Philosophie

Rémi Brague: Wahre Religion kennt Transzendenz

Eine Internationale Tagung zu „Metaphysik und Christentum“ an der Hochschule Heiligenkreuz zum 75. Geburtstag des Philosophen Rémi Brague.
Rémi Brague gehört zweifellos zu den prominentesten christlichen Metaphysikern der Gegenwart
Foto: int | Rémi Brague gehört zweifellos zu den prominentesten christlichen Metaphysikern der Gegenwart.

Wörtlich genommen bezeichnet das griechische Wort „Meta-Physik“ lediglich das, was über die rein physische, also naturgegebene Wirklichkeit hinausgeht, vorausliegt oder nachfolgt. In der Geschichte der Philosophie ist kaum ein anderer Begriff so sehr zum Stein des Anstoßes geworden.

Es waren unter anderem die christlichen Denker, die sich metaphysischer Einsichten bedienten, um den transzendenten Horizont ihrer Religion auszuleuchten. Zu den prominentesten christlichen Metaphysikern der Gegenwart gehört zweifellos der Franzose Rémi Brague. Seine Bücher wurden in achtzehn Sprachen übersetzt, zuletzt ist von ihm 2021 „Zum christlichen Menschenbild“ erschienen. Eine besondere Freude für die Teilnehmer der vom Leiter der Forschungsstelle Metaphysik der Hochschule Heiligenkreuz, Christoph Böhr, organisierten Tagung war die Anwesenheit des großen Denkers selbst. Der Jubilar beschenkte seine Gratulanten mit einem Festvortrag zum Thema „Metaphysik und Christentum“, und führte zunächst aus, dass die Metaphysik wesentlich eine Physik, ein physisches Sein, voraussetze, der Gottesbegriff der abrahamitischen Religionen jedoch auf ein transzendentes Sein abziele. Christlich sei eine Gotteslehre nicht etwa als Vorhof zur Metaphysik, sondern „wenn sie Christus reflektiert“.

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Für Brague ist Jesus selbst ein metaphysisches Prinzip

Brague fokussierte das Proprium des christlichen Heilswissens und mithin eine Bündelung der (freilich auch metaphysischen) Perspektiven auf die Botschaft Jesu und deren Verkörperung in seiner Person. Neutestamentliche Passagen, in denen Jesus implizit auf die Schöpfung als physische Gegebenheit, die Tatsache der Geschöpflichkeit des Menschen und so auf dessen Abhängigkeit vom Schöpfer anspielt, ließen das Geschaffene als Gegenstand göttlicher Liebe hervortreten sowie den Menschen als Teil dieser Schöpfung. Mit eben dieser Liebe breche Gott in die Welt ein und ebne alle Höhen- und Würde-Differenzen zwischen Menschen, ja sogar diejenige zwischen Guten und Bösen, die seiner Liebe alle teilhaftig werden. Obwohl sich Jesus kaum mit Schulmetaphysik beschäftigt habe, stellte (und stellt) er nach Brague „ein metaphysisches Prinzip an sich selbst dar“ und führte derart zu einer völligen Umwälzung der Metaphysik.

Der Metaphysik in der Zeit der Hellenisierung des Christentums widmete sich Markus Enders, Freiburg: Er rekonstruierte das geistmetaphysische Potenzial des Johannes-Prologs vor dem Hintergrund seiner Quellen bei dem jüdischen Philosophen Philon und der alttestamentlichen Weisheitsspekulation sowie dessen logosmetaphysischer Auslegung bei Origines und Augustinus. Rolf Darge, Salzburg, zeigte, dass Bonaventura, Thomas von Aquin und Meister Eckhart je anders auf die zeitgenössischen Pariser Auseinandersetzungen um die Autonomie der Philosophie und ihre Abgrenzungen gegenüber der Offenbarungstheologie reagierten, weil sie aufgrund ihres jeweiligen philosophischen Denkansatzes Metaphysik und Theologie in je anderer Weise aufeinander bezogen. Thomas sah das Verhältnis als wechselseitige Ergänzung zweier selbstständiger Wissenschaften, da er annahm, das Seinsprinzip falle nicht mit dem Erkenntnisprinzip zusammen.

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Gott ist heilbringend präsent im Weltgeschehen

Die Frage nach der Begrenztheit des Abschlusswissens, die sich in den theoretischen und praktischen Grenzbestimmungen der Metaphysik im Mittelalter zeigte, beantwortete Rolf Schönberger, Regenburg. Er räumte mit einigen philosophiegeschichtlichen Stereotypen auf: Die Vorstellung der Ablösung einer metaphysikbestimmten von einer metaphysikfeindlichen Epoche verkenne, dass schon Aristoteles selbst erhebliche Bedenken auszuräumen gehabt habe. Thomas habe dessen Metaphysik zwar überaus fruchtbar gemacht, dabei aber auf ihre grundsätzlichen Grenzen in der Negativität ihrer Bestimmungen und ihre faktischen Bedingtheiten in den individuellen Gegebenheiten aufmerksam gemacht.

