Sinn für das Heilige

Auf der Suche nach der wahren Kirche: Bericht über eine nicht vollendete Konversion

Der Beruf führte mich ins östliche Niedersachsen. Mit drei kleinen Kindern wohnte ich in einem Dorf zwischen Braunschweig und Hildesheim. In dieser Landschaft hatte Friedrich von Spee gewirkt, hier war er überfallen und schwer verwundet worden. Das Dorf besaß eine Kirche, in der 800 Gläubige bequem Platz gefunden hätten. Dieser Ort sollte für mich zu einer Erfahrung werden. Jeden Sonntag versammelte sich hier eine Gemeinde von fünf, manchmal zehn Gläubigen. Die Menschen senkten ihr Haupt, als hätte sie eine große Scham ergriffen. Eine an Erstickung grenzende Sprachnot breitete sich auch in anderen Gemeinden aus.

1985 hatte ich erste Erfahrungen als Religionslehrer der evangelischen Minderheit an der Ursulaschule in Osnabrück gesammelt. Schulleiter war damals Pater Werinhard Einhorn OFM. Jeden Morgen wurde ein Schulgottesdienst gefeiert, an dem auch meine evangelischen Klassen teilnahmen. Pater Werinhard wurde mein Lehrmeister. Einmal erzählte er von einer Unruhe, die ihn ergriffen habe. Zur Vorbereitung einer Andacht suchte er in den Geschäften der Bischofsstadt nach einem Geige spielenden Engel.

Er wollte ihn der Schulgemeinde zeigen, um anschaulich über das Gotteslob und die Musik der Engel zu predigen. Pater Werinhard hatte damals seine Suche nach dem Engel des Lobpreises ohne Ergebnis abgebrochen. „Was suchst Du eigentlich?“, hatte er sich gefragt. „Warum brauchst Du einen singenden Engel, wo Du und Deine Schüler doch selbst singen können!“ Die kleine Geschichte wurde für mich zum ersten Schritt der Begegnung mit einem großen Geheimnis: In der Liturgie vereinigen sich Himmel und Erde zum gemeinsamen Lobpreis Gottes.

In meiner Dorfgemeinde aber war es beängstigend still. An den Bänken der Dorfkirche leuchteten die weißen Namensschilder jener Familien, die in diesem Gotteshaus einst das „Großer Gott, wir loben dich!“ aus 800 Kehlen vielstimmig gesungen hatten. Ich schaue auf die Schilder. Da war es mir, als riefen die Schilder ihre Namensträger herbei: Wo seid ihr? Wo sind eure Kinder und Kindeskinder? Die lesbische Pastorin predigte das Evangelium der Bauern von Solentiname vor leeren Bänken. Eine Schwundstufe war erreicht: Frauenordination, kein Zölibat, schwule Pastoren und Segnung gleichgeschlechtlicher Paare: Die evangelische Kirche hatte die Türen für den Einzug des Zeitgeistes weit geöffnet.

Die spirituelle Wüste ist der Ort der Anfechtungen und Versuchungen. Aber auch das Rettende naht. Es führt wieder zur Mitte und ins Wesentliche. In der evangelischen Wüste entdeckte ich die alten Lieder des Gesangbuches in neuer Weise. Die langen Zeitgeist-Predigten boten viel Zeit für die Lektüre. Das Lesen wurde zu meinem Gebet und führte mich zu den Engeln, die ich seit je geliebt und auf dem Weg fast verloren hatte. In den Liedern war zu allen Zeiten des Kirchenjahres die Rede von den himmlischen Chören der Engel.

„Alles, was dich preisen kann,

Cherubim und Seraphinen,

stimmen dir ein Loblied an,

alle Engel, die dir dienen,

rufen dir stets ohne Ruh:

,Heilig, heilig, heilig!‘ zu.“

Warum singen die Engel? Gewiss nicht zur Unterhaltung Gottes. Ihr Gesang ist Ausdruck eines Lebens im Wesentlichen: Sie sehen Gott von Angesicht zu Angesicht. Immer haben sie ihn vor Augen. Gott erfüllt sie. Sie können gar nicht anders. Denn Gott singt in ihnen. Diese gottseligen Geister sehen, was uns, solange wir auf Erden sind, verborgen bleibt: Gottes Gegenwart. Ihr Gesang ist die Antwort auf die große Herrlichkeit. Gott ist Schöpfer der sichtbaren und der unsichtbaren Welt. Mag die Gemeinde auf Erden verstummen oder im Eifer der Reformen das Wesentliche aus dem Blick verlieren, die Seraphim und Cherubim mit dem großen Heer der Engel werden unverdrossen den Lobpreis anstimmen.

