Geniale Paare

Schwermütig aber fest im Glauben

Die Diakonin Olympias und Johannes Chrysostemos verwarfen allen Prunk im bischöflichen Palais, bauten eine neue Armenfürsorge auf, errichteten neue Spitäler und lebten selbst bedürfnislos.
Heilige Johannes Chrysostemus tritt Eudoxia gegenüber
Foto: Wiki/Didier Descouens | Der heilige Johannes Chrysostemos tritt Eudoxia gegenüber. Ausschnitt des Gemäldes von Jean Paul Laurens.

Die Diakonin Olympias (368-408) litt unter dem geistlichen und sittlichen Verfall der Kirche ihrer Zeit. Drei Kandidaten für den Bischofssitz von Konstantinopel bekämpften sich und spalteten daher die Gemeinde. In den Pfarrhäusern stand es nicht zum Besten. Der Brauch kannte geweihte Jungfrauen, die mit Priestern zusammenlebten und ihnen den Haushalt führten und am Altar dienten. Einige dieser „Hausgenossinnen“ („Syneisakten“) brachen ihr Keuschheitsgelübde und schadeten dadurch dem Ruf der Diakoninnen. Olympias war eine dieser geweihten Jungfrauen, obwohl sie für eine kurze Zeit mit dem Stadtpräfekten Nebridius verheiratet gewesen war. Sie stammte aus dem Hochadel und war bald Witwe geworden. Der Kaiser von Konstantinopel erwartete, dass sie sich wieder vermählte. Olympias Widerstand wurde in der höfischen Gesellschaft als Affront gewertet. Mit fünfundzwanzig Jahren wurde sie zur Diakonissin an der Kathedrale der Reichshauptstadt geweiht.

„Was war sie für eine Frau?“, heißt es bei Palladius von Helenopolis (364-430). In der verdienstvollen Reihe „Fontes Christiani“ des Herder Verlages ist sein „Dialog über das Leben des Johannes Chrysostemos“ soeben in einer zweisprachigen Ausgabe erschienen. Die Antwort auf diese Frage geschieht in bemerkenswerter Weise. „Sage nicht ,Frau‘, sondern ‘was für ein Mann‘! Abgesehen von ihrer körperlichen Beschaffenheit war sie nämlich ein Mann.“ Natürlich findet die Frage „Worin?“ gleich eine Antwort: „In ihrer Lebenshaltung, in ihren Arbeiten und Anstrengungen, in ihrem Urteil und in ihrer Beharrlichkeit in Drangsalen.“

„Wenn dich aber die Trennung von mir so traurig macht,
nun dann hoffe zuversichtlich, dass auch diese ein Ende nehmen wird“

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Jede Zeit pflegt ihre eigene Sprache. Wenn etwa Gregor der Große dem Helden seiner Benedikt-Biografie attestiert, er sei bereits als junger Mann ein Greis gewesen, dann meint er nicht eine vorzeitige Verkalkung, sondern einen früh erreichten Grad von Weisheit, wie man ihn früher den Alten nachsagte. Olympias ist in allem den Männern ebenbürtig, bezeugt ihr Biograf.

Die engagierte und emanzipierte Olympias geriet über der Kirchenkrise ihrer Zeit in eine tiefe Schwermut. Mit der Ankunft des neuen Bischofs schien sich die Lage zu bessern. Er hatte das Amt nicht angestrebt. Im Gegenteil! Johannes, der später wegen seiner charismatischen Begabung als Prediger den Beinamen Chrysosthemos („Goldmund“) erhielt, war in Antiochien als Sohn eines hohen Offiziers geboren worden. Der Vater verstarb bald. So wuchs der hoch begabte Knabe in der Liebe seiner alleinerziehenden Mutter Anthusia auf. Sie prägte für alle Zeit sein Frauenbild.

Ein Bischof ohne Protz und Prunk

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Nach Jahren eines stillen asketischen Lebens in der Einöde wurde er im Jahr 398 Bischof von Konstantinopel. Mit seiner sensiblen Sprache erreichte der Seelsorger die Herzen vieler Frauen. So bildete sich um ihn eine große Gruppe von Diakoninnen. Nicaretes, Pentadia, Procla und Silvina stammten aus dem Hochadel oder waren gar wie Olympias mit dem Kaiserhaus verwandt. Deshalb wurde ihr Leben im Bischofssitz beargwöhnt: Olympias und Chrysothemos verwarfen allen Prunk im bischöflichen Palais, bauten eine neue Armenfürsorge auf, errichteten neue Spitäler und leben selbst bedürfnislos.

Konflikte mit dem Kaiserhof blieben nicht aus.Neben den Neidern, Feinden und Rivalen beschwerten sich die Hofdamen Marsa, Castricia und Eugraphia bei der Kaiserin Eudoxia (380-404). Chrysothemos und Olympias machten eine Grenzerfahrung. In Angelegenheiten, die ihnen heilig waren, fehlte diesen verwandten Seelen jede Form von Diplomatie. Kompromisse kannten sie auch nicht im Umgang mit den Ansprüchen an sich selbst. Beide besaßen als Kehrseite ihrer Begeisterungsfähigkeit eine Neigung zur Schwermut und dazu als ständige psychosomatischen Belastung einen empfindsamen Reizmagen.