Der Metaphysik des Christentums im engeren Sinne widmete sich Harald Schöndorf SJ, München, der das Verhältnis als eine weitgehend harmonische Antwort auf die Grundfragen unseres Menschseins beschrieb, denen es in einem wesentlichen, ethischen Punkt, um dieselbe Sache gehe: um das Heil des Menschen. Als Beispiel für die Konnektivität von Christentum und Metaphysik in der Neuzeit erläuterte die Generalsekretärin der Villa Vigoni, Christiane Liermann Traniello, das Denken des Priesters, Philosophen und Theologen Antonio Rosminis (1797–1855), in dem die Vestitia Dei, die unmittelbare und zuletzt heilbringende Präsenz Gottes im Weltgeschehen, eine zentrale Rolle spielte. Sie sichtbar zu machen sei Aufgabe der Kirche als „societa theocratica“, die für die ewigen Güter einzustehen habe. Für Rosmini blieb die Freiheitsentwicklung als Hauptmovens der Geschichte entscheidend: Der Staat habe die Sicherung der Freiheit und das Funktionieren der „societa civile“ zu leisten.

Das Sein, das von Gott ausgeht

Die internationalen Perspektiven auf das Tagungsthema erweiterten sich mit dem Vortrag des Kaliforniers Richard Schenk OP, Freiburg. Er brachte mit Bezug auf den 42. Psalm „Der Abgrund ruft den Abgrund“ (abyssus abyssum invocat) Bragues Studie zur philosophischen Kosmologie ins Gespräch – mit dem Hinweis des Thomas von Aquin, die Metaphysik beschäftige sich nicht mit Gott selbst, sondern mit dem Sein, das von Gott ausgehe. Die Betrachtung der nicht-menschlichen Schöpfung fördere nicht nur das Verstehen von Gott und Mensch, sondern könne jenes Staunen über die Natur erneuern, das nach antiker Vorstellungen am Anfang aller Philosophie steht. Der Anteil der Natur am Entstehen und Vergehen, eine Betrachtung vorphilosophischer Zugänge zu Gott und zur Dialektik in der Analogie, die auf Gott als Geheimnis der Welt hinweist, ergeben Hinweise auf eine mögliche – vom Kosmos her gedachte – Erneuerung der Metaphysik vom Kosmos, die sensibel ist für dessen Licht und Schatten: eine Metaphysik, die sich auf das „Erhabene“ besinnt, könnte eine allzu funktionalistische Antwort auf die Umweltkrise unserer Zeit in einen größeren Zusammenhang stellen.

Jaroslaw Jagiello, Dekan der Philosophischen Fakultät der Johannes Paul II.-Universität Krakau, ergänzte das Kaleidoskop der Konnektivität zwischen Metaphysik und Christentum um dialogphilosophische Überlegungen: Er machte klar, inwiefern das Denken Ferdinand Ebners (1882–1931) und Józef Tischners (1931–2000) den prozesshaften dialogischen Austausch und damit den ins Kronkrete der gesprochenen Sprache gewendeten Logos als Schlüssel des Seinsverstehens entdeckt haben. Ebner habe das metaphysisch gerahmte Wort in der lebendigen Sprache erschlossen, das zuletzt die Brücke realer Liebesbeziehungen bilde.

Drei Themen auf Grundlage der Metaphysik beleuchtet

Wilhelm Schmitt-Biggemann, FU Berlin und vielfach ausgezeichneter Philosophiehistoriker, sprach über die Risiken einer philosophischen „Theo-Logie“ in drei Schritten: der grammatischen Implikationen einer Metaphysik, der Metaphysik als Wissenschaft vom Grund sowie der Frage nach dem Christentum aus dem Geist der Metaphysik. Dabei wurden alle Termini einerseits historisch, andererseits skeptisch umfahren, so dass das Thema der Tagung verstärkt in eine kritische Dimension geführt werden konnte.

Einen reflektierten Zugang zu einer metaphysischen Perspektive eröffnete die russische, seit zwanzig Jahren in München tätige Philosophin Oksana Nazarowa mit ihrem Vortrag über Simon L. Frank (1877–1950) und die russische religiöse Philosophie des 20. Jahrhunderts. Für Frank hängt die Möglichkeit einer positiven Lösung des Erkenntnisproblems davon ab, dass ein ungegenständlicher Seinspunkt ergriffen werde. Es gehe um das geistige Sein des Menschen, das sich jeder Begrenzung widersetze. Je mehr er sich selbst transzendiere, desto mehr verwirkliche er sein eigenes Sein.

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Gott ist auch Gläubigen unfassbar – das eröffnet Kontakte zu Atheisten

Milosz Holda, Krakau, sprach abschließend über den „Deus absconditus“, den verborgenen Gott. Ein theologischer Minimalismus, der die Begrenztheit der eigenen Aussagefähigkeit über Gott einräume und dessen wesenhafte Verborgenheit in Natur, Geschichte und menschlichen Beziehungen einräume, kann, so Holda, an die Residuen spiritueller Sehnsüchte selbst in atheistischen Positionen anknüpfen und in Zeiten einer rückläufigen Zustimmung zum Christentum Brücken bauen.

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