Raus aufs Land

Die Entfremdung zwischen Mensch und Natur ist ein Thema, das man nicht den Linken überlassen sollte. Von Tobias Klein
Einzelne Kuh auf Butterblumenwiese in der Abendsonne
Foto: (112363536) | SZ-Kolumnistin Charlotte Roche hat einen Zusammenhang zwischen Tier- und Frauenrechten entdeckt.

Der Indianer in mir vermisst echte Erde unter den Füßen“, schreibt die Bestsellerautorin Charlotte Roche in ihrem im SZ-Magazin erschienenen Essay „Verlasst die Städte!“, in dem sie die These aufstellt, das Leben in der Großstadt sei eigentlich unerträglich und ein wirklich menschenwürdiges Leben nur auf dem Land möglich. Speziell auf dem linken Flügel der deutschen Presselandschaft hat dieser Text scharfen Widerspruch hervorgerufen; so wirft Roberto De Lapuente der Autorin im „Neuen Deutschland“ „Eskapismus“ vor, und in der „taz“ ätzt Christian Gottschalk: „Ihr Text beweist: Das Landleben macht dumm und kleingeistig. […] Das Land ist nichts anderes als die reaktionäre Idee eines Idylls.“ Als Charlotte Roche in ihrem ersten Roman „Feuchtgebiete“ (2008) ausgiebig über Menstruationsblut und andere Körper- ausscheidungen schrieb, wurde das noch als emanzipatorisch aufgefasst. Nun, da sich in ihren Reflexionen über „Natürlichkeit“ zum Blut auch der Boden gesellt, fragen sich manche Kritiker, ob sie womöglich schon damals eine verkappte „Rechte“ war.

Sicherlich gäbe es an ihrem Essay manches zu kritisieren: Etwa, dass ihr rousseauistisch verklärter Blick auf das Landleben snobistisch sei – weil sie damit nur für jene spreche, die es sich leisten können, aufs Land zu ziehen, ohne damit auf die Annehmlichkeiten jener urbanen Kultur, der sie ihren Status und Wohlstand ja gerade verdanken, verzichten zu müssen; und dass ihr Aufruf zur „Stadtflucht“, würde er von Ihresgleichen in signifikantem Umfang befolgt, somit letztlich nur zu einer Art Gentrifizierung des ländlichen Raums führen würde.

Dennoch lässt gerade der Furor der Reaktionen, die Roche geerntet hat, darauf schließen, dass ihr Essay einen Nerv getroffen hat. Der vielleicht zentrale Satz des Texts – „Die Stadt ist einfach keine artgerechte Haltung für Menschen!“ – legt den Finger in eine Wunde: Die Ökologiebewegung, die sich seit den 1970er Jahren vornehmlich mit der politischen Linken assoziiert hat, hat bei all ihrer Sorge um Bäume, Hühner und Kühe den Menschen vergessen.

Oder genauer gesagt, sie betrachtet ihn in erster Linie als ein Problem, einen Störfaktor für das ökologische Gleichgewicht. Darin setzt sich ironischerweise eine Entfremdung zwischen Mensch und Natur fort, die die Ökologiebewegung eigentlich eher ihren Gegnern anzukreiden geneigt ist. Dem konventionellen Narrativ zufolge wurzelt diese Entfremdung im biblischen Schöpfungsbericht, in dem der Mensch den Auftrag erhält, sich „die Erde untertan zu machen“. Diese Sichtweise verkennt freilich, dass der Mensch laut jüdisch-christlicher Tradition seine Herrschaft über die Schöpfung nur im Auftrag Gottes und in Verantwortung vor Gott ausübt; zum wirklich souveränen Herrscher über die Natur wird der Mensch erst, wenn Gott aus der Gleichung ausgeklammert wird, wie es seit der frühen Neuzeit mit der Emanzipation des naturwissenschaftlichen und technischen Fortschritts von der Theologie geschieht. Das vermeintliche Recht, nach eigenem Gutdünken über die Natur zu verfügen, spricht die moderne Ökologiebewegung dem Menschen nun zwar ab, neigt aber weiterhin dazu, ihn nicht eigentlich als Teil der natürlichen Ordnung zu sehen, sondern als etwas ihr Entgegengesetztes – und tendenziell feindlich Gegenüberstehendes.

Solchen Auffassungen kann gerade die christliche Lehre eine ganzheitlichere Vision entgegensetzen. „Es gibt auch eine Ökologie des Menschen“, mahnte etwa Papst Benedikt XVI. in seiner Ansprache im Deutschen Bundestag im Jahr 2011. „Auch der Mensch hat eine Natur, die er achten muss und die er nicht beliebig manipulieren kann.“ Den Begriff „Humanökologie“ hatte bereits der Hl. Johannes Paul II. in seiner Enzyklika „Centesimus annus“ (1991) eingeführt. An beide Vorgänger knüpft Papst Franziskus in seiner Ökologie-Enzyklika „Laudato si‘“ (2015) an, in der er feststellt, dass nicht nur „die natürliche Umwelt voller Wunden ist, die durch unser unverantwortliches Verhalten hervorgerufen sind“, sondern dass „[a]uch die soziale Umwelt [...] ihre Verwundungen“ habe: „Doch sie alle sind letztlich auf dasselbe Übel zurückzuführen, nämlich auf die Idee, dass es keine unbestreitbaren Wahrheiten gibt, die unser Leben lenken, und deshalb der menschlichen Freiheit keine Grenzen gesetzt sind“ (LS 6). Das Verhältnis des Menschen „zu Gott, zum Nächsten und zur Erde“, so führt der Papst weiter aus, sei auf fundamentale Weise gestört durch die Ursünde des Menschen – durch „unsere Anmaßung, den Platz Gottes einzunehmen, da wir uns geweigert haben anzuerkennen, dass wir begrenzte Geschöpfe sind“ (LS 66).

