Feuilleton

Von Christus fasziniert

Der religiöse Agnostiker Jordan B. Peterson – Ein Porträt. Von Katrin Krips-Schmidt
Psychologe Jordan B. Peterson hat viel zu erklären
Foto: IN | Hat viel zu erklären: Der Psychologe Jordan B. Peterson.

Wer ist dieser Mann, der mit seinem noch nicht ins Deutsche übersetzten Buch „12 Rules to Life – An Antidote to Chaos“ seit Monaten die Bestsellerlisten weltweit erklimmt und seine Anhängerschaft vor allem unter jungen Männern findet? Jordan B. (Bernt) Peterson hat mit millionenfach angeklickten Präsentationen auf seinem YouTube-Kanal und den immer ausgebuchten Vorträgen, die er auf der ganzen Welt hält, längst Kultstatus erreicht. Manche halten ihn für eine charismatische Vaterfigur, andere für einen Helden des Internets.

Dabei wurde der 55-jährige Professor für klinische Psychologie, der an der University of Toronto lehrt, erst 2016 so richtig bekannt – wegen seiner kritischen Äußerungen zur Political Correctness. Seine tapfere Haltung gegenüber der Verwendung von amtlich aufgezwungenen neuen Sprachweisen imponierte vielen. Als Kanada über die Einführung der genderneutralen Pronomen ze, zir und zim diskutierte und Peterson seine „Trans-Studenten“ mit diesen titulieren sollte, weigerte er sich: „Ich werde keine Worte von Ideologen aussprechen, denn wer das tut, wird zur Marionette ihrer Ideologie.“

Doch was Peterson so anziehend für seine Leser- und Hörerschaft macht, ist noch weit mehr, und hinter seinen „Zwölf Lebensregeln“ verbirgt sich weitaus Gewichtigeres als lediglich eine Handreichung für verunsicherte Millennials. Aus seiner Berufspraxis kennt er die heutige gesellschaftliche Situation zahlreicher – gerade auch junger – Männer aus nächster Nähe, und die sieht nicht besonders rosig aus. Immer mehr Männer in Amerika leiden darunter, nicht mehr in stabilen Arbeitsverhältnissen angestellt oder in einer langjährigen oder gar lebenslangen Ehe verheiratet zu sein. 1962 waren 70 Prozent der Amerikaner verheiratet, heute sind es nur noch 50 Prozent. 1950 hatten fast alle amerikanischen Männer eine Festanstellung, heute ist jeder zehnte amerikanische Mann arbeitslos. Das bleibt nicht ohne Folgen. 71 Prozent der 2016 verübten Suizide wurden von Männern begangen. Peterson zeigt in seinem Buch und in seinen Vorträgen Mitgefühl für seine Geschlechtsgenossen und bietet ihnen Rat und Orientierung. Wenn er in einem Interview, angesprochen auf seinen Erfolg, äußert: „Nun, es ist traurig, dass so viele Menschen in so einer Krise stecken, und dass sie so viel Ermutigung brauchen“, spricht sein sorgenvolles Gesicht Bände.

Der Themenmix, den Peterson auf seinem YouTube-Kanal für seine mittlerweile annähernd eine Million „Follower“ bereithält, lockt teils mit brisanten Inhalten: die Geschichte des Totalitarismus, die Themen der freien Meinungsäußerung und der Political Correctness werden zusammen mit Videos und Podcasts über Persönlichkeitstraining und psychologische Fragestellungen sowie Archetypen der Mythologie und Geschichten aus dem Alten Testament angeboten. Sein erstes, vor 20 Jahren erschienenes Buch trug den Titel „Maps of Meaning: The Architecture of Belief“. Darin präsentiert er eine Art Fahrplan, wie wir mit den Schatten unserer Vergangenheit fertig werden können, die noch heute unsere Seele belasten. Wenn eine länger als 18 Monate zurückliegende Erinnerung immer noch negative Gefühle hervorrufe, dann – so Peterson – ist das etwas, das man klären müsse. Das Gehirn muss negative Erfahrungen zum „geschlossenen Fall“ erklären, um zu verstehen, was schiefgelaufen ist, um damit zu vermeiden, den gleichen Fehler in der Zukunft noch einmal zu begehen.

