Feuilleton

Von der Nestwärme der Nationen

Hinter der Fassade der Wahl stellt sich in Europa die Systemfrage: Globalisierung oder Patriotismus? Von Jürgen Liminski
EU flags waving over blue sky. Brussels, Belgium
Foto: Foto: | Mehr Mut zu Vielfalt und Dankbarkeit: In Europa gibt es viele Menschen, die ihre nationale Herkunft als Wert betrachten.Adobe

Der britische Staatsphilosoph Edmund Burke definierte die Nation als die Gemeinschaft der Toten, der Lebenden und der Künftigen; Ernest Renan, der französische Diplomat, Politiker und Schriftsteller, prägte das Wort von der Nation als einem täglichen Plebiszit. Für die Deutschen ist Nation vorwiegend ein Kulturraum, begrenzt von Sprache und Geschichte. Der Lehre der Deutschen, dem Zeitbegriff des Briten und dem Voluntarismus des Franzosen fehlen eine Dimension: Dankbarkeit.

Dankbarkeit gehört nicht zur DNA der Globalisierung

Dankbarkeit für das, was die Vorfahren an Kultur und für eine menschlichere Gesellschaft geschaffen haben. Dankbarkeit und Ehrfurcht – so definiert Thomas von Aquin das Gefühl des Patriotismus. Nicht ausklammern, sondern mit Ehrfurcht, Dankbarkeit und Liebe der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft begegnen. Der große Denker ordnet dieses Gefühl der Pietas zu (wie übrigens auch die Liebe zu den Eltern) und insofern auch der Kardinaltugend der Gerechtigkeit. Es ist gerecht, der Nation in Dankbarkeit zu gedenken. Diese Dimension des Nationalgefühls wird in der Europa-Debatte oft vergessen.

Dankbarkeit gehört nicht zur DNA der Globalisierung, der Welt des Handels und der Regeln. Sie gehört in den Bereich des Menschlichen, der Gefühle und der Identität. Es gibt keine Richtlinie für Dankbarkeit. Es gibt auch keine Richtlinie für Identität. Auch global ausgreifende Ideologien kennen keine Dankbarkeit. Sie sind eigentlich immer nur von Übel. Winston Churchill nannte das Hauptübel des Kapitalismus die „ungleiche Verteilung von Wohlstand“ und das Hauptübel des Sozialismus die „gleiche Verteilung von Elend“. Da ist kein Platz für menschliche Gefühle, immer geht es um Geld und Macht, höchst selten um Kultur oder gar nationale Identität. Die wirtschaftliche Walze der Globalisierung drückt auch kulturelle Blüten und Eigenheiten platt.

In einer unübersichtlicher gewordenen Welt suchen die Menschen nach Orientierung und Identität. Fragen der Identität aber sind auch Fragen der Unabhängigkeit. Das finden sie in ihrer Sprache, ihrem Brauchtum, ihrer Folklore, ihren Traditionen und nicht zuletzt in den Formen ihrer Frömmigkeit. Hier erfahren sie Nestwärme, die nicht ausgrenzt, sondern integriert. Hier erleben sie Menschlichkeit. Großinstitutionen wie die EU aber sind „cold projects“, wie Dahrendorf sagte. Es gab in den siebziger Jahren einmal eine Diskussion über eine stärkere institutionelle Beachtung der Regionen. Ein „Senat der Regionen“, ähnlich dem Bundesrat, in dem Regionen wie Katalonien, Flandern oder Korsika ihre kulturelle Vielfalt einbringen könnten, das würde das Prinzip der Subsidiarität stärken. Es würde der Vielfalt und den Identitäten in Europa ein Gesicht geben.

