Vor allem brauchen wir Vorbilder

Sie haben einmal erzählt, dass ihre liebsten Spielkameraden als Kind in Äthiopien zwei kleine Löwen waren.

Das ist eine alte Tradition, denn der Löwe ist unser Wappentier. Mit dem „Löwen von Juda“ identifiziert man den äthiopischen Kaiser – fälschlicherweise. Im Alten Testament, bei Jesaja, steht: „Der Löwe von Juda wird siegen.“ Das ist natürlich eine Prophetie von Jesus Christus! Er ist der Löwe von Juda! Im 16. Jahrhundert begann man, den äthiopischen Kaiser mit dem Löwen von Juda zu identifizieren. Wir hatten damals enge Beziehungen zu Portugal und jeder Brief, den die äthiopischen Kaiser schrieben, begann mit „Der Löwe von Juda wird siegen“. Damit wollten sie sagen: Auch ich bin Christ! Die europäischen Könige jedoch nahmen das als Teil der Titulatur. Sie haben es völlig missverstanden. Wir sehen im äthiopischen Löwen Jesus Christus: Er ist der Löwe von Juda!

Ja, ich habe als Kind mit zwei kleinen Löwen gespielt. Sie sind nur zu ertragen bis zum zweiten, dritten Lebensjahr, dann müssen sie in Käfigen gehalten werden. Der Kaiser hatte einen riesengroßen Löwen, den er, wenn er ausländische Gäste hatte, in Ketten vorgeführt hat. Aber ich verspreche Ihnen: Alle Zähne waren ihm rausgezogen!

„Auf der anderen Seite gibt es etwas, was die Europäer vielleicht von uns lernen können: die tiefe Spiritualität der Afrikaner. Hier leben wir in einer atomisierten Welt. Gehen Sie nach Äthiopien: Die Kirchen sind voll – aber nicht mit Greisen, sondern mit jungen Leuten“

Spielte in Ihrer Erziehung diese theologische Begründung der Macht Ihrer Familie eine Rolle? Die ist ja sehr alt, sie führt sich zurück auf eine biblische Begegnung zwischen Salomo und der Königin von Saba.

Ich hörte darüber vor allem von meinem äthiopischen Kaplan, der die Familiengeschichte kannte und mir Genealogie beibrachte. Als junger Mensch musste ich bis zur achten Generation alles auswendig lernen: Ich bin der Sohn von, der Enkel von... Die Namen allein erklären in Äthiopien nichts. Ich heiße nicht wie mein Vater; mein Vater nicht wie mein Großvater. Der Vorname des Vaters ist nur eine Generation lang der Nachname der Kinder. So wäre es gar nicht möglich, anhand der Namen in Äthiopien genealogische Studien zu betreiben. Deshalb muss man viel auswendig lernen. Das war ein Teil der Erziehung.

Die mystische Begegnung der Königin von Saba mit Salomo wird als Sage bezeichnet. Aber seit einigen Wochen sind wir sehr nah herangekommen, seit ein deutscher Archäologe den Palast der Königin von Saba gefunden hat. Auch ohne diese Entdeckung haben wir in der Nähe von Axum archäologische Funde, die uns auf das Jahr 850 v. Chr. zurückbringen, sodass wir uns langsam dieser magischen Zeit 1000 v. Chr. nähern. Es ist eine Legende, aber Legenden entstehen nicht aus dem Nichts. Es muss immer ein Körnchen Wahrheit dabei sein.

Spielt diese „Legende“ im Bewusstsein des Volkes heute noch eine Rolle? Weiß man in Äthiopien um die eigenen Wurzeln?

Wenn Äthiopier, auch marxistisch gesinnte, sich gegenüber anderen Nationen profilieren wollen, dann spielt es eine Rolle. Bis 1974 war es diese mystische Verbundenheit mit der Königin von Saba, die das Volk 3 000 Jahre lang zusammengehalten hat. Was will man mehr von einer Idee? Es ist die ideelle Affirmation mit einer Person, mit einer Idee, die überhaupt Nationen zustande bringt. Wie arm wäre England ohne König Arthur, wie arm Deutschland ohne die Nibelungensage.

