TAGESPOSTING

Grüner Katholizismus

Die Schönheit der Schöpfung ist einer dieser großen Werte, wie Papst Franziskus zu Recht bemerkt. Doch wie verträgt sich das mit den Windrädern? Von Norbert Bolz
Tagesposting: Riskante Existenz
Foto: Kathrin Harms | Der Autor ist Philosoph und Medienexperte.

Im vergangenen Jahr hat die Katholische Akademie in Bayern Ottmar Edenhofer, dem Chefökonom des berühmten Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, den Romano-Guardini-Preis verliehen. Drei Jahre zuvor erschien die Enzyklika „Laudato si'“. Die Enzyklika von Papst Franziskus und der Festvortrag von Ottmar Edenhofer erhellen sich gegenseitig. Mit einem gewissen Stolz stellt der Ökonom und Klimaforscher fest, dass der Einfluss seines Buches „Global, aber gerecht“ auf die Enzyklika „kaum überschätzt werden“ könne. Umgekehrt liest sich der Festvortrag des Jesuiten Edenhofer wie eine lange Fußnote zu „Laudato si'“. Wie dem Papst geht es ihm um den „menschengemachten Klimawandel“. Weil in diesem Zusammenhang immer gleich von der Kontrastfigur des uneinsichtigen „Klimaskeptikers“ die Rede ist, sollte man daran erinnern, dass Skepsis eine zutiefst wissenschaftliche Haltung ist, und die „Klimaskeptiker“ in der Regel nicht den Klimawandel leugnen, sondern die alleinige Verantwortung des Menschen. Überdies bezweifeln sie den Sinn der Weltuntergangsszenarien, die die öffentliche Diskussion über den Klimawandel beherrschen. Und: Ist es wirklich die Aufgabe eines Wissenschaftlers, die Politiker zum Handeln zu ermuntern, „auch wenn es Zweifel über das Ausmaß der Klimaschäden gibt“? Man sollte nicht Geige spielen, wenn Rom brennt. Aber, so bemerkte ein kluger Mann, es sei dann durchaus sinnvoll, die Gesetze der Hydraulik zu studieren. Sehr richtig bemerkt Edenhofer, dass es in der Klimapolitik nicht nur um wissenschaftliche Fakten geht. Vielmehr spielen „Konflikte um Weltanschauungen und Werte“ eine Schlüsselrolle. Genau deshalb aber ist das Plädoyer der Enzyklika für eine „froh und authentisch gelebte ganzheitliche Ökologie“ utopisch. Der Traum von der One World lebt eben davon, dass es möglich sei, „alle großen Werte zu fördern und miteinander zu verbinden“. Das ist unrealistisch; der Wertekonflikt ist, das war Max Webers Einsicht, nicht zu schlichten. Ein Beispiel: Die Schönheit der Schöpfung ist einer dieser großen Werte, wie Papst Franziskus zu Recht bemerkt. Doch wie verträgt sich das mit den Windrädern, die, mit bestem ökologischem Gewissen errichtet, die Landschaft verschandeln? Edenhofer ist klug genug, die naheliegendsten Einwände gegen seine katholisch-ökologische Weltanschauung zu antizipieren, um sie dann zu entkräften. So stellt er sich die rhetorische Frage, ob es sich nicht um Hybris handle, wenn der Mensch sich zutraue, durch politische Eingriffe in unsere Lebensformen das Klima zu steuern und dadurch die Welt zu retten. Vielleicht handelt es sich aber nicht um Hybris, sondern um mangelndes Komplexitätsbewusstsein. Denn so etwas wie einen „Erdsystemforscher“ kann es nicht geben. Hier wäre Demut vor der Unberechenbarkeit und Unvorhersehbarkeit komplexer Systeme angebracht. Ja, unser blauer Planet ist „eine einzige Welt“ (Papst Franziskus). Aber es wird nie zu einem „weltweiten Konsens“ über einen „gemeinsamen Plan“ zur Weltregierung kommen. Denn das widerspricht nicht nur dem unentrinnbaren Wertekonflikt, sondern auch unserer Freiheit.

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