Feuilleton

Wenn Christen streiten ...

... geht bald ein Riss durch die Christenheit, gibt es Fraktionen, Spaltungen und die Fragen der Konfessionalität können gar Kriege entfesseln – zu allen Zeiten des Christentums. Ein Phänomen, das sich auch als innerchristliche Christianophobie beschreiben lässt. In Deutschland ist das an der Tradition der Rom- und Papstkritik gut zu illustrieren, bis zum heutigen Tag. Von Stefan Meetschen
Geschnitzter Christus von Tobias Haseidl
Foto: KNA | Ein geschnitzter Christus von Tobias Haseidl im Pilatushaus in Oberammergau. Wenn Christen sich separieren, treiben Sie immer auch einen Riss durch Christus selbst.

Als „schwärzesten Abschnitt der europäischen Neuzeit“, als „schauerliche Paradoxie, die die gesamte Geschichte der christlichen Völker befleckt“, mit diesen Worten hat der österreichische Schriftsteller, Feuilletonist und Schauspieler Egon Friedell in seiner „Kulturgeschichte der Neuzeit“ die Periode von der Mitte des sechzehnten Jahrhunderts bis in den Dreißigjährigen Krieg hinein bezeichnet. Die Zeit der Religionskämpfe, die Zeit einer schier unendlichen Bartholomäus-Nacht zwischen Katholiken und Protestanten. Wobei der Hauptskandal aus Sicht von Friedell nicht so sehr in der dabei offenbar werdenden Zerstörungswut lag, als vielmehr das „Schwelgen in erbarmungsloser Rachsucht, tückischer Bosheit und allen jenen teuflischen Trieben, um deren Vertilgung der Heiland das Kreuz auf sich genommen hatte“. Die Christen des Zeitalters der Gegenreformation kämpften nicht nur brutal gegeneinander, sondern mit höchstem geistigen Raffinement und einer geradezu vollendeten Kunstfertigkeit der Infamie. Es ging nicht nur um die Wahrheit, es ging auch um Macht, die eigenen Ansprüche im Namen Gottes.

Wer nun ein wenig näher an die Gegenwart heranrückt, wird nicht sagen können, dass das Verhältnis der Christen nach dem Dreißigjährigen Krieg untereinander immer friedlich gestimmt war. Nicht nur die Konfessionsstreitereien gingen weiter, wie es zum Beispiel die Tatsache verrät, dass ein Katholik bis heute nicht englischer Premierminister werden kann oder der Nordirland-Konflikt trotz zahlreicher Verhandlungen immer neu aufzubrodeln scheint. In gewisser Weise entwickelte sich auch die Kunstfertigkeit der innerkirchlichen Bosheit weiter. Der Kampf gegen den eigenen Schatten im Angesicht von Glaubensgeschwistern, die Projektion von Ängsten und Wahnvorstellungen auf den Stellvertreter Christi. Kurz gesagt: Die christlichen Ränke wurden binnen-konfessionell.

Im katholischen Bereich in Deutschland sichtbar Anfang des 19. Jahrhunderts, als einige geistliche Würdenträger mit dem Ende des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation ihre Stunde als anti-römische Volksaufklärer gekommen sahen. So etwa Heinrich Ignaz von Wessenberg, der ab dem Jahr 1817 ohne päpstliche Bestätigung dem Bistum Konstanz vorstand und, natürlich nur um auf der Höhe der Zeit zu sein, in unverhülltem Gegensatz zum Heiligen Vater in Rom die „christkatholische Gottesverehrung“ einführte. Eine nahezu reformierte Messe in deutscher Sprache, die Luthers Aufklärungs- und Absonderungs-Ehrgeiz mit perfidem Elan in der katholischen Kirche fortsetzte: Raffiniert-aufklärerisch und reich an nationalen Argumenten. Allein, schon recht bald scheiterte das Projekt. Bereits 1821 löste der Vatikan das Bistum Konstanz auf.

Von Wessenberg wurde nicht, wie demütig erhofft, Erzbischof von Freiburg, sondern Privatmann. Die konservativen, romtreuen Katholiken, die – mit dem Schimpfwort der damaligen Zeit gesagt – „Ultramontanen“ (vom Lateinischen „ultra montes“ – jenseits der Berge, gemeint sind die Alpen) übernahmen in der Kirche in Deutschland wieder das Ruder. Sogar ein propäpstlicher „Piusverein für religiöse Freiheit“ bildete sich – mit heutigen Augen betrachtet ironischerweise eine Art Vorläufer des Zentralkomitees der deutschen Katholiken. Wobei man diese ultramontane Vormachtstellung keineswegs verklären darf: Die reflexartige Papst- und Romkritik in der Kirche in Deutschland lebte fort.