Haben Ihre ersten Lebensjahre Sie bis heute tief geprägt?

Rückblickend bin ich sehr glücklich, dass ich erst mit 20 Jahren Äthiopien verlassen habe. Die Jesuiten haben früher gesagt: „Gebt uns einen Jüngling von acht Jahren und wir geben euch einen gläubigen Katholiken für die Ewigkeit.“ Das sind die wichtigsten Jahre im Leben eines Menschen. Hätte ich diese Jahre nicht in Äthiopien verbracht, wäre bei mir nichts Äthiopisches geblieben. Aber weil ich dort war und weil ich wirklich bewusst diese Traditionen erleben durfte, kann ich davon zehren, auch im Ausland – und mich mit meinem Geburtsland identifizieren.

Sie kennen Äthiopien, sind aber auch in Europa zu Hause. Können Äthiopien und Europa voneinander lernen?

Wir Äthiopier können von Europa Disziplin lernen, und die Fähigkeit, andere Menschen, die nicht der gleichen Meinung sind, zu akzeptieren. Das ist eine europäische Kompetenz, die schwer erkämpft wurde. In 2 000 afrikanischen Sprachen gibt es kein wirkliches Äquivalent für das Wort Gegnerschaft. Der Afrikaner kennt Freund und Feind – dazwischen existiert für ihn nichts. Deshalb haben so viele Staaten Afrikas Probleme mit der Demokratisierung. Wieso soll ich jemanden tolerieren, der nicht so denkt, nicht so ist wie ich? Auf der anderen Seite gibt es etwas, was die Europäer vielleicht von uns lernen können: die tiefe Spiritualität der Afrikaner. Hier leben wir in einer atomisierten Welt. Gehen Sie nach Äthiopien: Die Kirchen sind voll – aber nicht mit Greisen, sondern mit jungen Leuten.

Die Ökumene ist Ihnen ein Herzensanliegen. Was wäre aus Ihrer Sicht nötig, um die Ökumene einen Schritt nach vorne zu bringen?

Die christologischen Fragen zwischen der katholischen Kirche und der Orthodoxie sind im Grunde gelöst. Die Frage der zwei Naturen Christi trennt nicht mehr. Wenn Sie einen äthiopischen Priester fragen, ob Jesus Christus sowohl Gottes Sohn als auch Menschensohn war, wird er sagen: „In einem, ja“. Das wird ein syrischer und ein armenischer Priester genauso sagen wie ein koptischer. Es waren Fragen der Sprache, und der Politik natürlich, die einstmals eine trennende Rolle gespielt haben.

Was die Ökumene in Äthiopien angeht, ist einer der wichtigsten Punkte die unglückliche Situation, die 1936 entstand, als Papst Pius XI. die nach Äthiopien gesandten italienischen Truppen gesegnet hat. Das ist ein Stachel, der tief in der äthiopischen Haut sitzt. Wir müssen zuerst diesen Stachel rausnehmen und diese Wunde mit Balsam begießen. Dann geht es bei allen orthodoxen Kirchen um den Primat des Papstes: Wenn es einen Papst gegeben hat, der uns unmissverständlich gezeigt hat, dass das nicht das größte Anliegen der katholischen Kirche ist, dann ist es Papst Benedikt, der nicht umsonst die Tiara in seinem Wappen weggelassen und die Mitra verwendet hat.

Sie sind nicht nur bemüht um die große Ökumene mit Rom, sondern auch um die kleine mit dem ägyptischen Nachbarn.

