Hochwasserkatastrophe

Warnen - aber bitte richtig!

Die Hochwasserkatastrophe hat es ans Licht gebracht: Wenn die Kommunikation nicht funktioniert, sind die Bürger nicht geschützt. Wie kann man das für zukünftige Notlagen ändern?
Signalanlage
Foto: JAKKAPAN JABJAINAI (97419402) | Es gibt bundesweit keine verbindlichen Sirenensignale mehr, die alle Bundesbürger gleich interpretieren können.

Als die Flut über Teile des Sauerlandes und des Ahrtales hereinbrach, waren viele Menschen ahnungslos. Das kostete Geld und Gut, schlimmer noch, es kostete Leben. Im 21. Jahrhundert sind wir Menschen den Naturgewalten nicht weniger ausgeliefert als die Menschen der Urzeit. Die Menschen des Informationszeitalters haben allen Vorfahren eine Option voraus: Die Information. Während eine Wasserflut im 21. Jahrhundert noch genauso tödlich ist wie im 11. Jahrhundert vor Christus, so haben heutige Gesellschaften einen gewaltigen Informationsvorsprung. In den allermeisten Fällen liegt die Information über eine hereinbrechende Naturkatastrophe vor. Doch das allein nützt wenig.

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In jeder zuständigen Behörde kennt man das Dilemma: Warnt man zu oft, ist man der kleine Junge, der täglich rief: "Der Wolf kommt!" und als der Wolf wirklich kam, glaubte ihm keiner mehr. Es gibt Warn-Apps, die eine steife Brise zum Sturm erklären und davor warnen. Das ist Quatsch! Es gilt zu warnen, wenn echte Gefahren für Hab und Gut sowie für Leib und Leben drohen. Menschen, denen gerade der Keller absäuft, interessieren sich zudem nicht im Geringsten, ob das Wetter oder das Klima an dem Starkregen die Schuld tragen. Diese Leute brauchen Sandsäcke statt Propaganda und Informationen statt Wahlkampf.

Die Grenzen der Digitalisierung wurden brutal deutlich

Vor der Hilfe steht nämlich die Warnung. Es hat sich gezeigt, dass sehr viele von den katastrophalen Hochwassern völlig überrascht waren. Dabei hat doch jeder ein Smartphone. Schnell lag die Frage auf der Hand, ob denn nicht eine App für die Katastrophenwarnung Standard sein könnte. Jede Bestrebung dieser Art weckt zu Recht Argwohn. Aber mehr noch stellen sich Fragen. Es kann als eine kulturelle Leistung angesehen werden, sich von seinem Smartphone nicht zu jeder Zeit und nicht gegen den eigenen Willen stören zu lassen. Technisch wäre es möglich, dass im Falle einer bevorstehenden Katastrophe sogar abgeschaltete Smartphones einen wahren Höllenlärm veranstalten. Exakt das wäre nötig, um die erforderliche Aufmerksamkeit zu bekommen. Welche Vollmachten über alle Smartphones des Landes dazu einem regierungsamtlichen Katastrophenschutzamt eingeräumt werden müssten, könnte sich nicht einmal eine Konferenz der Weltvereinigung der Verschwörungstheoretiker ausdenken. Es braucht aber keine Verschwörung befürchtet werden, denn in Deutschland haben die Netzbetreiber gar nicht die Kapazität für eine solche Massenalarmierung.

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Ein weiterer Aspekt spricht gegen die Smartphones als primärer Träger der Warnfunktion im Katastrophenfall. Fällt ein Smartphone ins Wasser, kann es Elektroschrott sein. Viele Smartphones heute sind wasserdicht, doch fallen sie auf den Boden, sind sie meist ein Totalausfall. Ganz davon abgesehen, dass auch die Funkmasten leicht Schaden nehmen und bei Stromausfall sofort vom Netz gehen, da sie keine Notstromversorgung haben. Je komplexer eine Technologie ist, umso anfälliger ist sie auch. Der digitale Polizeifunk, den auch Rettungsdienste nutzen, fiel in einigen Regionen über Stunden aus. Ein analoges Funkgerät in einer Ausführung für Militär oder Feuerwehr kann gerne mal ins Wasser fallen, man putzt es ab und nutzt es weiter. Analog drückt man die Sprechtaste und sendet, irgendwer wird es hören. Ein digitales Funksystem muss erst einen freien Kanal bereitstellen, vorher kann keine Nachricht abgesetzt werden. Ein simples Baustellenradio, wie es Handwerker heute nutzen, kann analoge und auch digitale Programme empfangen, es kann auch mal vom Dach fallen und vor Wasser fürchtet es sich nicht. Es hat einen standardisierten Akku für viele Stunden und ist somit vom Netz unabhängig, weil der Nachbar nur den Akku aus seiner Bohrmaschine ziehen muss, schon funktioniert das Radio weiter. Auf der Baustelle geht es robust zu. In der Katastrophe geht es weitaus robuster zu. Also muss die Katastrophentechnik robust sein.

