Wegschauen geht nicht

Mit Industriereportagen eine journalistische Gattung erfunden – Morgen feiert Günter Wallraff den 75. Geburtstag. Von Barbara Stühlmeyer
Foto: Team Wallraff | Vermisst mehr Stellungnahmen zu Menschenrechtsverbrechen im Namen des Islam: Günter Wallraff.

Er ist freundlich, zugewandt, unkompliziert. Im Gespräch mit Günter Wallraff gibt es weder Schnörkel noch Umwege. Er geht direkt in medias res, ist neugierig und sieht in jeder Frage die Möglichkeit, selbst neue Perspektiven und Wege zu entdecken. Mit der Gattung der Industriereportagen hat er den Journalismus gewissermaßen neu erfunden. Denn im Gegensatz zu der damals und heute leider wieder allzu oft üblichen, eher distanzierten, rein intellektuellen Form der Recherche besteht Wallraff darauf, das, worüber er schreibt, nicht nur mit dem Kopf, sondern mit Haut und Haaren kennenzulernen. Sein Zugang zu Themen ist dabei im Kern literarisch, er gleicht dem, der für einen Autor von Romanen essenziell ist, der sich ganz in die Personen und Situationen hineinversetzen, sich ihnen aussetzen muss. Wallraffs Antwort auf die Frage, warum dieser Zugang in den 1960er und 70er Jahren so ungewöhnlich war, zeigt seinen wachen Blick für historische Zusammenhänge: „Es gab in der Literatur so gut wie keine Nachkriegsvorbilder. Das war eine Zeit, als Walter Jens konstatierte, wenn man sich die deutsche Gegenwartsliteratur ansieht, hat man den Eindruck, der Mensch lebt im Zustand eines ewigen Feierabends. Das, was ich machte, war damals noch singulär und wurde deshalb zunächst sehr angefeindet.“

Wallraffs Weg, sich der Macht anderer in mitunter sehr unangenehmen Situationen schutzlos auszuliefern, sie ungefiltert zu erleben, machte vielen Angst, konfrontierte sie ein bisschen zu direkt mit ihrer oft nicht wahrgenommenen christlichen Verantwortung, hinterfragte Vorurteile und festgefügte Weltbilder. Das wird zum Beispiel deutlich, als der Autor in der Rolle eines katholischen Unternehmers Skrupel offenbart, sein angeblich billiger produziertes Napalm zur Zeit des Vietnamkrieges gewinnbringend an die US-Armee zu verkaufen. Nur wenige antworteten ihm unumwunden: „Sie dürfen auf keinen Fall liefern, ihre Skrupel sind berechtigt“, und: „Wo finde ich überhaupt einen Industriechef, der sich solche Gedanken macht.“ Mit einem von ihnen freundete sich Wallraff daraufhin an. „Sonst waren es leider Absegnungen“, bedauert er, „es ging ihnen ja um Kommunismus und Demokratie, weshalb man den Einsatz härtester Waffen, unter Umständen auch der Atombombe rechtfertigen könne.“ Der Schriftsteller stellt aber klar, dass er seine Fragen nie im Rahmen einer Beichte gestellt hat. „Für mich ist das Beichtgeheimnis ein hohes, ethisch kostbares Gut“ betont er und fährt fort, wie wichtig ihm auch bei seiner Arbeit Vertraulichkeit ist: „Bei mir ,beichten‘ auch etliche und noch niemand hat dadurch Schaden genommen.“

Die Rolle der Kirche in Deutschland heute sieht Wallraff eher positiv. Johannes XXIII. ist für ihn eine Lichtgestalt und er bezeichnet Papst Franziskus als Pontifex, der eine klare Ausstrahlung über die Kirche hinaus hat, für ihn ein Hoffnungsträger und in seinem Handeln wegweisend ist. „Was er als Richtungsweisung und soziale Forderungen erhebt, das sind die gewerkschaftlichen Forderungen. Es geschehen Zeichen und Wunder!“ Kritisch merkt der Autor an: „Was ich heute in den Kirchen vermisse ist, dass sie nicht klar genug Stellung beziehen gegen Menschheitsverbrechen, die im Namen des Islam passieren. Das sehe ich nicht nur in den Kirchen, sondern auch in den Gewerkschaften, bei den Grünen, Linken und innerhalb der SPD.“ Und er fährt selbstkritisch fort: „Darin sehe ich einen Fehler, den wir auch in der Zeit des Kalten Krieges gemacht haben. Wir haben Menschrechtsverletzungen in den sozialistischen Staaten nicht nachhaltig genug thematisiert, weil es ein Lagerdenken gab. Bei mir hat das auch eine zeitlang gedauert.“ Als Wallraff dann später während einer Einladung in die Sowjetunion die Psychiatrisierung von Regimegegnern öffentlich anprangerte, galt er als Persona non grata.