Ich bin sehr glücklich, diesbezüglich in jüngster Zeit Erfolge erzielt zu haben. Es ist uns gelungen, die beiden Schwesterkirchen wieder zusammenzubringen. Papst Shenuda war unlängst in Äthiopien, und die Probleme, die die äthiopisch-orthodoxe Kirche mit Kairo hatte, sind jetzt gelöst. Bei dieser Gelegenheit möchte ich von einem Wunder erzählen: Am Tag, als Papst Shenuda in Addis Abeba eintraf, gab es ein riesiges Gewitter, danach einen Regenbogen, und man hat darin das Kreuz ganz groß gesehen. Die BBC hat mindestens 15 Minuten darüber berichtet. Also, Wunder geschehen! Wenn die Christen sich in Liebe begegnen, dann ist sogar der Himmel freudig und zeigt seine Zuversicht.

„Die Aufklärung hat

vieles an Normalität zwischen dem Gläubigen und der Kirche, ja viel vom Mysterium

genommen. Wenn man einmal Tageslicht in ein Mysterium bringt, dann ist dieses Mysterium nicht mehr da. Dann gibt es nichts Heiliges, nichts Übernatürliches“

In Europa gibt es nicht nur spirituelle Defizite. Es scheinen, auch im Ritus, die Manieren in Gefahr.

Sie haben absolut Recht. Als orthodoxer Christ ist mir die Art und Weise, wie man mit der Kommunion umgeht, von größter Wichtigkeit. Die Reverenz, die ein orthodoxer Christ gegenüber der Eucharistie zeigt, spielt so eine große Rolle, dass es sich mir als Sünder verbietet, die Hostie anzunehmen. Als ich zum ersten Mal 1991 wieder nach Äthiopien kam, ging ich in die Kirche, die mein Großvater erbaut hatte, um Dank zu sagen. Als ich dem Priester sagte, ich würde gerne die Kommunion empfangen, fing er an zu weinen: „Das können Sie uns nicht antun. Sie sind doch noch zu jung dafür!“ Wenn ein Äthiopier zur Kommunion geht, hat er nicht nur gebeichtet, sondern er sagt allen weltlichen Dingen ab. Das ist ein Zeichen, wie man diesem heiligen Akt gegenübersteht. Das vermissen wir natürlich in der modernen Kirche Europas.

Warum ist das den Europäern verloren gegangen: das Bewusstsein für das Heilige?

Die Aufklärung hat vieles an Normalität zwischen dem Gläubigen und der Kirche, ja viel vom Mysterium genommen. Wenn man einmal Tageslicht in ein Mysterium bringt, dann ist dieses Mysterium nicht mehr da. Dann gibt es nichts Heiliges, nichts Übernatürliches. Das haben die Europäer nach der Aufklärung bewusst aufgegeben. Die Trennung zwischen Staat und Kirche ist eine große Errungenschaft der Aufklärung, aber die Spiritualität der Europäer musste darunter sehr leiden.

„Wir müssen in Europa jetzt für europäische Werte aufstehen, dann werden wir auch ernst genommen werden von Muslimen. Wir können einen religiösen Dialog nur mit religiösen Mitteln führen. Es ist einfach Blödsinn, einen Nichtreligiösen zu einem Dialog mit dem Islam zu schicken“

Sehen Sie eine Möglichkeit, die Mystik, das Heilige wieder zurückzuholen? Denn die Sehnsucht ist ja vorhanden.

Mit diesem Papst sind wir schon da gelandet, wo wir längst sein wollten. Sehen Sie doch, wie er sich anzieht, wie er zum Beispiel dieses wunderbare Pallium getragen hat. Die Kirche muss auch Pracht entfalten. Ich weiß, man lacht darüber. Es gab in Deutschland eine Zeit nach 1968, wo man gesagt hat, das brauche die Kirche nicht. Leider hat die Kirche dann auch funktionalistisch gebaut. Aber wir haben gesehen, wohin das geführt hat, wenn die Kirche selber nicht mehr die Mystik akzeptiert und für die Mystik sorgt, den Alltag durchbricht, den Menschen das Gefühl gibt, wenigstens für ein paar Stunden in einer anderen Welt zu sein. Wir wissen ja, wie schwer es uns fällt, überhaupt diese geistige Welt zu erreichen. Deshalb sind die orthodoxen Kirchen weiterhin so voll Symbolik. Deshalb verbrennen sie doppelt soviel Weihrauch wie die katholische Kirche, haben doppelt soviel Gold wie die katholische Kirche.

