Ehrung

Sie setzt sich leidenschaftlich für die Wahrheit ein

„Wir ehren das Werk einer unbestechlichen wie großherzigen Gelehrten.“ Zur Verleihung des Augustin-Bea-Preises an Professor Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz.
Preisverleihung des Augustin-Bea-Preises an Professor Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz
Foto: Veit Neumann

Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz beendete ihre Dankesrede anlässlich der Verleihung des Augustin-Bea-Preises folgendermaßen: „Das Uneinholbare des Lebens ist Gegenstand des Denkens. Der uneinholbar Lebendige ist befruchtender Widerstand des Denkens.“

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Mit diesen Sätzen, die sie eindringlich wiederholte („Ich bin ja doch eine Lehrerin“) präsentierte sich Gerl-Falkovitz als gläubige Philosophin und unvergleichliche Sprachmeisterin, deren Anziehung wesentlich auch dasjenige ausmacht, was sie davor als Fähigkeit und Forderung in Bezug auf Philosophie definierte: „Man vernimmt das leidenschaftliche Aussprechen und leidenschaftliche Annehmen von Wahrheit.“

Die 1945 geborene Philosophin Gerl-Falkovitz, die von 1993–2011 den Lehrstuhl für vergleichende Religionsphilosophie an der TU Dresden innehatte, ist wahrlich eine leidenschaftliche Denkerin, Schreiberin und Sprecherin. Und – wie ihr Laudator Harald Seubert (Universität Basel) ausführte – der pädagogische Eros sei „nicht ihre zweite, sondern ihre erste Natur“. Gerl-Falkovitz sei zutiefst von der Vernunftanlage im Menschen überzeugt und lebe ein „mäeutisches Gesprächsvertrauen“, das ihr Gegenüber zu eigener Erkenntnis führen wolle. Leitend für sie selbst seien nicht nur Edith Stein und Romano Guardini, sondern auch das Pontifikat Benedikt XVI.

Immer im Dialog mit tonangebenden Kreisen

Neben Perspektiven auf Biographie, prägende Persönlichkeiten und Ereignisse, zeigte Seubert in seiner fulminanten Laudatio drei Themenfelder auf, denen sich Gerl-Falkovitz in den letzten Jahren zugewandt habe: die Gabe, das Grundphänomen der Verzeihung (vgl. den Band „Verzeihung des Unverzeihlichen?“) und die Anthropologie, „sich vollziehend in der unvordenklichen Dualität des Männlichen und Weiblichen“ (vgl. „Frau, Männin, Menschin“, Butzon & Bercker 2009) Mit dem Laudator sei besonders Gerl-Falkovitz‘ jüngstes Buch hervorgehoben, „Spielräume. Zwischen Natur, Kultur und Religion. Der Mensch“. (Text&Dialog 2020). Gerl-Falkovitz, so Seubert, fächere darin die Facetten des Menschseins in seiner Leiblichkeit und Transzendenz auf und schaffe ein Gegengewicht „gegen die abstrakten Simulakren des Konstruktivismus“. Die Preisträgerin wage sich auf das offene Meer des Strittigen hin-aus, wo viele Philosophen in den Binnenhäfen von Argumentationsanalysen blieben. Dazu komme: Bei Gerl-Falkovitz sei auch der Monolog immer Dialog: „Gerl-Falkovitz lebt und bezeugt das Denken in einer Welt- und Personzugewandtheit, die über die innerweltlichen Zusammenhänge hinausgeht und ihren Ursprungsort anderwärts hat.“

Der Präsident des Stiftungsrates der Stiftung HUMANUM, Wolfgang Spindler OP, begründete die Preisverleihung an Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz mit ihren Verdiensten um die Religionsphilosophie, die Philosophie der Rhetorik, der Politik und der Kultur und betonte Gerl-Falkovitz‘ Beitrag, „das alle Zeiten überwölbende Humanum in seinem unabweisbaren Bezug zur Gottesfrage auf den Marktplätzen der wissenschaftlichen, gesellschaftlichen und kirchlichen Öffentlichkeit wachzuhalten“. Die Preisträgerin führe mit tonangebenden Kreisen in Wissenschaft, Kirche und Medien, sowie mit „einfachen, an Grundfragen des Lebens interessierten Menschen“ einen sokratischen Dialog. Neben der jahrelangen Lehrtätigkeit an den Hochschulen und Universitäten in München, Tübingen, Bayreuth, Weingarten, Heiligenkreuz und Dresden sei besonders das geduldige Vermitteln des christlich-abendländischen Propriums zu unterstreichen sowie das mutige Infragestellen ideologischer Verzeichnungen des christlichen Dogmas und vorgestanzter Meinungen. „Wir ehren das Werk einer unbestechlichen wie großherzigen Gelehrten. Wie im Fest, manifestiert sich in ihrem Werk eine Zustimmung zur Welt im Sinne von Josef Pieper, getragen von der Überzeugung von der Gutheit des Seins, das nicht auf Zufall, sondern auf Gottes freier Schöpfung beruht.“