„Heute“, so fährt er fort, „sehe ich diese falsche Zurückhaltung wieder. DITIP zum Beispiel trägt nicht zur Integration bei. Das wird meiner Meinung nach nicht richtig benannt, sodass es dann den Rechten in ihre wahlstrategischen Hasstiraden fällt. Ich vermisse auch, dass unsere Kirchenvertreter die Verfolgung der Christen in islamischen Ländern viel zu zaghaft kritisieren. Hier gibt es aber Christenverfolgung in ganzen Regionen, wo über tausende Jahre gewachsene Gemeinden blutigst ausgelöscht oder vertrieben werden. Da vermisse ich, dass hier nachhaltig geholfen wird.“

Die Veränderungen in unserer Gesellschaft in den letzten 50 Jahren beurteilt Wallraff überraschend positiv: „Es gibt eine Gegenbewegung, die doch durch alle Gesellschaftsschichten durchdringt. Ich bin ja einerseits Berufsskeptiker und dann auch wieder Zweckoptimist. Ich sehe, wie viel Menschen sich uneigennützig einbringen, die Stillen im Lande. Sie werden zu wenig gewürdigt. Ich sehe die Gesellschaft in Bewegung. Es ist ein Gärungsprozess. Und das, was sich dem entgegenstemmt, sehe ich nicht als eine bleibende Kraft. Das sind weniger die Verlierer, das sind die Desinformierten, Desorientierten und Aufgehetzten.“ Wallraff selbst unterstützt Recherche und Berichterstattung über gesellschaftlich relevante Themen mit einer Stiftung, die jungen Journalisten ermöglicht, sich die nötige Zeit für ihre Arbeit nehmen zu können. Und er wendet sich immer wieder neuen brisanten Themen zu. „Seitdem ich der Pegida in Dresden zugesetzt habe, gab es wieder Morddrohungen. Und die richtigen, das heißt die schlimmsten Klinik- und Pflegeeinrichtungen prozessieren wieder: Die Marseille- und Helios-Kliniken versuchen durch Gerichte, Veröffentlichungen zu verhindern. Das bestätigt mich in meiner Arbeit. Ich habe mich schon gefragt, ob ich zu harmlos geworden bin.“

Auf die Frage. „Was treibt Sie an?“, gibt Wallraff Einblick in seine spirituelle Suche. „Wenn es in meiner Jugend Zen-Klöster in unserem Breitengrad gegeben hätte, wäre ich sehr früh dort eingetreten. In meiner Jugend habe ich auch versucht, ein Visum für Tibet zu bekommen. Das ist aber nicht gelungen. Ich hatte auch Kontakte zu Dominikanern, die waren mir aber zu weltlich. Die Trappisten haben mir mehr imponiert, die schliefen in ihren Särgen.“

