Sag mir, welche Hoffnung dich erfüllt

Die Theologische Fakultät der Universität Freiburg untersucht die Religiosität von Flüchtlingen. Von Barbara Stühlmeyer
Berliner Bibel 2017
Foto: dpa | Bei Flüchtlingen und Migranten spielt der christliche Glaube mitunter eine weitaus stärkere Rolle: Sevien und Maxime aus der 5. Klasse präsentieren die Geschichte von Jesu Aufnahme in den Himmel aus dem Lukas-Evangelium.

Zu den vielen Dingen, die wir von den Menschen lernen können, die in den vergangenen Jahren als Flüchtlinge in unser Land gekommen sind, zählt eine neue Sicht auf unseren Glauben. Oder vielmehr auf das, was noch davon übrig geblieben ist. Denn für uns hier in Deutschland ist es normal, dass der Religionsunterricht vor einer Gruppe religiös oft nicht sozialisierter und weitgehend uninteressierter Jugendlicher abgehalten wird. Glauben hat für die meisten von ihnen keine Bedeutung. Wenn der Unterricht dann noch von einem Pädagogen erteilt wird, für den der Sonntagsgottesdienst eine ferne Erinnerung ist, entsteht ein Klima, das man bestenfalls als wohlwollend desinteressiert bezeichnen kann. Bei dem, was unterrichtet und rezipiert wird, geht es nicht um die eigene Existenz. Es sind ganz normale Inhalte, genau wie im Geschichts- oder Sozialkundeunterricht. Davon zeugen auch die Lehrpläne, die Themen wie Freundschaft, Sexualität und Drogenkonsum breiten Raum einräumen, Heiligenfeste, das Kirchenjahr oder den Inhalt des Gotteslobes aber nicht thematisieren.

Wenn Christen, die aufgrund ihres Glaubens in ihren Heimatländern verfolgt wurden und diese verlassen mussten, an einem solchen Unterricht teilnehmen, entsteht eine Situation doppelter Fremdheit. Sie sind nicht nur in einem Kontext, in dem von der Sprache über die Kleidung bis zu den Umgangsformen alles neu ist. Es erstaunt sie auch, dass offenbar niemand mit dem Herzen dabei ist. Weil dies für alle, die in einer Welt alltäglicher Gottferne aufgewachsen sind, aber normal ist, nehmen sie diese doppelte Entfremdung nicht wahr. Sie verstehen nicht, warum es die Geflüchteten irritiert und emotional berührt, dass hier nur wenige den Glauben ernst nehmen.

Wenn Integration gelingen soll, ist es wichtig, das Thema Religion und ihre Bedeutung im Leben der Einzelnen zu fokussieren, zu begreifen, welche Rolle der Glauben in den Biografien von Geflüchteten spielt und welche Konsequenzen sich daraus für die Religionspädagogik ergeben. Genau diesem Ziel hat sich das Forschungsprojekt „Tell me your story“ des Arbeitsbereiches Religionspädagogik und Katechetik der Theologischen Fakultät der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg verschrieben. Ausgangspunkt der Arbeit ist die Annahme, dass Religion bei Flüchtlingen und Migranten eine weitaus stärkere Rolle im Rahmen der Identitätsbildung spielt, als dies in Deutschland der Fall ist. Die Konfrontation vor allem junger Menschen mit einer gottfernen Kultur aber kann fatale Folgen haben. Denn wenn das, was die eigene Identität stärkt und ihre Entwicklung befördert, als entbehrlich, überflüssig oder sogar intellektuell rückständig beurteilt wird, wird Integration zumindest erschwert. Für Flüchtlinge und Migranten kann dies bedeuten: sie sind zunächst erstaunt, dann irritiert. Denn das, was im säkularen, religionsdistanzierten Kontext unserer Gesellschaft Beiwerk, Privatsache, schöne Umrahmung ist, gilt ihnen als zentrales Wesensmerkmal. Der Glaube ist ihnen so wichtig, dass sie seinetwegen ihre Heimat verlassen haben. Deswegen marginalisiert oder lächerlich gemacht zu werden, ist extrem verletzend. Die Folge: Die in einem so existenziellen Punkt Zurückgewiesenen grenzen sich ab. Psychologisch ist dies notwendig. Denn niemand verlässt seine Heimat gern oder leichtfertig. Neben der Verdeutlichung der Relevanz der Religion für die Konstruktion der Identität von Flüchtlingen und Migranten geht es den Forschern auch darum, einen Beitrag dazu zu leisten, die friedensfördernde und Orientierung gebende Kraft der Religionen für den Integrationsprozess wahrzunehmen. Dass es bislang keinerlei Forschungsarbeiten über die Konsequenzen gibt, die man aus dem Hinzukommen gläubiger Menschen für den Lernort Schule und die religiöse Bildungsarbeit ziehen muss, ist bezeichnend. Es macht deutlich, wie weitgehend Religion bei uns nicht nur aus dem öffentlichen Bewusstsein entschwunden ist. Glauben gilt ganz allgemein als Privatangelegenheit. Das bedeutet: Wenn der Glaube mir nichts bedeutet, muss ich mich nicht darum kümmern. Aber wer so denkt, übersieht etwas Entscheidendes. Andere gesellschaftliche Kontexte üben eine eigene Prägung aus. Sie wahrzunehmen, sie ernstzunehmen, ist genauso wichtig wie ein respektvoller persönlicher Umgang. Die Forscher werden deshalb in Umfragen ermitteln, welcher Religion sie angehören, wie sie diese praktizieren, welche Rolle der Glauben für die jungen Migranten spielt, was sie sich im Hinblick auf ihr Glaubensleben von ihrem Gastland versprechen und wie sie die Situation in Deutschland erleben. Das Ziel soll sein, Schlussfolgerungen für den Umgang mit den jungen Leuten im Religionsunterricht zu ziehen und die Lehrpläne gegebenenfalls zu modifizieren. Im Ergebnis kann dies ein Vorteil für alle Beteiligten sein.

Für Christen hierzulande verspricht das Forschungsprojekt „Tell me your story“ darüber hinaus noch einen weiteren Gewinn. Denn es kann den Beginn eines Dialogprozesses einläuten, bei dem Auskunft über Hoffnungen gegeben werden.

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