Gestört ist damit aber auch und nicht zuletzt das Verhältnis des Menschen zu sich selbst, zu seinem eigenen Körper, der schließlich auch zu der Natur gehört, die der Mensch einerseits beherrschen, andererseits respektieren soll – und der uns, wie es in „Laudato si‘“ heißt, „in eine direkte Beziehung zu der Umwelt und den anderen Lebewesen stellt“. Folgerichtig hat das Konzept einer „Humanökologie“ auch Auswirkungen auf das Verhältnis des Menschen zu Geschlecht und Sexualität: Papst Franziskus erklärt, eine „Wertschätzung des eigenen Körpers in seiner Weiblichkeit oder Männlichkeit“ sei „notwendig, um in der Begegnung mit dem anderen Geschlecht sich selbst zu erkennen“ (LS 155).

Vor dem Hintergrund solcher Überlegungen erscheint es auffällig, dass sich auch Charlotte Roche in ihren Ausführungen über eine naturgemäße Lebensweise Metaphern aus dem Bereich der Sexualität aufdrängen; so vergleicht sie den Unterschied zwischen einem Stadtpark und einem Wald mit dem „Unterschied zwischen Virtual-Reality-Sex und Sex mit jemandem, [...] den man liebt und dem man vertraut“. Aus der Feder einer Autorin, die mit Schilderungen betont „tabuloser“ Sexualität berühmt geworden ist, mögen solche Töne überraschen – wiewohl daraus wohl nicht zu schließen ist, dass sie den Dogmen der „Sexuellen Revolution“ abgeschworen hätte, zumindest nicht bewusst. Nicht weniger bemerkenswert ist es, dass der Text das Verhältnis des Menschen zur Natur auch unter spirituellen Gesichtspunkten betrachtet. In der Stadt, so merkt die Autorin an, sehe man nachts keine Sterne: „Da fehlt dann die Demut vor dem Universum, denn wir denken: Wir sind der Sternenhimmel, wir leuchten mehr als die Sterne.“ Die Großstadt erscheint als ein moderner Turm von Babel, ein Versuch der Menschen, sich ihren eigenen Himmel zu erbauen – wodurch sie sich aber tatsächlich nur umso mehr von Gott entfernen.

In einem Interview aus dem Jahr 2011 bekannte sich Charlotte Roche dazu, in ihrer Ablehnung des Christentums „so rigoros“ zu sein, dass sie niemals eine Kirche betrete; das vage, unscharfe Empfinden für Spiritualität, das sie in „Verlasst die Städte!“ artikuliert, erscheint denn auch eher esoterisch-neopagan orientiert. Dennoch ist die Sehnsucht nach Ganzheitlichkeit, die die Autorin in diesem Essay – sicherlich auch stellvertretend für ihr Zielpublikum – äußert, durchaus ernst zu nehmen; umso mehr, als darin eine zumindest vorbewusste Ahnung aufscheint, dass vermeintlich emanzipatorische Bewegungen und Ideologien keine Antwort auf diese Sehnsucht haben.

Wo aber wäre diese Antwort dann zu finden? In politisch, sozial und auch religiös konservativen Kreisen steht das gesamte Ökologiethema vielfach unter dem Generalverdacht linker Ideologie. Maßnahmen zum Klima-, Arten- oder Landschaftsschutz, die man doch als im Wortsinne „konservative“ Anliegen betrachten könnte, werden da nicht selten allein aufgrund dieser ideologischen Zuordnung skeptisch beäugt. Diese Skepsis erstreckt sich nicht selten auch auf Initiativen zur „Bewahrung der Schöpfung“ innerhalb der christlichen Kirchen, und dies zum Teil nicht ohne Grund: Zuweilen entsteht der Eindruck, dass Themen wie Natur- und Klimaschutz innerkirchlich gegen als konservativ wahrgenommene Anliegen wie Lebensschutz und Sexualethik ausgespielt werden, anstatt dass sie im Sinne der von den Päpsten eingeforderten „Humanökologie“ ganzheitlich betrachtet würden.

Hinzu kommt: Im politischen Koordinatensystem Deutschlands wie überhaupt der westlichen Welt wird „konservativ“ häufig als mehr oder weniger gleichbedeutend mit „wirtschaftsliberal“ verstanden. Dies führt jedoch zu inneren Widersprüchen, wenn die wirtschaftliche Entwicklung in dem Streben nach maximaler Effizienz gerade die Dinge bedroht, die aus einer „wertkonservativen“ Sicht die am entschiedensten zu Bewahrenden wären – wie etwa traditionelle Familien- und Gesellschaftsstrukturen, aber nicht zuletzt auch die natürlichen Ressourcen für das Überleben künftiger Generationen. Ein solches Verständnis von Konservatismus erscheint politisch weitgehend heimatlos; als Ausweg bleibt nur das – üblicherweise eher mit der politischen Linken assoziierte – Prinzip „Graswurzelbewegung“.

Das muss (und kann) nicht heißen, dass wir, um – wie es in „Laudato si‘“ heißt – „vom Konsum zum Opfer, von der Habgier zur Freigebigkeit, von der Verschwendung zur Fähigkeit des Teilens überzugehen“ (LS 9), alle aufs Land ziehen und unser eigenes Gemüse anbauen sollten. Aber es wäre schon viel gewonnen, wenn Konservative – gerade auch konservative Christen – ihre Berührungsängste gegenüber Ansätzen zu einer konsumkritischeren, ökologisch verantwortungsvolleren und naturnäheren Lebensweise abbauen könnten, auch wenn diese Ansätze der konventionellen Wahrnehmung zufolge von „links“ kommen.

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