Zwei Bücher haben ihn früh inspiriert: „,Junge Pfarrer berichten aus der Fabrik‘, ein kritisches Buch protestantischer Theologen, und ein mich ebenfalls sehr beeindruckendes Buch französischer Arbeiterpriester, ,Die Heiligen gehen in die Hölle‘.“ Literatur war für den gelernten Buchhändler, der seinen Beruf auch deshalb wählte, weil er ihm Zugang zu dieser bot, immer wieder ein Anker und zugleich Ausgangspunkt für neue Denk- und Lebenswege. Er nennt „Hunger“ und „Mysterien“ von Knut Hamsun, „Vagabundentage“ von Jack London, Emil Zola, Upton Sinclair oder B. Traven, der, wie Wallraff erzählt, jene sozialen Verhältnisse beschrieb, die sein Vater, ein Internationalist und Weltbürger, in seiner Jugend erlebt hatte. Die facettenreiche Herkunftsgeschichte seiner Vorfahren war prägend für Wallraff. „Meine Großmutter galt nach den Rassengesetzen als ,Halbjüdin‘. Sie hat Glück gehabt, dass sie nicht denunziert wurde in einem kleinen Ort bei Köln. Mütterlicherseits stamme ich von Hugenotten ab, meine Vorfahren, die Familie Panier, hatten eine Klaviermanufaktur. Dass ich mich so früh mit Zugereisten und Ausgegrenzten oft besser verstand als mit Alteingesessenen, hängt vielleicht mit meiner Familiengeschichte zusammen.“ Obwohl bekennender Agnostiker, setzt Wallraff sich immer wieder mit religiösen Themen auseinander. „Ich habe mich sehr früh mit der Mystik eines Meister Eckhardt, Johannes vom Kreuz oder Thomas von Kempen beschäftigt. Da blättere ich heute immer wieder nochmal drin und finde Losungen, die zu dem passen, was ich gerade erlebe. Mensch, ich muss jetzt aufpassen, dass ich auf meine alten Tage nicht noch zum gläubigen Mensch werde, davor bewahre mich Gott“, scherzt er, nicht ohne ernsthaften Unterton. Auf die Frage, was ihm geholfen hat, die Folgen seines Handelns zu ertragen, was ihn trägt, antwortet er: „Das ist eine gute Frage.“ Ihm geht es darum, „jemandem nahe zu sein, Unrecht aufzuspüren und Schwächeren beizustehen, dem Leben einen Sinn zu geben. Ich bin dann bereit, einiges zu riskieren und dann schütze ich mich auch nicht mehr.“

Die Frage: „Welchen Beruf würden Sie ausüben, wenn Sie nicht täten, was Sie tun?“ macht ihn nachdenklich. „Ich hab das nie allein so als Beruf empfunden, man kann es Berufung nennen. Ich bin Einzelkind, Einzelgänger, Einzelkämpfer. Als Jugendlicher, als ich so ein schlechter Schüler war, hat meine Mutter immer gesagt, aus dir wird nichts, du wirst mal Straßenkehrer. Da habe ich mich irgendwann mit den Straßenkehrern identifiziert und vielleicht bin ich das irgendwie auch geworden.“ Aber es gab auch andere Optionen und Talente. „In sehr früher Zeit habe ich abstrakte Versuche gemacht, so eine Art Alchemie der Kunst. Ich habe meine Sachen mal Max Ernst gezeigt, der mich in seine Galerie mitnahm und nach Südfrankreich einlud und habe jetzt eine Begegnungsstätte mit Naturskulpturen aus aller Welt. Vielleicht wäre Ethnologe eine Richtung gewesen. Ich habe im Amazonasgebiet bei einem Stamm gelebt und war in der Versuchung, alles hinter mir zu lassen und ein neues Leben anzufangen.“

Günter Wallraff ist lange und intensiv für seine Arbeit angefeindet worden, er hat aber auch bemerkenswerte Erfolge erzielt. Die vom Bundesgerichtshof erlassene Lex Wallraff legt fest, dass die in Undercover-Recherchen gewonnenen Erkenntnisse veröffentlicht werden dürfen, wenn es um gravierende Missstände geht, und viele Bundestagsabgeordnete hören inzwischen auf das, was er und sein Team ihnen aus Kliniken und Pflegeeinrichtungen, Raststätten, Fastfood-Unternehmen oder von Paketdiensten berichten und bemühen sich um entsprechende Verbesserungen.

Dennoch sieht es für Günter Wallraff nicht so aus, als ob ihm die Themen ausgehen würden. Dafür schlüpfen er und sein Team immer wieder in andere Rollen. „Die Hälfte meiner Tätigkeit besteht darin, dass ich versuche, Menschen zu ihrem Recht zu verhelfen. Manchmal gelingt's aber oft laufe ich mit einem schlechten Gewissen herum.“

Manche nennen ihn wie etwa Giovanni di Lorenzo oder Sandra Maischberger in dem facettenreichen Porträt des Schriftstellers, „Wallraff war hier“ von Lutz Hachmeister, das am 9. Oktober um 22.15 Uhr auf RTL ausgestrahlt wird, einen Getriebenen, der seine Projekte geradezu manisch verfolgt. Doch wer Wallraff wirklich zuhört, kommt zu einem anderen Ergebnis. Seine wache Aufmerksamkeit spricht eher für eine prophetische Existenz. Er ist einer, der, wie der heilige Benedikt es in seiner Regel von den Mönchen fordert, mit angedonnerten Ohren hört und, wie Hildegard von Bingen es für sich in Anspruch nahm, zur Antwort auf die Fragen unserer Zeit berufen ist.

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