Zum Beispiel in Person des Münchner Theologen Ignaz Döllinger, der nach anfänglicher Zusammenarbeit mit der Lichtgestalt der Ultramontanen, dem Publizisten Joseph Görres („Athanasius“), die neuen päpstlichen Dogmen der „Unbefleckten Empfängnis“ (1854) und „Unfehlbarkeit des Papstes“ (1870) nicht akzeptieren wollte und stattdessen lieber eine eigene unbefleckte, unfehlbare Kirche gründete, die „Altkatholiken“, in deren spirituellem Angebot von heute mit Frauenpriestertum, Wiederverheiratung Geschiedener, Segnung homosexueller Partner, Ablehnung des päpstlichen Primats und Aufhebung des Pflicht-Zölibats eigentlich alles vorhanden ist, was das moderne anti-römisch-katholische Herz begehrt. Vielleicht abgesehen von den Mitgliederzahlen, die mit 15 000 Gläubigen in Deutschland eher dürftig sind.

Eine weitere inner-katholische Abspaltung, die auch nicht genug auf den bösen Papst und den bösen Vatikan schimpfen konnte, war die von dem Landwirt Georg Ritter von Schönerer ins Leben gerufene „Los-von-Rom-Bewegung“, die vor der befürchteten Weltherrschaft des Stellvertreters Christi mit germanischen Idealen in Deckung ging. Ritter von Schönerer fand sein Glück dann schon bald in der protestantischen Kirche. Mit seinem radikalen Antisemitismus („Ohne Juda, ohne Rom, wird gebaut Germaniens Dom“) übte er einen großen Einfluss auf den jungen Hitler aus, der bekanntlich auch keine besondere Zuneigung für Rom entwickelte.

Womit die inner-protestantischen Ränke und Kämpfe erreicht sind. Denn: Wer wüsste nicht von der inneren Zerreißprobe und den Konfliktsituationen, welche der Protestantismus während der Nazi-Zeit zu bestehen hatte. Hier die „Bekennende Kirche“ mit Persönlichkeiten von Rang, dort die system-konformen „Deutschen Christen“, die zwischen Führer und Messias nicht recht unterscheiden wollten, sogar die „Entjudung“ des Christentums anstrebten. Kaum eine Gelegenheit für Intrigen und Ränke ließen die „Deutschen Christen“ aus. Durchaus mit Erfolg, wie die beschämende Gleichschaltung einiger protestantischer Landeskirchen belegt.

So schlimm trieben es Hitlers betende Gefolgsleute mit der christlichen Lehre, dass sich der Theologe Karl Barth bereits 1930 genötigt sah, gegen diese vom Zeitgeist korrumpierte Glaubensströmung den Aufsatz „Quousque tandem?“ („Wie lange noch?“) zu schreiben. Dort heißt es: „Wenn sie ,Jesus Christus‘ sagt, muss und wird man, und wenn sie es tausendmal sagte, ihre eigene Sattheit und Sicherheit hören und sie soll sich nicht wundern, wenn sie mit allem ihrem ,Jesus Christus‘ in den Wind, an der wirklichen Not der wirklichen Menschen vorbeiredet, wie sie am Worte Gottes vorbeigeholt, aus aller Mahnung, Tröstung und Lehre der Bibel und der Reformatoren Wasser auf ihre eigenen kleinen Mühlen gemacht hat.“

Wie wahr. Doch – bei allem Respekt vor der Bekennenden Kirche und ihren Märtyrern wie Dietrich Bonhoeffer – im historischen Sinne war dieser tückische inner-protestantische Kirchenkampf lediglich die dramatische Kulmination aller früheren (und späteren) Graben- und Gemeindekämpfe innerhalb des weltweiten Protestantismus.