Die Kirche auf Erden stimmt ein in den Lobgesang der Kirche im Himmel. Durch den Gesang hatte ich den Weg zu jenen Engeln wiedergefunden, die mich im Werden und Wachsen der Kindheit begleitet hatten: Zur Welt gekommen in der Raphaelsklinik in Münster, evangelisch getauft als Kind aus der Mischehe, von Tante Anneliese zur Mittagszeit mit einem Schutzengelgebet aus dem Kindergarten St. Ida auf den Heimweg geschickt, in den Schlaf gesungen von der Mutter und jenen Liedern, die vom Geleit der Engel kündeten: „Guten Abend, gute Nacht, von Englein bewacht“, „Abends, wenn ich schlafen geh', vierzehn Englein um mich stehn“. Als ich die Lieder an meine Kinder weitergab, wurde ich selbst für den Augenblick des Gesanges wieder Kind. Ist nicht alle wahre Frömmigkeit eine Wiederentdeckung der Kindheit?

Gerhard Tersteegen hat dem gemeinsamen Lob von Engel und Mensch in einem Lied Ausdruck verliehen. Er bildet die Mitte jener biographisch und hymnologisch ausgerichteten Engelbücher wie „Breit aus die Flügel beide“ oder „Das große Buch der Engel“, die ich Anfang der Neunziger Jahre im Herder Verlag vorlegte. Ihnen folgten Einladungen zu Einkehrtagen mit den Novizenmeistern und –meisterinnen des Benediktiner- und Zisterzienserordens über das hymnologische Vorbild der Engel für den Lobpreis der Kirche. Die gemeinsame Zeit in den Klöstern Mariastein und Engelberg schenkte mir die Möglichkeit der Teilnahme an den Stundengebeten. Während sich die Mönche hinter der Chorschranke versammelten, saß ich mit den Schwestern im Kirchenschiff. Dann begannen unter Verbeugungen die Psalmengesänge, als folgten sie den Anweisungen von Tersteegens Loblied.

„Gott ist gegenwärtig,

dem die Cherubinen

Tag und Nacht gebücket dienen.

Heilig, heilig, heilig! singen ihm zur Ehre,

aller Engel hohe Chöre.

Herr, vernimm

unsre Stimm,

da auch wir Geringen

unsre Opfer bringen.“

(GL 387.2)

Ich war in der Mitte der Katholischen Welt angekommen, ohne es zu merken. Mit den Kindern besuchte ich Fatima, mit meiner Frau Lourdes. In der Wallfahrtskapelle der schmerzensreichen Mutter Gottes von Telgte ließen wir unsere Ehe von einem freundlichen Priester aus Indien segnen. Mit meinem Freund besuchte ich die heiligen Orte der Franziskaner in Assisi und war längst geübt in der Handhabung der Rituale. Auf den unzähligen Vorträgen über die Engel und die Heiligen in evangelischen Gemeinden hielt man mich immer für einen Katholiken. Dann promovierte ich in Katholischer Theologie mit der Biografie des reformierten Heiligenforschers Walter Nigg und habilitierte mich mit der Biografie des Konvertiten Edzard Schaper und wollte endlich dort ankommen, wo mein Herz schon immer gewesen war. Ich führte Gespräche mit einem klugen Monsignore, ich suchte Kontakt zum katholischen Pfarrer der Gemeinde und zum Justiziar des zuständigen Bischofs. Aber ich fand keine „Willkommenskultur“, glaubte vielmehr ein gewisses Gefühl der Befremdung bei meinen Gesprächspartnern zu spüren.

Eindruck von einem großen synodalen Irrweg

Vielleicht war ich ihnen zu katholisch gesinnt? Vielleicht empfanden sie mein Begehren als unzeitgemäß im Zeitalter der Ökumene und des Synodalen Weges? Vielleicht suchte ich etwas, das seit meiner Kindheit in den fünfziger Jahren verschwunden war, sich in den wechselnden Stürmen des Zeitgeistes aufgelöst und wie Rauch verflüchtigt hatte?

Ich hatte den Eindruck von einem großen Synodalen Irrweg, auf dem mit guter Absicht die falschen Entscheidungen getroffen wurden. Die Ökumene braucht keine Gleichmacherei und erst recht keine Wiederholung jener Fehler, mit denen die Kirchenbänke in der EKD leergepredigt worden sind. Sie braucht auch keine Ritter des Zeitgeistes, sondern Menschen mit Sinn für das Heilige, das sich in der una sancta offenbart.

Die Kirche ist der pilgernde Teil des Gottesvolkes. Sie besteht nicht aus sich selbst. Ihre größte Gefährdung kommt nicht von Außen, sondern von Innen: Es ist das Bedürfnis, von der Welt geliebt zu werden, rasche Erfolge aufweisen zu können, die Massen zu begeistern, Konflikte und Differenzen zu schleifen, etwas in der Welt und vor Menschen zu gelten, statt mit offenem Herzen und ohne Sorge für das eigene Wohl sich auf den Weg Jesu zu begeben mit jenem Langmut, der auf den Heiligen Geist vertraut.

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