Aber sind sie auch vitaler? Oder stimmt das alte Vorurteil, dass die Orthodoxie eine Flamme sei, die wärmt, ohne zu leuchten, die katholische Kirche dagegen eine Flamme, die leuchtet, ohne zu wärmen?

Das kann durchaus der Fall sein, vor allem in Europa. Hier ist ein Unterschied zwischen der nördlichen und der südlichen Hemisphäre. Die wirklich gläubigen Menschen auf dieser Erde, für die die Kirche noch eine ganz große Bedeutung hat, sind nicht mehr in der nördlichen Hemisphäre, sondern in der südlichen. Da leuchten die Kirchen noch. Da hat die Kirche noch Zukunft! Ob es nun Afrika ist oder Asien.

Ist dieser Papst eine Chance für das müde, alte, säkularisierte Europa?

Wenn die Europäer das nicht einsehen, dass sie hier eine einmalige Chance haben, dann machen sie einen großen Fehler! Er ist der intellektuellste Papst, den wir seit Jahrhunderten haben. Ich persönlich bin der Meinung, dass er als einer der größten katholischen Päpste der modernen Zeit in die Geschichte eingehen wird. Ich hoffe nur, dass auch wir Orthodoxen Gebrauch machen von diesem großen Kirchenlehrer.

Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen dem Verdunsten des Glaubens und dem Verlust der Manieren in der Gesellschaft?

Auf jeden Fall. Beides hat seinen Ursprung in den 68er Jahren, als mit der Religion auch alles andere aufgegeben wurde. Alles, was mit dem Vaterland zu tun hat, mit Erziehung und mit dem zivilisierten Umgang unter Menschen, wurde in einen Topf geworfen mit dem sogenannten Mief. Nun haben wir eine neue Generation, die total desorientiert ist. Ich habe das miterlebt, bin ja mittenrein gekommen 1968, als Deutschland brannte und eine quasi revolutionäre Situation herrschte. Der größte Schock für mich war nicht das Infragestellen von allen Institutionen, sondern wie Deutsche sich selbst gesehen haben. Ich habe von diesem Kulturschock immer wieder gesprochen, weil mich das bis heute belastet. Ich war einige Monate in Tübingen und reiste mit vier Kommilitonen ins Elsass. Wir gingen in eine Studentenkneipe. Beim Hinausgehen wurden wir gefragt: „Wo kommt ihr eigentlich her?“ Sehr stolz sagte ich, ich sei Äthiopier. Die vier deutschen Kommilitonen, die mit mir waren, sagten alle, sie seien Österreicher. Für mich ist eine ganze Welt zusammengekracht. Ein Mensch, der sein Vaterland verleugnet!

„Für die nächsten Dekaden glaube ich nicht, dass wir einen Muslim auf dieser Welt finden werden, der wirklich zwischen Staat und Religion trennen kann. Für einen Muslim, egal wie modern er ist, gibt es keinen religionsfreien Raum. Für ihn hat alles mit Religion zu tun“

Jetzt kommt in das säkularisierte Europa mit aller Wucht ein tief religiöser Islam und verunsichert diese Gesellschaft. Könnten wir damit souveräner umgehen, wenn wir unsere eigene Religion mehr schätzen würden?

