaktionen haben Sie nach der Veröffentlichung Ihres Buches „Out from Under“ bekommen?

„Out from Under“ ist 2007 erschienen. Sogar noch vor der Veröffentlichung habe ich Interviews im Radio, im Fernsehen und in Zeitungen gegeben, und ich habe vor zahlreichen Gruppen in Nordamerika und anderen Ländern gesprochen. Die Reaktionen waren gemischt. Wo auch immer ich hingehe, sehe ich „schwule“ Aktivisten und Verbündete, die gar nicht das große Ganze bei dem erkennen, was sie da fordern. Sie sehen nicht, welche negativen Folgen es hat, wenn man Kinder alternativen Ehe- und Familienformen aussetzt. Doch allermeistens sind die Leute freundlich, geben mir starke Unterstützung und haben tiefstes Verständnis für die Bedeutung der zweigeschlechtlichen Ehe und deren Vorteile für die Kinder. Die Leute wollen ihr Herz ausschütten und von ihrem inneren Ringen erzählen, weil sie wissen, dass ich sie verstehe und nicht verurteile.

Haben Sie Kontakt zu anderen Erwachsenen, die gemeinsam mit gleichgeschlechtlichen Paaren aufgewachsen sind?

Im Laufe der Jahre haben eine Reihe von Erwachsenen Kontakt zu mir aufgenommen. Interessant für mich sind dabei die Gemeinsamkeiten, was die Auseinandersetzungen und die negativen Auswirkungen angeht. Wir haben ja oftmals kein Elternteil, das in einer Partnerschaft mit jemandem zusammenlebt! Tatsächlich wirken die Beziehungen unserer Eltern ja eher wie Polyamorie-Verhältnisse mit verschiedenen Leuten gleichen Geschlechts, die im Leben unserer Eltern ein und aus gehen – und damit auch in unserem eigenen Leben. Viele von uns haben in Beziehungen mit Vertrauen und Vertrautheit zu kämpfen. Bei uns als ehemaligen Kindern, die wir nun erwachsen sind, treten auf sexuellem Gebiet sexuelle Unordnung und Experimentierverhalten häufiger auf. Es gibt eine höhere Anzahl unter uns, die entweder von einem Elternteil oder von einem von dessen Partnern sexuell missbraucht wurden.

Es ist nun einmal schwieriger, sich in der Schule zu konzentrieren, wenn man zuhause unter enormer Belastung steht, sodass wir normalerweise auch nicht gut in der Schule sind. Als Kind ist man nicht in der Lage, diese Stressfaktoren auszuschalten und auch die Vielschichtigkeit der menschlichen Sexualität, der Geschlechtsidentität und der menschlichen Beziehungen zu begreifen, wie sie bei uns zuhause und in unserem sozialen Umfeld gelebt wurden. Unsere beruflichen Leistungen wurden damit beeinträchtigt. Drogen, Alkohol, Essstörungen oder Suizidgedanken sind Möglichkeiten, mit dem emotionalen Schmerz und den psychischen Schäden unserer Erziehung fertigzuwerden. Das Empfinden, isoliert zu sein und nicht dazuzugehören sowie die negativen Konsequenzen unserer Erziehung bleiben uns für den Rest unseres Lebens erhalten. In einer homosexuellen Hausgemeinschaft verlieren wir den Wert für unsere biologischen Wurzeln und unsere Identität und für den Beistand zwischen den Generationen, den eine biologische Familie bietet und den wir für die kommenden Jahrzehnte brauchen, von dem wir nun aber nie profitieren werden.

Welche Konsequenzen hat das alles für Ihren eigenen Standpunkt in Bezug auf die „Ehe“ und die Adoption durch gleichgeschlechtliche Paare?

Meine Sichtweise in Bezug auf den Wandel von Ehe und von Kindererziehung ist ziemlich düster. Im Großen und Ganzen sieht es doch so aus: Es geht um die Demontage der Ehe durch eine Neudefinition von Geschlecht, Ehe, Ehepaar und Elternschaft. Der natürliche biologische Elternteil verliert seine herausragende Bedeutung und wird durch den juristischen Elternteil ersetzt; alle Eltern und ihre Partner sind damit vor dem Gesetz gleichgestellt und erhalten dadurch die Möglichkeit, Kinder in Pflege zu nehmen und zu adoptieren, und sie bekommen Zugang zu Reproduktionstechniken.

