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Sehenswerte Sonderschau: Das weiße Mittelalter

Das Museum Schnütgen in Köln zeigt faszinierende mittelalterliche Elfenbeinschnitzereien.
Exponat des Kölner Museums Schnütgen
Foto: Hoensbroech | Diesen rechten Flügel eines Passionsdiptychons gibt es derzeit im Kölner Museum Schnütgen zu bewundern.

Gesichtslos. Ein Tuch über dem Kopf. Orientierungslos. Das Antlitz verhüllt. Die fratzenhaften Grimassen der Peiniger, die ihren Spott mit ihm treiben, kann er nicht sehen. Was nur muss der mit übereinander gelegten Armen erniedrigte Menschensohn an Misshandlungen nur erdulden?

Eindringliche Darstellung der Leiden Christi

Die Betrachter werden unmittelbar in das Geschehen dieser eindringlichen Darstellung der Verspottung Christi einbezogen. Das gilt auch für den anderen Teil dieses Bildfeldes: Christus vor Pilatus. Wer sich in die kleine Szenerie vertieft und auf den römischen Statthalter blickt, der sich mit erhobenem Zeigefinger vor Jesus aufgebaut hat, meint die Fragen und Belehrungen des Römers geradezu hören zu können. Das Urteil indes ist unausweichlich, wie die darüberliegende elfenbeinerne Kartusche zeigt: Tod am Kreuz sowie später dann die Kreuzabnahme. Mit geradezu liebevollem Blick umarmt Josef von Arimathäa den Leichnam, um ihn vom Kreuz zu lösen. Ein Mann in gebückter Haltung hat an den Füßen des Gekreuzigten eine große Zange auf dem Nagel angesetzt, um ihn herauszuziehen.

In der abschließenden Ausführung dieser drei übereinander angeordneten Bildfelder mit Szenen aus Jesu Leidensgeschichte greift eine der beiden Frauen nach dem Leinentuch im leeren Grab, das von einem Engel behütet wird. Gleich daneben ist es der auferstandene Christus selbst, der Adam und Eva aus der Vorhölle errettet.

Große Kunst auf kleinstem Raum

Gerade einmal 18,4 Zentimeter hoch und 9,2 Zentimeter breit sowie einen Zentimeter tief ist der Flügel dieses sogenannten Passionsdiptychons. Auf engstem Raum bewegen sich die ebenso plastisch wie höchst individuell gestalteten Figuren dieser Elfenbeinschnitzerei, die zwischen 1280 und 1300 entstanden ist. Im vergangenen Jahr konnte das Museum Schnütgen aus Köln diesen rechten Flügel des aufklappbaren Reliefs aus der Zeit der Gotik für seine weltweit bekannte Sammlung mittelalterlicher Kunst erwerben.

„Dieser Flügel ist Zeugnis einer künstlerischen Blütezeit, die zwischen 1250 und 1350 weite Teile Europas erfasste“, erklärt Moritz Woelk. Der Museumsdirektor ergänzt: „In dieser Blütezeit ist es zu einem regen Austausch der Künste und des Handwerks gekommen.“

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Der rechte Flügel der mithilfe der Ernst von Siemens Kunststiftung erworbenen Relieftafel ist ein hervorragendes Beispiel für diese Zeitspanne, die insbesondere vom Bau der großen gotischen Kathedralen geprägt gewesen ist. Denn insbesondere zwischen Paris und Köln war es in jener Zeit zu künstlerischen Verflechtungen gekommen. Das linke Pendant dieses ungemein qualitätvollen französischen Elfenbeinreliefs, das wohl denjenigen Gläubigen, die es sich leisten konnten, zur persönlichen Andacht und Betrachtung diente, befindet sich im Bestand des Pariser Louvre. Im Hochmittelalter war es zuvorderst die Metropole an der Seine, in der das Rohmaterial aus den Stoßzähnen afrikanischer Elefanten als Handelsware anlangte. Die Verarbeitung des „weißen Goldes“ führte hier in handwerklicher Ausführung und inhaltlicher Tiefe zu außergewöhnlichen Spitzenwerken.

Neben dem Pariser Diptychon ist es dem Museum Schnütgen im vergangenen Jahr gelungen, ein weiteres dieser Spitzenwerke, die nur selten auf dem Kunstmarkt gehandelt werden, für die eigene Sammlung zu erwerben. Dieses Elfenbeinrelief zeigt auf 13,6 Zentimetern Höhe und sechs Zentimetern Breite die Krönung Mariens. Es handelt sich um eine anmutige filigrane Arbeit, die wahrscheinlich um 1250 in Köln entstanden ist.

„Haare und Locken der dargestellten Figuren legen den Schluss nahe, dass es sich beim Urheber um einen Kölner Kunstschnitzer aus dem 14. Jahrhundert handelt“, erläutert Manuela Beer, stellvertretende Direktorin des Museum Schnütgen. Die Kunsthistorikerin fügt hinzu: „Die Arbeit ist ein Beispiel dafür, wie sich Köln am französischen Stilrepertoire orientierte.“ Durch die Unterstützung der Peter–und–Irene–Ludwig–Stiftung, die das auffallend frisch anmutende Objekt dem Museum als Dauerleihgabe übergeben hat, konnte es erworben werden. Sammeln sei schließlich, so Beer, eine der Kernaufgaben eines Museums.

Feinste Elfenbeinschnitzereien

Die beiden für insgesamt 500 000 Euro erworbenen Flügel der Diptychen nimmt das in der ehemaligen romanischen Kirche Sankt Cäcilien untergebrachte Museum zum Anlass, die kleine Sonderschau „Neuerworbene Elfenbeinschnitzereien aus der Zeit der gotischen Kathedralen“ in den Rundgang durch das stets von Neuem sehenswerte Haus zu integrieren. So gibt es noch ein sehr fein gearbeitetes Relief französischer Provenienz aus der Mitte des 14. Jahrhunderts zu sehen. Wirkungsvoll durch einen schwarzen Rahmen aus dem 18. oder 19. Jahrhundert inszeniert, fängt die Darstellung in individueller, sehr freier Lesart den Moment ein, in dem sich Christus und seine Jünger unter gotischen Bögen um das Sterbebett Mariens versammelt haben. Das Objekt stammte ursprünglich aus der Sammlung der Markgrafen und Großherzöge von Baden und kam dann in den Besitz einer Sammlerin aus Süddeutschland, die es laut Moritz Woelk „in guten Händen wissen wollte“ und daher dem Museum überlassen hat.

Dort korrespondiert es nun zudem mit zwei weiteren Objekten aus der Sammlung des Hauses: den sogenannten Spiegelkapseln. Dabei handelt es sich um Luxusgegenstände für den profanen Gebrauch. Die Elfenbeinreliefe, auf deren Rückseite wahrscheinlich eine Spiegelscheibe aus poliertem Metall angebracht war, zeigen Darstellungen aus dem Themenkreis der höfischen Liebe – etwa ein reitendes Liebespaar bei der Jagd, oder, besonders berückend, die Bekrönung des Mannes mit einem von der Angebeteten geflochtenen Blütenkranz.

Es sind zwar nur wenige Objekte, die diese überschaubare Sonderausstellung ausmachen. Aber wer sich in deren herausragende Qualität, Detailreichtum, lebhafte Darstellung sowie beeindruckende Plastizität vertieft, wird durch deren großartige Wirkung sowie die ihnen innewohnenden ergreifenden und berührenden Botschaften reich beschenkt.


Museum Schnütgen, bis 7. Juli; Cäcilienstraße 29-33; Di bis So 10 bis 18 Uhr, Do 10 bis 20 Uhr.

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