Ja, das Relativieren von eigenen Werten bringt uns nicht weiter. Wir müssen in Europa jetzt für europäische Werte aufstehen, dann werden wir auch ernst genommen werden von Muslimen. Wir können einen religiösen Dialog nur mit religiösen Mitteln führen. Es ist einfach Blödsinn, einen nichtreligiösen Menschen zu einem Dialog mit dem Islam zu schicken. Worüber sollen sie denn reden? Ein Mensch, der keinen Glauben hat, ist für einen Muslim kein Mensch.

Sie haben aus äthiopischer Perspektive eine jahrhundertelange Erfahrung mit dem Islam. Was würden Sie aus dieser historischen Erfahrung heraus den Europäern empfehlen?

Der Dialog mit dem Islam ist vielleicht die größte Herausforderung des 21. Jahrhunderts. Für die nächsten Dekaden glaube ich nicht, dass wir einen Muslim auf dieser Welt finden werden, der wirklich zwischen Staat und Religion trennen kann. Für einen Muslim, egal wie modern er ist, gibt es keinen religionsfreien Raum. Für ihn hat alles mit Religion zu tun. Wir betrügen uns selbst, wenn wir mit wohlwollenden reformatorischen Ideen kommen. Es wird darum gehen, wie die beiden Religionen, die abrahamitisch sind, neben- und miteinander leben. Lasst uns über die Gemeinsamkeiten mit dem Islam reden: Für uns Christen ist das manchmal schwer, aber Allah ist kein anderer Gott als der Gott Abrahams, der Gott Isaaks, Ismaels und Moses. Ich nehme mir das Recht zu sagen, dass es für mich zu diesem gemeinsamen Gott nur einen Weg gibt, das ist mein Heiland Jesus Christus. So wie ich beim Muslim toleriere, dass für ihn der einzige Weg zu diesem Gott über Mohammed führt.

Was empfehlen Sie einem Europäer im alltäglichen Umgang mit dem muslimischen Arbeitskollegen, Freund, Nachbarn?

Wir reden da von einer interkulturellen Gesellschaft, die wir leider Gottes noch nicht haben. Wir haben die multikulturelle Gesellschaft, die dazu führte, dass die beiden Kulturen sich gegeneinander stellten und sich Parallelgesellschaften bildeten. Am Geburtstag von Mohammed geht der äthiopische Christ zu seinem muslimischen Nachbarn und isst mit ihm. Zu Weihnachten kommt die gesamte muslimische Familie und isst mit den Christen. So weiß man etwas mehr über die andere Religion. Wenn man die Andersartigkeit des Anderen akzeptiert, sie nicht als Gefahr sieht, dann können Kulturen ineinander fließen. Zivilisationen sind nicht dazu bestimmt, um aufeinanderzuprallen, sondern um zusammenzufließen.

Sie haben einen Bestseller über Manieren geschrieben und sind damit zum Geburtshelfer für eine Renaissance der Manieren in diesem Land geworden. Wie hat sich Ihr Leben danach verändert?

Es fängt damit an, dass ich in Frankfurt nicht mehr auf der Straße gehen kann ohne erkannt zu werden. Vor einiger Zeit ging ich an einem Vormittag voll beladen von irgendwelchen Lebensmitteleinkäufen nach Hause. Ich wurde auf der Straße von drei älteren Damen angesprochen, die ich noch nie gesehen hatte. Sie kamen mit triumphalen Blicken auf mich zu und sagten: „So, jetzt haben wir Sie erwischt. Sie haben doch geschrieben, dass ein Herr keine Tüten trägt!“ Da musste ich antworten: „Ich bin natürlich dankbar, dass Sie mein Buch gelesen haben. Aber wenn Sie mich schon zitieren, dann bitte richtig. Ich habe über eine Situation geschrieben, wo ich mit einer jungen Dame einkaufen war, und ich wollte ihr die Tüte abnehmen. Sie sagte: Du glaubst doch nicht, dass ich mich mit einem Mann sehen lasse, der eine Tüte trägt.“

Sehen Sie eine Renaissance der Manieren?

