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Weihnachten ernsthafter feiern - ohne Festmuffel zu werden

Bei aller Freude über die Menschwerdung Christi, sollte nicht vergessen werden, dass Weihnachten auch ein deutlicher Hinweis auf das künftige Erscheinen des Herrn ist - zum „jüngsten Gericht“.
Geburt CHriusti
Foto: National Gallery of Art, Washington DC | Die Geburt Christi - hier in einer Darstellung des Italieners Duccio di Buoninsegna -, weist weit über die Menschwerdung hinaus - sie ist zugleich die Ankündigung der Wiederkunft des Herren zum Jüngsten Gericht.

Wenn über Weihnachten gelästert wird, so richtet sich die Klage meist gegen die damit einhergehende Hektik. Ich verstehe den Unmut. Die Feste, die der moderne Mensch feiert, sind ja auch gar keine echten Feste mehr, sondern eher „atemlosere Formen der Arbeit“, um eine Formulierung von Josef Pieper aufzugreifen. Die Lösung kann aber nicht darin bestehen, zum Festmuffel zu werden.

„Wenn im Introitus die Worte ‚Hodie scietis, quia veniet Dominus‘ ausgesprochen werden,
ist das nicht süßlich gemeint, sondern deutet auf das Kommen des Herren am Ende der Zeit hin
– auf das Jüngste Gericht“

Statt sich Festen zu entziehen, müssen wir das Feiern neu lernen. Ich zum Beispiel habe entschieden, das Weihnachtsfest anders als bisher anzugehen. Das soll damit anfangen, dass ich es dramaturgisch entzerre. Geschenke gibt es erst am 6. Januar. Das nimmt ein bisschen Druck raus und außerdem ist das auch passender. Auch in Bethlehem gab es in der Weihnachtsnacht keine Geschenke, die kamen erst mit den Heiligen Drei Königen.

Und dann habe ich mir vorgenommen, mich mehr auf die apokalyptische Dimension des Festes zu besinnen. Eine Maßnahme, die den Kitsch eindämmen soll. Gedanklich hilft mir da eine Predigt, die Gerald Goesche, der Propst von St. Afra in Berlin, vor ein paar Jahren bei einem Requiem in der Adventszeit hielt. In den Fenstern des Wedding funkelten die für diesen Berliner Arbeiterbezirk typischen Weihnachtslichter, auf den Straßen roch es nach Glühwein und Gebäck, in der Kirche aber saß eine verheulte Gemeinde, die den Tod eines jungen Mannes betrauerte.

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Festlich feiern, aber weniger süßlich

Propst Goesche erreichte die Trauergemeinde damit, dass er daran erinnerte, dass die ganze weihnachtliche Behaglichkeit nicht darüber hinwegtäuschen kann, um was für ein ernstes Fest es sich handelt. Wenn im Introitus die Worte „Hodie scietis, quia veniet Dominus“ ausgesprochen werden, ist das nicht süßlich gemeint, sondern deutet auf das Kommen des Herren am Ende der Zeit hin – auf das Jüngste Gericht, und das klingt, wie wir wissen, nicht so sehr nach Klingelingeling, sondern eher nach Heulen und Zähneklappern.

Um jedes Missverständnis auszuräumen: Ich will Weihnachten festlich begehen, aber weniger süßlich, mit größerer Ernsthaftigkeit und Zerknirschtheit, die eigene Endlichkeit und die der Welt vor Augen. Es soll ein großes, ernstes und umso feierlicheres Fest werden. Als wäre es das letzte Fest überhaupt. Der Philosoph Odo Marquard bezeichnete das Fest in einem seiner geistreichen Texte einmal als „Moratorium des Alltags“. Der Mensch, heißt es dort, sehne sich danach, der Tyrannei des täglichen Lebens zu entkommen, denn seinen Alltag empfinde er als Versklavung und Entkernung seines Wesens.

Die Suche nach dem Ausnahmezustand kann in die Katstrophe führen

Wenn der Mensch zu feiern verlerne, schreibt er, suche er nach neuen Wegen, diesen Ausnahmezustand zu erreichen – bis hin zum ultimativen Ausnahmezustand: den Krieg. Das Bedürfnis nach Entlastung vom Alltag müsse schließlich irgendwie gedeckt werden. Als Gegenmittel gegen diesen schrecklichen Wunsch nach dem Ausnahmezustand plädiert er für ein Wiederbelebung unserer Festkultur.

Ein erschütternder Gedanke. Wenn der Mensch verlernt, Feste zu feiern und so den Alltag zu unterbrechen, sehnt er sich nach Krieg, um ihm so zu entfliehen. Ein gewagter Gedankensprung, zugegeben. Aber einer, der so manches, was wir dieser Tage erleben, erklären könnte.

 

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