Einmischung der Machthabenden in die Angelgenheiten der Kirche

Die Kaiserin und junge Mutter von sieben Kindern ließ Chrysosthemos in die Verbannung schicken. Dann erlitt sie eine Fehlgeburt, die in Konstantinopel als Gottesurteil verstanden wurde und zur Rückkehr des Bischofs, aber nicht zur Umkehr der Kaiserin führte. Der Konflikt eskalierte, als sich Chrysothemos weigerte, eine Statue von Eudoxia vor der Hagia Sophia einzuweihen. In einer Predigt verglich er die Kaiserin mit der Herodias und sich selbst mit seinem Namenspatron Johannes dem Täufer: „Wieder tobt Herodias, wieder rast sie, von neuem lechzt sie danach, das Haupt des Johannes auf die Schüssel zu bekommen.“ Der Kaiser verweigert daraufhin die Teilnahme am Messopfer.

Im Jahr 404 wird der standhafte Gottesmann an den östlichen Rand des Reiches in eine Verbannung geschickt, aus der er nie wieder zurückkehrt. Eudoxia stirbt unmittelbar nach dem Urteilsspruch an den Folgen einer weiteren Fehlgeburt. Für Olympias bricht eine Welt zusammen. An der Seite des Bischofs hatte sie eine Kirche der Frauen gelebt, die am Widerspruch einer Herrscherin gescheitert war. Sie fiel in eine tiefe Schwermut. Ihr verdanken die Nachgeborenen die großartigen Trostbriefe aus der Verbannung, mit denen Chrysothemos die Schatten der Seele zu vertreiben sucht.

Tiefes Vertrauen in Gottes Wirken

Die nautische Metaphorik bildet das Leitmotiv der siebzehn erhaltenen Briefe an seine „Herrin“. Wird die Kirche auf dem Meer der Welt Schiffbruch erleiden? Ein Trauerspiel haben beide erlebt. „Weder den Himmel noch das Meer kann das Auge unterscheiden, überall herrscht tiefe, dichte, düstere Finsternis, so dass man nicht einmal seinen Nachbar sieht. Das Getöse der Fluten nimmt überhand.“ Die Kirche vermittelt ein Bild, das jeder Beschreibung spotte. Die Nacht scheint gekommen, in der niemand helfen kann. Nun ist die Zeit des Siebens von Spreu und Weizen. Und Gott? Er ist der Steuermann des Schiffes. Mit einem Wink könnte er dem Elend ein Ende setzen und den Sturm stillen.

Wohin geht die Kirche? Gott weiß es. „Nicht bei Beginne steuert er dem Unglück, sondern wenn es damit schlimmer geworden, dann greift er ein, wunderbar und wider Erwarten. So lange wartet er, um seine eigene Macht zu bewähren, und um die Heimgesuchten zu üben in der geduldigen Beharrlichkeit.“ Wer Gott nur walten lässt und auf ihn vertraut, der wird wunderbar erhalten werden jetzt und in alle Ewigkeit. Alle Leiden sind irdisch und daher vergänglich. Das berühmte Gebet der Teresia von Avila ist in diesen Briefen vorweggenommen: Nichts soll die Seele der trauenden Olympias betrüben und verwirren. Gott allein genügt. Nun steht die Diakonin so unerschütterlich fest im Glauben wie ihr Bischof. Sie kennt die Langmut Gottes, sie glaubt, dass er allein der Steuermann der Welt („gubernator mundi“) ist.

Trennung macht krank

Olympias befindet sich in keiner Glaubenskrise, sondern vermisst die reale Gegenwart des geliebten Mannes an ihrer Seite. „Ich darf jene Stimme nun nicht mehr hören, der gewohnten Belehrungen mich nicht mehr erfreuen.“ Kirche lebt aus der unmittelbaren Begegnung. Sie ist auch heute im medialen Zeitalter durch nichts zu setzen. „Hunger nach der göttlichen Lehre“ hat Olympias. Ihn können die einfühlsamen Briefe letztlich nicht stillen. Chrysosthemos macht ihr Hoffnung auf ein Wiedersehen. „Wenn dich aber die Trennung von mir so traurig macht, nun dann hoffe zuversichtlich, dass auch diese ein Ende nehmen wird.“

Die Untröstlichkeit der edlen Seele bereitet beiden Bauchschmerzen. Chrysothemos wird ungeduldig, zuweilen auch ungnädig, wenn sich die Einsame mit Suizidgedanken quält. „Wenn du aber sagst, das deine Krankheiten aus der Traurigkeit entstanden sind, wie kannst du dann wieder Briefe von mir verlangen, da du doch keinen fröhlichen Mut daraus geschöpft, sondern dich so sehr der tyrannischen Macht des Kummers überantwortet hast, dass du jetzt sogar die Trennung von dieser Welt wünschst?“

Kein Leben ohne Prüfungen und Anfechtungen

Die Briefe sind von seltener Offenheit, auch in der realistischen Beschreibung des Lebens: Es gibt kein Leben ohne Kampf und Wirren, ohne Bosheit, ohne Krieg und Waffenlärm, ohne die Nachstellungen des Teufels. Dennoch und vielleicht sogar gerade deshalb, soll die Lebensfreude regieren: „Allein ihr müsst nicht verwirrt und unruhig werden, sondern eben deshalb euch von Herzen freuen, ja vor Freude hüpfen, euch bekränzen und einen Tanz aufführen.“ Im Jahr 438 wurde die Gebeine des Heiligen nach Konstantinopel und 1204 nach Rom überführt, wo sie über 800 Jahre verehrt wurden, bis sie Johannes Paul II. am 27. November 2004 dem orthodoxen Patriarchen Bartholomäus I. übergab. Die Briefe der Olympias haben sich nicht erhalten.

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