Auf jeden Fall. Ich würde sogar sagen, dass diese Generation manierlicher ist als meine. Die Sehnsucht ist da. Sehen Sie sich die jungen Leute an: Diese 40 Jahre der Nicht-Manieren haben ihnen gereicht. Sie wissen, dass wir jetzt einen Tiefpunkt in der Gesellschaft erreicht haben. Haben Sie die Universitäten jemals so ruhig erlebt? Also, der Drang ist zu besseren Manieren! Der bessere Umgang miteinander hat wieder eine Renaissance. Das ermuntert natürlich sehr, aber die große Frage ist: Wer ist denn da, um den Kindern Manieren beizubringen? Die Eltern sind oft 68er, die Lehrer genauso. Wie wäre es, wenn man eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme seitens der Regierung in die Wege leitet, um alte Tanten und Omas in die Verantwortung zu ziehen? Sie wissen noch, was Manieren sind.

„Es gab viel Mief in Deutschland. Wir haben aber einen Fehler gemacht, dass wir mit dem Mief alles, was nach Patrimonium gerochen hat, nach Kultur und Tradition, aus dem Fenster geworfen haben“

Wir sind diejenigen gewesen, die alles über Bord geworfen haben, sodass ein junger Mann von 22 Jahren mir in Hildesheim nach einer Lesung gesagt hat: „Ich möchte Sie nicht beleidigen, aber Sie müssen wissen, dass ich Ihre Generation dafür verantwortlich mache, dass ich heute so frieren muss.“ Es gab viel Mief in Deutschland. Wir haben aber einen Fehler gemacht, dass wir mit dem Mief alles, was nach Patrimonium gerochen hat, nach Kultur und Tradition, aus dem Fenster geworfen haben.

Wo sind Quellen der Erneuerung?

Erneuerung kann natürlich aus der Kirche kommen. Ich glaube, dass das zum Teil schon sichtbar ist. Wenn ich die Begeisterung sehe, die die Jugendlichen beim Weltjugendtag in Köln gezeigt haben – das wäre zu meiner Zeit undenkbar gewesen. Ich sehe aber keine weiteren gesellschaftlichen Korporationen, die wirklich revolutionäre Gedanken herbeibringen, um diese sehr gekränkte Gesellschaft zu erneuern, Mut zu geben und die Kinder zur Zivilcourage zu erziehen. Leider gibt es im öffentlichen Leben zu wenige Vorbilder, die die Jugend begeistern können. Aber ohne Vorbilder wird es schwer sein, eine neue Generation von Werten und Tugenden zu überzeugen.

Wäre es für Sie denkbar, in Ihre Heimat Äthiopien zurückzukehren, und dort möglicherweise politisch aktiv zu werden?

Ich will nicht Nein sagen. Aber eines ist klar, egal was ich in Zukunft mache: Ich werde nicht nur in Äthiopien leben können. Ich habe den Punkt erreicht, wo ich sehr viel mehr Zeit, nämlich 40 Jahre meines Lebens, in Deutschland gelebt habe, aber nur 20 Jahre in Äthiopien. Ich würde mich selbst belügen, wenn ich sagen würde, dass ich ohne die deutsche Sprache, ohne das deutsche Theater, ohne die deutsche Musik überhaupt lebensfähig bin. Ich brauche zwar auch das Andere, meine äthiopischen Wurzeln, aber ich muss beide Kulturen sehen. Ich muss zusehen, dass ich mindestens für drei bis vier Monate in Europa bin, wenn der liebe Gott es will und mich mal eines Tages nach Hause bringt. Umgekehrt genauso: Ich muss in Abständen in meiner eigenen Heimat sein, wo ich jetzt in den letzten 17 Jahren das Recht habe, zurückzukehren. In anderen Worten: Ich werde stets als Reisender zwischen zwei Welten gelten.

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