Die Idee eines Senats der Regionen wurde nicht weiter verfolgt. In den schicken Büros von Brüssel versteifte man sich auf eine Union nach der Formel „Vereinigte Staaten von Europa“. Diese Formel aber findet nur in Deutschland eine relevante Anhängerschaft. Mehr noch: Die jüngsten Europa-Wahlen haben gezeigt, dass die Dynamik aufseiten der Parteien liegt, die der Identität und Subsidiarität wieder mehr Raum verschaffen wollen. Sie werden vom politisch-medialen Establishment, das je nach Land europaheiter bis europabesoffen ist, als Rechtspopulisten oder rechtsextreme Nationalisten verunglimpft. Einige wehren sich, wenn sie können. Der Vertreter des Rassemblement National (RN – Nationale Versammlung) widersprach am Wahlabend dem öffentlich-rechtlichen Journalisten in der Live-Sendung. Die künftige Fraktion aus Lega, AfD, FPÖ und RN sei nicht rechtsradikal, sie stehe für ein Europa der Völker und Nationen, für Souveränität und Subsidiarität.

Hinter der Fassade der Europa-Debatte taucht immer deutlicher die Systemfrage auf: Globalisierer gegen Patrioten. Natürlich ist Europa schon einen Schritt weiter als die reinen Nationalstaaten. Europa habe nur eine Zukunft als Föderation von Staaten, als „Staatenverbund“, wie hellsichtige deutsche Staatsrechtler unablässig betonen, unter anderen Udo di Fabio oder Paul Kirchhof. Aber diese Kooperation setzt voraus, dass das Prinzip der Subsidiarität wieder beachtet wird.

Ernest Renans Rede 1882 in der Nationalversammlung mit der berühmten Definition von der Nation als täglichem Plebiszit steht solchen Gedanken nicht fremd gegenüber. Immerhin sagte Renan am Schluss seiner Rede: „Die Nationen aber sind nichts Ewiges. Sie haben einmal angefangen, sie werden einmal enden. Die europäische Konföderation wird sie wahrscheinlich ablösen.“ Wichtiger war ihm die Freiheit. Die Existenz der Nationen sah er als notwendig an, denn sie sei „die Garantie der Freiheit“. Allerdings war der Begriff der Freiheit gerade in Frankreich durch die Große Revolution hundert Jahre zuvor ausgehöhlt worden. Freiheit wurde Beliebigkeit und die Gleichheit der Personen vor Gott war zum Kollektiv vor dem Gesetz degradiert worden. Der verhängnisvolle Zug der Ideologien, darunter auch der Nationalismus in seiner ausgrenzenden Form sowie der Sozialismus und Kapitalismus, begann seine Fahrt durch das 20. Jahrhundert. An seinen Bahnhöfen zwischen Paris, Berlin und Moskau stieg die Menschlichkeit aus und mit ihr die Freiheit.

Aber unter der Asche des im 20. Jahrhundert zerstörten Europa schlummerte noch abendländische Glut. Adenauer, de Gaulle, Schumann, de Gasperi und andere Katholiken bauten das alte Europa neu wieder auf, das Europa der Regionen und Religionen, das Europa der Dankbarkeit und Freiheit. Die Verbindung von Geist und Welt wurde wieder eine politische Realität. Ihren Nachfolgern ging es mehr um den Handel mit Gütern statt den Export von Ideen, sie bauten den Wohlstand aus und erweiterten die EU, vor allem nach dem Fall der Mauer. Die Globalisierung schließlich ließ die geistige Klammer vollends rosten. Heute ist das Christentum aus den Verträgen und Verhandlungen verbannt. Man hält Abtreibung für ein Recht, verneint die Natur des Menschen, gendert nach Belieben alles und jeden.

Ein entseeltes Europa aber ist nicht mehr attraktiv. Als Gegenreaktion besinnen sich die Menschen auf ihre regionalen Besonderheiten, ihre Geschichte und Kultur, ihre Traditionen und Bräuche, ihre Sprachen und Künste. Es sind geistige Klammern en miniature, Orientierung und Halt in überschaubaren Räumen. Identität bietet heute nicht mehr nur der christliche Glaube, sondern der Landsmann, das Bekannte, das Gewohnte, das Vertraute. Dieser innere Zerfall in kleine Einheiten wäre eine ebenso große Gefahr für Europa wie die Walze der Globalisierung es schon ist. Es fehlt die große geistige Klammer der Nationen. Die Klima-Ideologie kann diese Klammer nicht schaffen, auch wenn sie in autistisch anmutenden Jugendmärschen geradezu religiöse Züge annimmt. Die Natur des Menschen ist die Klammer – und der Kern der Systemfrage zwischen Globalisierung und Nation.

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