Denn, wie sagt Papst Benedikt XVI. im Interviewbuch „Licht der Welt“ so richtig: „Das Luthertum ist ja nur eines der Teile im Spektrum des Weltprotestantismus. Daneben gibt es die Reformierten, die Methodisten und so fort. Dann ist da das große neue Phänomen der Evangelikalen, die sich mit einer ungeheuren Dynamik ausbreiten und im Begriff sind, in den Ländern der Dritten Welt die ganze religiöse Szenerie zu verändern.“

Wobei der Papst sicher weiß, dass „ausbreiten“ in den meisten Fällen auch mit „spalten“ oder „zersplittern“ ersetzt werden könnte. Tatsächlich lässt sich nicht leugnen, dass viele freikirchliche Gemeinden heute und früher nicht in Liebe, sondern im Streit entstanden sind – weil Pastoren und Gemeindeälteste einer oder verschiedener Generationen sich nicht mehr auf einen gemeinsamen Weg einigen konnten. Es gab unüberbrückbare Differenzen bei der Auslegung von Prophetien, Eingebungen und Bibelstellen. Man erinnere sich nur an die „Berliner Erklärung“ evangelikaler Pastoren von 1909, in welcher sie der damaligen Pfingstbewegung, einer Vorläuferin der charismatischen Erneuerung von heute, vorwarfen, sie sei „nicht von oben, sondern von unten“ inspiriert und habe „viele Erscheinungen mit dem Spiritismus gemein“. Was die Pfingstler zu einer Richtigstellung, der „Mühlheimer Erklärung“ motivierte. Jede Seite nahm für sich in Anspruch, den Heiligen Geist besser und deutlicher zu hören und zu kennen, als die andere Seite. Das geistliche Totschlag-Argument per excellence, das schnell markiert, wann eine Gruppe oder Gemeinschaft sich auf dem Weg zur Sektiererei befindet.

Doch überraschen alle diese geistlichen Streitereien von Gläubigen, alle diese verletzenden Kämpfe und Tiraden? Gibt es nicht im Neuen Testament schon genug Beispiele dafür, dass die erbsündige Struktur des Menschen auch denen, die Christus ernstlich nachfolgen, immer wieder einen Strich durch die heilige Rechnung macht? Waren nicht sogar die ersten Jünger manchmal etwas nervös im zwischenmenschlichen Bereich? In der Apostelgeschichte steht: „Barnabas wollte auch den Johannes, genannt Markus, mitnehmen; doch Paulus bestand darauf, ihn nicht mitzunehmen, weil er sie in Pamphylien im Stich gelassen hatte, nicht mit ihnen gezogen war und an ihrer Arbeit nicht mehr teilgenommen hatte. Es kam zu einer heftigen Auseinandersetzung, sodass sie sich voneinander trennten.“

Es ist wohl nicht immer gleich, wie bei den „Deutschen Christen“, das Geheimnis des Bösen, das „mysterium iniquitatis“, das bei derartigen Streitereien oder sachlichen Diskussionen innerhalb von Gemeinden und Gemeinschaften mitspielt, so schmerzvoll derartige Auseinandersetzungen auf der menschlichen Ebene auch sein können. Manchmal ist es lediglich das Fleisch, der alte Adam, der auf sein eitles, anmaßendes Recht pocht, persönliche Sympathie oder Antipathie.

Anders verhält es sich jedoch, wenn geradezu systematisch lebendige christliche Gemeinschaften, Priester und Bischofskandidaten, die einen echten geistlichen Aufbruch in Europa wollen und sich dafür aus Liebe zu Christus engagieren, von christlichen Mitbrüdern und Schwestern attackiert, öffentlich gebrandmarkt oder sogar zum Amtsverzicht genötigt werden. Sei es, weil sie als zu rom- oder zu papsttreu gelten oder man in ihnen „pöbelnde Dunkelkatholiken“ zu erkennen meint. Eine derartige arrogante Feindseligkeit, mag sie noch so sehr die Liebe Jesu und das christliche Ethos beschwören, fällt nicht mehr unter menschliche Schwäche und Streitlust, sondern unter die Rubrik innerchristliche Christendiskriminierung, Christianophobie. Sie fordert Kritik und Diskussion, praktiziert aber Verhöhnung und Verfolgung.

Es mag trösten, dass derartige Strömungen in der Kirchengeschichte nie nachhaltig erfolgreich waren, sich nie lange gehalten haben. Eine gewisse Zeit aber schon. Vielleicht genau solange, wie es nötig ist, dass die Menschen und Dinge sich verändern können, die sich laut Mutter Teresa verändern müssen. Nämlich: „Sie und ich.“

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