„Jeder kannte den Katastrophenalarm und wusste,
das bedeutet: Radio einschalten.“

 

Wer über eine Warninfrastruktur nachdenkt, muss über drei Punkte nachdenken: Es gilt erstens die Aufmerksamkeit von Bürgern zu wecken, die möglicherweise gerade nicht gestört werden wollen. Zweitens ist den Bürgern die Information zu vermitteln, was ihre Aufmerksamkeit jetzt erfordert und was zu tun ist. Es gilt drittens den Bürger informiert zu halten, da sich Katastrophen gerade durch eine gewissen tragische Dynamik der Lage auszeichnen.
In Zeiten des kalten Krieges war man auf die Gefahr eines heißen Krieges vorbereitet und hatte ein Warnsystem mit 80 000 Sirenen mit bundeseinheitlichen Standards, auf das ein bundesweiter, aber auch ein regionaler Zugriff bestand. Jeder kannte die wichtigsten Signale, weil man sie in der Schule lernte. Jeder kannte den Katastrophenalarm und wusste, das bedeutet: Radio einschalten.

Aber das Radio, zumindest das öffentlich-rechtliche, versagte in der jüngsten Hochwasserkatastrophe. Nach 1993 wurde die Gefahr eines Krieges als sehr gering einschätzt. Daher hat man die Zivilschutzinfrastruktur abgebaut. Damit entfiel ebenfalls ein effizientes Katastrophenwarnsystem, für das es keinen Ersatz gibt. Städte und Kommunen betreiben heute uneinheitliche Sirenensysteme. Ferner sind die Alarmierungswege regional abweichend organisiert. Es gibt weder auf Bundes-, auf Länder- oder Kreisebene eine zentrale Stelle, die Sirenen auslösen könnte. Sirenensignale, schreibt das 2004 gegründete Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe auf seiner Webseite, seien deutschlandweit nicht einheitlich geregelt. Ein Sirenensignal könne somit von Kommune A zur Warnung genutzt werden, während Kommune B das gleiche Signal zur Entwarnung verwende, informiert das Amt.

Es gibt keine zentralen Alarmierungsmöglichkeiten mehr

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Das bedeutet in der Zusammenschau, es gibt keine über die kommunale Ebene hinaus gehende Warn- und Alarmierungsinfrastruktur. Selbst ein Landrat könnte in seinem Kreis keine zentrale Alarmierung auslösen. Auf der anderen Seite laufen wichtige Hinweise, die Alarme nötig machen könnten, bei überregionalen Stellen auf. Verantwortung für den Katastrophenschutz tragen die Länder. Hier klafft eine Lücke zwischen der Verantwortung und der technischen Alarmierungsmöglichkeit. Um die Aufmerksamkeit der Bürger im Katastrophenfalls wecken zu können, wäre ein Wiederaufbau der Sirenen mit einer mindestens landesweiten Zuständigkeit bei bundeseinheitlich verabredeten Signalen nötig.

Im Fall der Fälle braucht es die gute alte Mittel-, Kurz- oder Ultrakurzwelle als robusten, bestenfalls analogen Informationsträger. Einen analogen Kurzwellenempfänger baut jeder Bastler in kurzer Zeit aus einer Handvoll Bauteilen zusammen. Etwas in der Art der Baustellenradios kann jeder Hilfsdienst vorhalten, um sie zu verteilen. Doch es wäre auch keine Überforderung, die Bürger dazu zu bringen, ein batteriegetriebenes Notfallradio im Haus vorrätig zu haben. Bleibt am Ende noch der Sender. Hier bedarf es, das haben die Hochwasser an Ruhr und Ahr gezeigt, einer Schnittstelle zwischen dem Katastrophenschutz des Landes und dem Rundfunk. Während im Normalbetrieb jede, wirklich jede staatliche Einmischung bei Medien tabu sein muss, sollte die zuständige Behörde direkten Zugriff auf das Programm bekommen, wenn eine Katastrophe naht. Zudem kann eine robuste analoge Senderinfrastruktur für Katastrophen bereitgehalten werden.

Uninformierte Behörden? Eine Katastrophe!

Wenn sich eine Katastrophe in einem Medien- und Informationszeitalter dadurch kennzeichnet, dass die Bürger und zum Teil sogar Behörden vor Ort uninformiert waren, dann ist schon das an sich eine Katastrophe. Mit Haushaltsmitteln, gutem Willen und technischem Sachverstand wäre diese leichter zu beheben als die Folgen eines erneuten Informationsdesasters im Katastrophenfall.

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