Dabei sind die Dinge, die Peterson anspricht, eigentlich gar nicht so neu. Doch viele Menschen hören sie offenbar zum ersten Mal. Zum Beispiel Positionen, die viele Konservative heute schon längst aufgegeben haben – etwa den Widerstand gegen Verhütung und Scheidungen. „War das wirklich eine gute Sache,“, fragt er in „12 Rules to Life“, „die Scheidungsgesetze in den 1960ern so grundlegend zu liberalisieren? Für mich ist das nicht klar, ob die Kinder, deren Leben durch diesen Liberalisierungsversuch aus dem Gleichgewicht gebracht wurde, das bestätigen würden.“

Zur Beherrschung des „Chaos“ im Leben seiner Zuhörer und Leser empfiehlt er als „Antidot“, als Gegenmittel, „Regeln“. Diese, so bemerkt er, könnten starr und unbeweglich, das Chaos hingegen könne kreativ sein. Dennoch brauche der Mensch „Ordnung“, um ein sinnvolles Leben zu führen. „Chaos“, das heißt, ein Leben ohne Struktur und Ziel, wie er es oftmals bei seinen traurigen klinischen Patienten erlebte, werde zu Unglück und Selbstzerstörung führen.

Seine Empfehlungen lassen sich so zusammenfassen: Sei aufmerksam. Bringe deine Vergangenheit in Ordnung. Gestalte deine Zukunft. Trage für etwas Verantwortung. Identifiziere dich nicht mit diesem Teil von dir, der zertrümmert werden kann, sondern mit dem Teil, der sich aus den Trümmern wieder aufbaut. Gehe deine Ängste nacheinander an, und erkenne, wie du mit jedem freiwilligen Schritt nicht umgekommen bist, sondern gestärkt wurdest.

Peterson, der in Fairview, einer kleinen Stadt im Nordwesten Kanadas, aufwuchs, lehnt zwar die christliche Religion ab, ist ihr aber keineswegs feindlich gesinnt. Trotz des gnostischen Elements in seinem Denken ist sein Buch von vielfältigen biblischen Bezügen durchdrungen. Vor allem von der Person Christi ist er nachhaltig fasziniert. Er schreibt: „Die Bibel ist nun einmal das Gründungsdokument der westlichen Zivilisation... Ihr sorgfältiges, respektvolles Studium kann uns Dinge darüber offenbaren, was wir glauben und wie wir handeln und wie wir handeln sollten, wie es auf kaum eine andere Weise entdeckt werden kann.“

Daher empfiehlt auch der Chicagoer Bischof Robert Barron die zwölf Lebensregeln wärmstens und hält sie für besonders angeraten für die „schwergeprüften jungen Männer unserer Gesellschaft, die einen Mentor brauchen, der ihnen sagt, wie sie geradestehen und sich wie Helden verhalten“. Mit einer Einschränkung, und diese bezieht sich auf die soeben erwähnte „gnostische Tendenz, die biblische Religion nur von einem rein psychologischen und philosophischen Gesichtspunkt und ganz und gar nicht aus historischer Sicht zu betrachten. Kein Christ sollte erstaunt sein, dass die Heilige Schrift auch durch eine psychologische und philosophische Brille gewinnbringend gelesen werden kann, doch muss jeder Christ zugleich akzeptieren, dass der Gott der Bibel nicht einfach ein Prinzip oder eine Abstraktion ist, sondern vielmehr ein lebendiger Gott, der in der Geschichte wirkt.“

Dass Peterson nicht bei allen Anklang findet, ist verständlich. Seine Thesen und Vorschläge werden besonders von denen gefürchtet, die sich einer linksliberalen Ideologie verschrieben haben. Der kürzliche Versuch Cathy Newmans vom britischen Fernsehsender Channel 4, Peterson in einem im Internet millionenfach geteilten Interview als rückständig und sexistisch zu entlarven, ging gründlich schief. Der Nervenstärke und wohl auch der Klarsicht ihres Gegenübers haushoch unterlegen, wurde das Gespräch zu einem Desaster für die Reporterin und verschaffte dem Bestsellerautor wohl weitere Anhänger zuhauf.

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