Was sagen Sie zu dem in den Medien gezeichneten rosigen Bild über gleichgeschlechtliche Paare, die wie normale Ehepaare treu zusammenleben? Ist dieses Bild falsch?

Ich glaube, dass jemand, der in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung lebt, eher weniger bereit ist, dem heterosexuellen Ideal der Monogamie zu folgen. Die Mehrheit der Männer, die Sex mit anderen Männern hat, zieht da eher die Abwechslung vor. Studien mit Männern, die in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft leben, zufolge, sind bei männlichen homosexuellen Beziehungen serielle Monogamie und offene Beziehungen die Norm. Ein kürzlich in der New York Times publizierter Artikel gewährt einen Einblick in die Hintergründe. Scott James verfasste den Artikel: „Viele glückliche schwule Ehen lüften ihr offenes Geheimnis“, in dem er beschrieb, wie offen schwule Paare mit Sex außerhalb ihrer bestehenden Partnerschaft umgingen (28. Januar 2010). Tatsächlich zeigt sich bei Untersuchungen, dass mehr als 50 Prozent der Männer in gleichgeschlechtlichen Beziehungen innerhalb des ersten Jahres mehrere Sexualpartner haben. Und nach fünf Jahren ist kein einziges der gleichgeschlechtlichen Paare, die noch zusammen sind, monogam geblieben. Die durchschnittliche gleichgeschlechtliche männliche Partnerschaft hält freilich ungefähr nur 18 Monate und garantiert demnach keine Exklusivität. Wenn das noch kein hinreichender Beweis ist, dann sind die viel höheren Quoten von sexuell übertragbaren Krankheiten und ihren Varianten innerhalb der homosexuellen Bevölkerung Grund zur Besorgnis. Als ich mir die Forschungen zu den HIV- und AIDS-Raten in den westlichen Ländern ansah, stellte ich fest, dass die reichsten Länder und die Länder mit der besten Bildung steigende AIDS-Zahlen zu verzeichnen haben – trotz der Verteilung von Kondomen, trotz der AIDS-Aufklärungs-Kampagnen und trotz extrem hoher AIDS-Forschungsschwerpunkte sowie Geldern, die reichlich fließen, um ein Heilmittel gegen AIDS zu finden.

Gibt es in den USA Studien über das Aufwachsen von Kindern in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften? Wenn ja, sind diese Studien zuverlässig?

Meistens steht ja da die politische Korrektheit unangefochten an erster Stelle, und in der Mehrheit der Studien, die sich mit gleichgeschlechtlichen Eltern befassen, wird die Wahrheit über die Probleme und Belastungen der bei lesbischen und schwulen Eltern aufgewachsenen Kindern vertuscht.

Dennoch wurde schließlich im Jahre 2012 eine Untersuchung vom Soziologen Mark Regnerus an der University of Texas, Austin abgeschlossen. Die von der amerikanischen Fachzeitschrift Social Science Research veröffentlichte Studie The New Family Structures Study ist die bis heute umfassendste, gründlichste und methodisch sauberste. Und nicht nur das – sie ist darüber hinaus die einzige Studie ihrer Art, die die Kinder tatsächlich selbst befragt, und nicht die Eltern. Als Erwachsene miteinander verglichen wurden, die als Kinder in einer von acht unterschiedlichen Familienformen aufwuchsen, schnitten bei 77 von 80 getesteten Kriterien statistisch jene am schlechtesten ab, die von Eltern erzogen wurden, von denen mindestens ein Elternteil eine homosexuelle Beziehung hatte. Kinder aus intakten biologischen Familien erging es hinsichtlich sämtlicher Kriterien am besten, was mit vielen früheren gesellschaftswissenschaftlichen Untersuchungen übereinstimmt. Zur Zeit der Publikation der Regnerus-Studie analysierte eine andere Studie von Loren Marks an der Louisiana State University die 2005 im Strategiepapier des nordamerikanischen Fachverbandes für Psychologie American Psychological Association ((APA) angeführten Studien über die Erziehung von Kindern bei 59 gleichgeschlechtlichen Paaren. Keine dieser Studien, die in dieser Publikation der APA zitiert wurden, basierte auf einer stichprobenartigen repräsentativen Auswahl an lesbischen und schwulen Eltern, gegenüber einer stichprobenartigen repräsentativen Auswahl an intakten biologischen verheiraten Eltern und ihren Kindern. Tatsächlich entsprachen lediglich vier dieser 59 Studien der Richtlinie des Fachverbandes für Psychologie, „signifikante Nachweise zu erbringen“.

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