Kultur

Von Qumran nach Mainz

Die Heilsbotschaft fiel auf fruchtbaren Boden – Eine Jerusalemer Ausstellung zeigt die reiche Überlieferungsgeschichte des Buches der Bücher. Von Oliver Maksan
Hebräischer Bibeltexte
Foto: Museum | Die Ausstellung präsentiert eine Vielzahl hebräischer Bibeltexte. Die ältesten gehen auf die Funde von Qumran zurück.

Orthodoxe Juden vor Vitrinen mit mittelalterlichen Handschriften des Neuen Testaments, amerikanische Christen vor arabisch kommentierten Ausgaben der hebräischen Tora: Viele Besucher der neuen Ausstellung „The Book of Books“ (Das Buch der Bücher) im Jerusalemer Bible Lands Museum dürften erstmals mit derartigen Exponaten konfrontiert sein.

In Kooperation mit einer amerikanischen Organisation stellt das Bible Lands Museum, wo sonst die Umwelt der Bibel vorgestellt wird, nun das Buch der Bücher selbst in den Mittelpunkt. Faksimiles, aber auch eine ganze Reihe von Originalen bieten die Überlieferungsgeschichte der Heiligen Schrift anschaulich dar. Interaktive Bildschirme ermöglichen es den Besuchern, die alten Texte genauer unter die Lupe zu nehmen: Die Details großflächiger Handschriften und Folianten bleiben so nicht länger verborgen.

Die Ausstellung widmet der Zeit des Zweiten Jerusalemer Tempels breiten Raum. Die Funde von Qumran und der Region des Toten Meeres stehen hier im Mittelpunkt. Faksimiles der ab 1947 zunächst zufällig, dann nach systematischer archäologischer Suche aufgefundenen Schriftrollen sind zu sehen, darunter die vollständig erhaltene Jasajarolle. Bis auf das Buch Esther sind alle Bücher der Hebräischen Bibel gefunden worden, zudem eine Vielzahl kommentierender und ritueller Texte. In der Frage, ob die sie benutzende Qumrangemeinschaft nun Essener waren oder nicht, enthält sich die Ausstellung einer Meinung. Datiert werden die Funde auf die Zeit zwischen 250 vor bis etwa 70 nach Christus.

Ins dritte Jahrhundert vor Christus reicht auch die Entstehung der sogenannten Septuaginta zurück, die in zahlreichen Papyri ausgestellt ist. Diese griechische Übersetzung des Alten Testaments wurde der Legende nach von Ptolemäus II. Philadelphus in Auftrag gegeben, um seine Alexandriner Bibliothek zu vervollständigen. Zweiundsiebzig jüdische Gelehrte sollen das Werk in zweiundsiebzig Tagen vollbracht und sich gegenseitig die Güte ihrer Arbeit bestätigt haben. Die Kuratoren haben ihre Zweifel an der Geschichte: Zu uneinheitlich ist die Übersetzung, zu deutlich sind die Abweichungen vom hebräischen Text. Die Verfasser sind eher im griechisch-ägyptischen Raum zu suchen.

Hier, im hellenistischen Diasporajudentum, fiel später eine neue Heilsbotschaft auf fruchtbaren Boden: das Christentum. Dieses machte sich die Septuginta zu eigen und verfügte mit dem Neuen Testament über einen eigenen Kanon heiliger Schriften. Im trockenen Klima Oberägyptens konnte sich eine ganze Reihe von Fragmenten alter Niederschriften des Neuen Testaments erhalten. Die ersten Übersetzungen des Neuen Testaments waren lateinische und syrische. Ein großer Teil der Ausstellung zeigt, wie das Neue Testament dann immer weiter in die Sprache der zu evangelisierenden Völker übersetzt wurde: Vom Koptischen und Äthiopischen bis hin zum Armenischen, Georgischen, Slawischen und Gotischen reichen die Texte.

In der Zeit des ersten Jahrtausends hatte auch das Judentum längst seine Wandlung von einer Kultreligion hin zu einer Buchreligion hinter sich. Nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels setzte sich das pharisäisch-rabbinische Paradigma durch, das bis heute gilt. Die Kanonbildung der Hebräischen Bibel wurde abgeschlossen. Kunstvolle Ausgaben der Tora und des Talmud ahmen die Prachtentfaltung am zerstörten Jerusalemer Tempel nach. Die im orientalischen Raum entstandenen Rollen und Codices sind dabei wesentlich raffinierter als die von aschkenasischen Juden geschaffenen Werke. Von besonderer Bedeutung sind die in der Kairoer Geniza – dem Lagerraum der Synagoge für nicht mehr benutzte Schriften – gefundenen Fragmente, die einen Einblick in die Welt des orientalischen Judentums bieten.

Mit der Erfindung des Buchdrucks ging die Ära wenigstens der christlichen Illumination und Schreibkunst ihrem Ende entgegen. Jüdische Bibeltexte für den gottesdienstlichen Gebrauch hingegen müssen bis heute handgeschrieben sein. Eine originalgetreu nachgebaute Druckerpresse des Mainzer Meisters Gutenberg vermag über tausend Seiten täglich zu produzieren. Ausgestellt ist eine Seite der lateinischen Bibel, die in Gutenbergs Werkstatt gedruckt wurde. Dem aufkommenden Protestantismus kam der Buchdruck bekanntlich zugute. Frühe Lutherbibeln und diverse Versionen der King-James-Bibel illustrieren dies. Aber auch im katholischen Raum bediente man sich des neuen Instruments. Während sich die islamische Welt dem Buchdruck noch für mehr als dreihundert Jahre verweigerte, wurden im 16. Jahrhundert schon lateinisch-arabische Ausgaben der Evangelien gedruckt. Auch das europäische Judentum machte sich den Buchdruck zu eigen, wie die ausgestellte Mendelssohn-Bibel zeigt: Die in deutscher Sprache mit hebräischen Buchstaben gedruckte Übersetzung des Aufklärungsphilosophen sollte den Juden des 18. Jahrhunderts sowohl die deutsche Sprache wie die Bibel näherbringen.

The Book of Books. Bible Lands Museum Jerusalem, täglich geöffnet; ab Frühjahr 2014 im Vatikan, englischsprachiger Katalog etwa 20,– Euro

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