Preisträger waren Kardinäle wie Frings oder Ratzinger

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Der am 25. Juni an Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz überreichte Augustin-Bea-Preis wird seit 1969 in unregelmäßigen Abständen von der „Internationalen Stiftung HUMANUM, mit Sitz in Lugano/Schweiz, verliehen. Kardinal Augustin Bea (1881-1968), der das Protektorat der Stiftung innehatte, leistete im Auftrag von Johannes XXIII. die entscheidende Vorarbeit für das Konzilsdokuments „Nostra Aetate“, womit das Verhältnis der Kirche zum Judentum neu definiert wurde. Zweck der nach dem Zweiten Vatikanum gegründeten Stiftung ist die Förderung von Personen, Institutionen und Projekten im Geiste des christlichen Ordnungsgedankens, wie er in der Pastoralkonsitution „Gaudium et Spes“ zum Ausdruck kommt. Zu den Preisträgern des Augustin- Bea-Preises gehörten unter anderem die Kardinäle Joseph Frings, Joseph Ratzinger und Joachim Meisner, Erzbischof Johannes Dyba, Hans Urs von Balthasar, Paul Kirchhof, Anton Rauscher und Klaus Berger.

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Den Festvortrag zu „Der Zeuge des Zeugen. Literarische Zugänge zur Geschichtsdeutung“ hielt Barbara Hallensleben, ordentliche Professorin für Dogmatik und Theologie der Ökumene (Universität Fribourg). Hallensleben setzte bei Hans Blumenberg (1920–1996) an und präsentierte erschütternde Einsichten eines Philosophen, „der von sich sagt, er habe den Glauben verloren“, so Hallensleben. Blumenberg – als regelmäßiger Hörer der Matthäuspassion – nenne sich dennoch „Zeuge“. „Er selbst ist ein Zeuge, der in fast unüberbietbarer Präzision die Logik der Fleischwerdung des Logos durchbuchstabiert und doch am Ende ein Zeuge ohne Zeugnis bleibt“, so verdichtete es Barbara Hallensleben brillant in ihren Ausführungen. In einem weiteren Schritt wandte sich Hallensleben dem dritten Teil von Giorgio Agambens „Homo sacer“ zu, das den Titel trägt „Was von Auschwitz bleibt. Das Archiv und der Zeuge“. Sie führte aus, wie sich Agamben hinsichtlich einer Dialektik des Unsagbaren und des Redenmüssens auf Primo Levi berufe, dessen tragisches Schicksal folgende Grundstruktur liefere: Überlebende legten Zeugnis ab für etwas, das nicht bezeugt werden konnte. Der Sinn des Zeugnisses müsse, so Hallensleben weiter, in einer Zone gesucht werden, in der wir es nicht vermutet hätten: „Der wahre Zeuge ist weiterhin der Nicht-Mensch, der das Abenteuer des Logos in der Geschichte wagt, sich selbst aufs Spiel setzt und daran unweigerlich scheitert.“ Für einen literarischen Zugang zum Zeugnis führt Hallensleben Edzard Schaper (1908–1984), den „Schriftsteller ohne Phantasie“ an: Sein Stoff sei die erlebte Geschichte der totalitären Regime des 20. Jahrhunderts. Nach dramatischen Wendungen finde er zu einem Glauben „den er nicht mehr hat, sondern der ihn umfängt und der ihm das Weiterleben ohne verfügbaren Grund ermöglicht“ Edzard Schaper gebe denen Stimme, deren Stimme in der Geschichte verstummt sei.

Freude allenthalben

Im würdigen Rahmen des Bamberger Hotels Residenzschloss feierte eine illustre Gästeschar, angeführt vom Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer und Abt Maximilian Heim aus Stift Heiligenkreuz, bis in die späten Abendstunden die Verleihung des Augustin-Bea-Preises an Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz. Laudator Harald Seubert brachte die dankbare Empfindung und Freude der Anwesenden über die Preisträgerin auf den Punkt: „Geschenk und Verpflichtung ist der akademische und gesprächsweise Umgang mit dieser Frau“.

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26.10.2021, 07 Uhr
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