Tagesposting: Der Mensch hat sich kaum verändert

Eine der hartnäckigsten Märchen in unserer an Fake News nicht gerade armen Zeit ist die Behauptung, dass heute alles anders sei. Von Eduard v. Habsburg
Eduard v. Habsburg
Foto: Archiv | Der Autor ist Botschafter Ungarns am Heiligen Stuhl.

Eine der hartnäckigsten Märchen in unserer an Fake News nicht gerade armen Zeit ist die Behauptung, dass heute alles anders sei, dass also sämtliche die vergangenen 2 000 Jahre geltenden Regeln leider auf den Menschen nicht mehr anzuwenden seien und neu gedacht werden müssten. Dieser Satz wird speziell in Kirchenkreisen so oft verwendet, dass man geneigt wird, ihn wirklich zu glauben. Pastorale Ansätze, Moraltheologie, Ehelehre der Kirche – all das könne leider heute so nicht mehr verkündet werden, weil ja heute alles anders sei. Was dabei genau heute anders ist, wird meistens diskret weggelassen. Dass der Mensch sich in den vergangenen 10 000 Jahren nicht wesentlich verändert hat, ist eine meiner Grundüberzeugungen. Er hat nur heute dank der christlichen Heilsgeschichte mehr Möglichkeiten, edel, hilfreich und gut zu sein. Ansonsten ist wenig anders. Dazu genügt es, einen Brief von Seneca zu lesen, in dem er den Alltag in der Stadt Rom circa 60 n. Chr. beschreibt. Oder die „Ilias“, die im 8. Jahrhundert vor Christus entstand. Es hilft, sich vor Augen zu führen, dass die Venus von Willendorf in einem Umfeld von regem Handel entstanden ist. Niemand ist praktischer, pragmatischer und rationaler als Händler. Nein, der Mensch war damals kein dumpfer Höhlenbewohner, der jeden Morgen seinen Kopf gegen Höhlenwände schlug. Ebenso wenig wie er es heute oder vor 30 Jahren war.

Eine der stärksten Solidaritätserfahrungen mit der Denkrealität des Menschen vor mehreren tausend Jahren ist die Laudes, welche ich mit Gottes Hilfe versuche, jeden Tag zu beten. Allein die Tatsache, dass ich einen Psalm, der doch lange vor der Geburt Christi geschrieben wurde, nicht nur in den meisten Passagen verstehen, sondern auch selber beten kann, ist das größte Gegengift gegen die Idee, dass der Mensch heute ganz anders sei. In der Laudes bete ich jeden Tag drei solche Psalmen, und zu Beginn einen Hymnus, der mich oft direkt ins 5. oder 6. Jahrhundert transportiert, in den Tagesrhythmus von Mönchen, die sich nach einer wirren Nacht beim Morgengrauen auf den aufgehenden Tag freuen und diesen unter dem Schutz Gottes stellen.

Sie ahnen schon – jetzt kommt wieder eine von meinen Entschleunigungsempfehlungen: Lassen Sie sich auf die Laudes ein, auf das Stundengebet, ich tue es seit zwei Jahren regelmäßig und habe es nie bereut. Dabei habe ich über viele Jahre nichts damit anfangen können. Stellen Sie den Anfang eines Tages unter Gottes Schutz und bekämpfen sie zugleich die fake-news, dass der Mensch heute ganz anders ist als früher. Machen Sie den konkreten Schritt, sich das Kleine Stundenbuch für die Fasten- und Osterzeit zu kaufen und mit Aschermittwoch zu beginnen. Das kostet nicht viel, Sie haben eine gute Motivation und können in der Zeit vor Ostern ausprobieren, ob ihnen die Laudes oder Vesper liegen. Für die digitalen Freaks gibt es das Stundenbuch von katholisch.de oder bei Twitter unter dem Hashtag #Twomplet die Komplet. Ich tue das allerdings nur in Notfällen, weil mich das Buch in der Hand erdet. Außerdem schadet es gar nicht, sich in einer ruhigeren Zeit einzuhaken. Weil heute eben doch nicht alles ganz anders ist.

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