Tief schürfen und quer denken

Aleida und Jan Assmann erhalten den Friedenspreis des deutschen Buchhandels. Von Barbara Stühlmeyer
Friedenspreis des Buchhandels an Aleida und Jan Assmann
Foto: dpa | Bald 80 Jahre: Jan Assmann.
Friedenspreis des Buchhandels an Aleida und Jan Assmann
Foto: dpa | Bald 80 Jahre: Jan Assmann.

Was ist Erinnerung, welche Bedeutung hat die Anamnese für die kulturelle Identität und gibt es so etwas wie ein kulturelles Gedächtnis? Diese und viele andere Fragen haben das Denken von Aleida und Jan Assmann beflügelt und zu wegweisenden, mitunter kontrovers diskutierten Antworten inspiriert. Zu den Dingen, die Katholiken zu Recht an den Schriften Jan Assmanns kritisieren, gehört seine aus theologischer Sicht unhaltbare These, dass die extremistischen Entgleisungen, die derzeit vor allem in der islamischen Welt zu beobachten sind, dem Monotheismus inhärent und deshalb auch für das Christentum prägend sind. Es bedarf keiner Erwähnung, dass es hahnebüchener Unsinn ist, dass Menschen, die statt an viele an einen Gott glauben, eher zur Gewalt neigen.

Aber es gibt auch Lesens- und Nachdenkenswertes im Werk der Preisträger. Die Theorie des kulturellen Gedächtnisses, die Aleida und Jan Assman formuliert haben, ist vor allem für Christen hochinteressant. Beide, die Literaturwissenschaftlerin, Anglistin, Ägyptologin und Kulturwissenschaftlerin und der Archäologe, Gräzist, Ägyptologe und Religionswissenschaftler sehen das kommunikative und das kulturelle Gedächtnis als Teil des kollektiven Gedächtnisses der Menschheit.

Während das kommunikative Gedächtnis die Erzähltraditionen von jeweils drei Generationen umfasst – etwa das, was innerhalb einer Familie an Geschichten und Erfahrungswissen weitergegeben wird und somit nah am Alltag und der Lebenswelt der es jeweils tradierenden Gruppe ist, sehen die Wissenschaftler im kulturellen Gedächtnis den Schatz des archäologisch oder verschriftlicht greifbaren oder rituell erfahrbaren Nachlasses der Menschheit. Was sich hinter dieser Theorie, die sich analog zu der von Carl Gustav Jung entwickelten Archetypenlehre entfaltet, verbirgt, leuchtet ein. Menschen machen nicht nur Erfahrungen, die sie selbst und ihre Familien oberflächlich prägen und eine Art regionales Gepräge oder familiäres Kolorit erzeugen. Sie durchleben Prozesse von einer generationenübergreifenden Relevanz, deren Tradierung essenziell ist und sich daher immer wieder in religiösen Vollzügen, in teleologisch inspirierter Kunst und Musik oder in mündlich und schriftlich überlieferten Erzählungen Ausdruck verschafft. Das kulturelle Gedächtnis wird so zum Quellgrund für das sich Aussagen transformierenden Erlebens, während die Formen, in denen es sich konkretisiert, den Funken des Feuers, in dem das Wunder der Wandlung sich vollzieht, je neu zu entzünden vermögen.

Konstitutiv dafür aber ist die Strahlkraft derjenigen, deren geistliches Leben sich in seinem Streben zum immerwährenden Licht hin entfaltet. Deshalb liegt in der heute gepflegten exzessiven Datensicherung auf externen Speichermedien eine große Gefahr. Denn es ist mit ihnen ein wenig so, wie Umberto Eco es ironisch zugespitzt nach einer Beobachtung seiner Studenten auf den Punkt brachte. Manch einer, der in der Vorbereitung auf seine Abschlussprüfung am Fotokopierer stehend ein Buch duplizierte, ging nach Vollendung des Vorgangs mit dem verfehlten Eindruck nach Hause, er hätte es nun auch schon gelesen. IPhones oder e-reader verführen dazu, Bücher zu kaufen oder kostenlos herunterzuladen, die man niemals liest, weil das ständige Blinken und Piepen des Gerätes die für eine tiefgreifende, spricht den Leser selbst und seine Welt verändernde Lektüre notwendige innere Ruhe so lange immer wieder stört, bis die hochkonzentrierte Stille des gewohnten Lesens zu einer fernen, kaum mehr für wahr gehaltenen Erinnerung verkommt.

Dass Aleida und Jan Assman in diesem Jahr den Friedenspreis des deutschen Buchhandels erhalten ist deshalb gut, richtig und wegweisend, weil beide in jahrzehntelanger Forschung bewiesen haben, dass sie genau dies verstehen. Ruhiges, konzentriertes Forschen und Fragen. Sei es in der epigraphisch-archäologischen Feldarbeit in Theben, der Verfolgung des Weges, auf dem mythische Erzählungen sich entfalten, im geistigen Durchdringen literarischer Werke oder im Verfolgen der Spuren der Erinnerung bis zur Formulierung der gemeinsamen, wegweisenden Theorie des kulturellen Gedächtnisses haben die Wissenschaftler Maßgebliches für unsere Zeit geleistet.

Dass es gerade ein Friedenspreis ist, den sie erhalten, macht Sinn. Denn ihre Theorie legt den Finger auf eine schwärende Wunde unserer Zeit, den Verlust eben jenes Gedächtnisses, dessen Theorie Aleida und Jan Assmann formuliert haben.

In dem irrlichternden Wahn selbstbezogenen Um-sich-Kreisens und das aktuell die Befindlichkeit Prägende für das einzige Wirkliche halten, haben heute viele ganz und gar vergessen, welche Schätze sich dem darbieten, der ein lauschendes Ohr und einen wachen Blick für das kulturelle Gedächtnis hat. Für alle, denen der Glaube, die Kirche und das ewige Leben etwas bedeuten, kann die Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels in diesem Jahr deshalb zu einem Weckruf werden, der eine notwendige Umkehr in Gang setzen kann.

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