Verteidiger der Menschenwürde

Philosoph Robert Spaemann feiert heute seinen achtzigsten Geburtstag

Skeptische Generation werden die jungen Deutschen genannt, die nach dem Zweiten Weltkrieg die Kultur der Bundesrepublik prägten. Sie waren nach den Erfahrungen des Nationalsozialismus und Krieges vorsichtig geworden gegenüber jedem blinden Enthusiasmus, gegen jedes Pathos, gegen jedes Versprechen, die Menschen in eine glückliche Zukunft zu führen, wenn sie nur mit allem brechen, was bisher gegolten hat. Einer aus dieser skeptischen Generation ist der Philosoph Robert Spaemann. Der Katholik, der sein privates Bekenntnis unabhängig von seiner philosophischen Profession in öffentlichen Debatten unaufgeregt und mit guten Argumenten vertritt, feiert heute seinen 80. Geburtstag.

Ein skeptischer Begleiter

Robert Spaemann misstraut geistigen und kulturellen Moden, weil er selbst als Heranwachsender in der Diktatur Hitlers erlebt hat, wie mörderisch solche Moden werden können, da sie oft mit einem Anspruch der Endgültigkeit auftreten – schon seine Eltern erzogen ihn in dem Sinne, dass er für diese Ideologie nicht anfällig war. Nach dem Zweiten Weltkrieg studiert Spaemann in Münster, München, Fribourg und Paris. 1952 schreibt er seine Doktorarbeit in Münster. Dies ist die zweite Schule der Skepsis, in die Spaemann geht. In Münster lehrt damals Joachim Ritter. Er beschäftigt sich vor allem mit den Problemen und Chancen der Moderne. In Aufsätzen und Schriften denkt er über die unterschiedlichsten Inhalte von den Geisteswissenschaften bis hin zur Kunst nach. In vielem erkennt er das Doppelgesicht der Aufklärung. Für Ritter macht diese den modernen Menschen zwar auf den ersten Blick unabhängig und frei, auf den zweiten Blick aber beschert sie ihm Unsicherheit und neue Zwänge.

Das Nachdenken über die Spannung zwischen Tradition und Fortschritt zieht in Münster weitere junge Philosophen an, die später in der Bundesrepublik gegen die jeweiligen herrschenden intellektuellen Trends kritisch bleiben. Wie Spaemann opponieren zum Beispiel auch die Ritter-Schüler Hermann Lübbe oder Odo Marquard gegen einen gängigen Aufklärungsoptimismus, der ständig neue Kleider überwirft – gleichgültig, ob sie nach dem Schnittmuster des Sozialismus, des Kapitalismus oder der modernen Biologie und Evolutionstheorie gefertigt sind. An den Veröffentlichungen Spaemanns lässt sich so auch die intellektuelle Geschichte der Bundesrepublik ablesen. 1977 etwa publiziert er „Zur Kritik der politischen Utopie. Zehn Kapitel politischer Philosophie“. 1980 beschäftigt er sich mit „Rosseau – Bürger ohne Vaterland“. Der französische Philosoph und Zivilisationskritiker hat dabei für Spaemann das entscheidende folgenreiche Stichwort der Moderne gegeben: Aufhebung der menschlichen Selbstentfremdung.

Spaemann beweist den richtigen Riecher. Ob es um Abtreibung geht, das erwachende ökologische Bewusstsein, den Kalten Krieg und den drohenden Einsatz atomarer Waffen, die RAF oder Solidarität mit Nicaragua: Überall wollen die jungen Deutschen in den sechziger, siebziger und achtziger Jahren die beklagte Selbstentfremdung des Menschen überwinden. Sie wollen das hinter sich lassen, was sie ihrer Meinung nach daran hindert, authentisch, frei, selbstbewusst, im Einklang mit der Natur, ohne faulen Kompromiss zu leben – und sei es mit Gewalt.

Spaemann bleibt in diesen hitzigen Zeiten der siebziger und achtziger Jahre ein skeptischer Begleiter. Von der Universität München aus, wo er seit 1973 nach Stationen in Stuttgart und Heidelberg, eine Professur für Philosophie inne hat, hält er den Zeitgenossen als Alternative ständig das christliche Menschenbild vor Augen.

Er bleibt zurückhaltend, wenn die Grünen die Ökologie zum Heil der Menschen erheben. Er bleibt zurückhaltend, wenn die linken, eher sozialdemokratischen Intellektuellen immer noch hoffen, den Kapitalismus durch einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz zähmen zu können. Er bleibt zurückhaltend, wenn die neu in den öffentlichen Diskurs drängenden Neoliberalen die freie Marktwirtschaft als der Geschichte letztes Wort erklären – und mit dem als Spieltheorie getarnten Evolutionsglauben der Naturwissenschaften aufrüsten.

Gesellschaft der Widersprüche

Spaemann reibt der Bundesrepublik in diesen entscheidenden achtziger Jahren, die die Mentalität des Landes bis heute prägen, die Widersprüche unter die Nase, in die sie sich verstrickt: Einerseits macht sie mobil gegen Umweltzerstörung und Atomrüstung, andererseits lässt sie es zu, dass ungeborene Menschen bei der Abtreibung getötet werden oder das Tabu der Euthanasie bröckelt. Einerseits ruft die Republik nach Werten, andererseits lässt sie jede Begründung für das moralische Tun ins Leere laufen, indem sie den Menschen als ein bloßes Produkt der Naturgeschichte im wahrsten Sinne des Wortes entwertet. Einerseits gilt der Kampf der Selbstentfremdung, andererseits lassen sich die Menschen ohne Widerspruch durch die Konsumgesellschaft uniformieren und unter Gruppendruck setzen. Der aufgeklärte, moderne Versuch, die Selbstentfremdung des Menschen nur mit Blick auf sich selbst überwinden zu wollen, verursacht für Spaemann nur neue Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse.

Das alles seziert der Skeptiker Spaemann in Büchern wie „Die Frage Wozu? Geschichte und Wiederentdeckung des teleologischen Denkens“ (1981, zusammen mit Konrad Löw), „Moralische Grundbegriffe“ (1982), „Evolutionstheorie und menschliches Selbstverständnis“ (1984), „Glück und Wohlwollen. Versuch über Ethik“ (1989) oder „Personen“ (1996).

Wie jeder anständige Skeptiker vertraut Spaemann aber auf etwas, was jeder Skepsis erst Halt und konstruktive Richtung gibt, weil sie dem menschlichen Verfügen und Machen entzogen ist: Den Glauben daran, dass alle Wesen von Natur aus nach einem Ziel, dem Guten streben – und das Nutzendenken eben nicht das höchste aller Güter ist. Dass die Würde des Menschen in seiner Würde als Ebenbild und Geschöpf eines persönlichen Gottes gründet. Und dass deshalb der Mensch mit Wohlwollen, mit Scheu und Ehrfurcht auf die anderen Geschöpfe Gottes schaut und schauen muss, weil sie als solche Wirklichkeiten sind, die nicht verletzt werden dürfen. Robert Spaemann hat der Republik noch vieles zu sagen.

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