Würzburg

Nur wer Gott kennt, kennt den Menschen

Die Einzigartigkeit des Menschen ist bedroht, weil zunehmend seine Nähe zu Tieren behauptet wird. Ein Blick in neueste Studien.
Was ist der Mensch?
Foto: Adobe Stock | Wesenserkenntnis, wie sie auch dem mittelalterlichen Denken bestens vertraut war, war immer ein Kennzeichen des Humanums. Gegenwärtige Theorien des Menschen wissen nur noch wenig davon.

Wenn ein Teil der Wissenschaftsgemeinschaft beinahe sehnsüchtig auf die Übersetzung eines Buches wartet, das im angelsächsischen Raum schon seit einiger Zeit für Furore sorgt, so liegen die Gründe auf der Hand. Der Autor, Michael Tomasello, ist schon seit Längerem einer der weltweit meistgefragten Kognitionswissenschaftler. 2018 brachte er seine Schrift „Becoming Human: A Theory of Ontogeny“ auf den Markt, die unter dem Titel „Mensch werden“ nun auch in deutscher Sprache angekündigt ist.

Dabei geht es nicht in erster Linie um einen Beitrag, der für Spezialisten interessant ist. Tomasello hat schon in der Vergangenheit vieldiskutierte Studien veröffentlicht, darunter „Eine Naturgeschichte des menschlichen Denkens“. Der Autor bemüht sich im Kontext seiner Erörterungen, die menschliche Sonderstellung (vor allem gegenüber den verwandten Primaten) zu begründen. Er betont unter anderem Sozialverhalten, Kommunikation, kulturelles Lernen und Moralidentität als unterscheidende Kriterien. Menschen setzen sich Ziele und verfolgen sie gemeinsam mit anderen. Erfahrungen und Wissen werden häufig, anders als im Tierreich, geteilt. Viele Hinweise dafür zeigen sich bereits im Kindesalter.

Die Publikationen des US-Gelehrten leisten einen gewichtigen Beitrag zur Aufhellung der „Stellung des Menschen im Kosmos“ (Max Scheler). Er ist nicht der Einzige unter den Kennern der anthropologischen Grunddisziplin, der das Eigentümliche des menschlichen Seins im Unterschied zum tierischen wieder stärker betont. So kommt auch der Psychologe Thomas Suddendorf zu vergleichbaren Ergebnissen: Er arbeitet zuerst Gemeinsamkeiten mit den Menschenaffen heraus, differenziert dann aber ebenso deutlich. Die unbegrenzten Vorstellungen und Reflexionen über verschiedene Situationen sowie das tiefe Bedürfnis, sich mit anderen über imaginierte Errungenschaften auszutauschen, seien an der „Tierart Mensch“ genuin menschlich.

Debatten um den humanen Überlegenheitsstolz

Trotz nahezu inflationärer Rekurse auf die Garantie der Menschenwürde setzt doch eine solche Auszeichnung einerseits einen Unterschied zu „nicht oder weniger Würdigen“ voraus; andererseits wiederum dürfen in der Relation zu nicht-menschlichen Wesen auch Gemeinsamkeiten mit dem Menschen nicht fehlen, so dass eine gewisse Balance gefunden werden muss. Es gibt gute Gründe, nicht-menschlichen Wesen den Subjektstatus streitig zu machen, aber ungeachtet dieser Entscheidung dennoch ihre „Empfindungsfähigkeit moralisch zu gewichten“ (Nikolaus Knoepffler). Gerade die seit Charles Darwin und Friedrich Nietzsche andauernde Debatte um die Rechtfertigung der Besonderheiten des Humanen, die seit der Entwicklung intelligenter Technik neuen Auftrieb bekommen hat, findet angesichts vieler posthumanistischer wie ökologistischer Tendenzen neue Nahrung.

Jüngst konnte man von einer englischen Philosophieprofessorin namens Anglia Ruskin lesen, die allen Ernstes das Aussterben der Menschheit als neuen Imperativ verkündet hat. Die „große Mutter Natur“ scheint durch den Homo sapiens sapiens gefährdet, dessen CO2-Fußabdruck offenkundig nicht vermeidbar ist. Daher sei ein Gebärstreik eine dringende Antwort auf das wichtigste Problem der Menschheit, so die Feministin. Die Forderungen der Physiozentristen zeichnen sich dadurch aus, dass sie die christliche Anthropozentrik, die seit dem frühneuzeitlichen Aufbruch auch diverse säkularisierte Modifikationen kennt, rückgängig machen wollen.

Die Geschichte der Kränkungen des humanen Überlegenheitsstolzes hat, wie Freud richtig erkannt hat, lange vor dem Evolutionismus des späten 18. und des 19. Jahrhunderts begonnen. Erst mit Darwin griff jedoch der zunehmende Dynamismus der Wissenschafts- und Alltagswelt sukzessive auf die Natur des Menschen über, die man jetzt immer stärker als volatil bestimmte. Ohne theologische Bezüge erwies sich ein bleibendes Wesen des Humanen als praktisch undefinierbar. Die traditionelle klassische Seinspyramide mit dem Menschen an der irdischen Spitze, jedoch Gott untergeordnet, mutierte schnell zur Überlieferung „Alteuropas“ (Niklas Luhmann).

Genetische Veränderungen werden immer schneller

Die wissenschaftstheoretische Relevanz der Schöpfungslehre, zu deren wesentlichen Implikationen die Perspektive von der besonderen Rolle des Menschen in der Welt gehört, verliert bis in die unmittelbare Gegenwart tendenziell an Bedeutung. Daran ändert auch die Fülle von in den letzten Jahren vorgelegten Arbeiten – summarisch sind die Autoren Reinhard Junker, Siegfried Scherer und Gerhard Haszprunar zu nennen – nichts, die auf die Vereinbarkeit von Evolution und christlichem Glauben hingewiesen haben. Mahnend wirken bis heute die Worte Romano Guardinis, der die Erkenntnis Gottes als Voraussetzung für die des Menschen gesehen hat.

Der Streit der Giganten um das Sein, von dem Platon gesprochen hat, konkretisiert sich in den großen ideologischen Konflikten des 19. und 20. Jahrhunderts um weltanschauliche Grundpositionen. Bei allen Akzentverschiebungen der Kontroversen: Sozialdarwinistische und eugenische Programme sind durchaus medial und im Wissenschaftsdiskurs präsent – wenngleich öfters in camouflierter Weise. Die enormen Fortschritte der Genetik machen es möglich, ein unpolitisches Mäntelchen zur Tarnung umzuhängen. So heißt es in einem 2007 unter dem Titel „Bang: Die Zukunft der Evolution“ publizierten Buch unverhohlen: „Der Mensch wird von Gen an aufgebessert und mit Sinneserweiterungen und Schnittstellen fit für die Zukunft gemacht.“ Solche manipulatorischen Absichten sollten auch dann in ihrer ganzen Dimension kenntlich gemacht werden, wenn sie weder rassische noch biologische Intentionen verfolgen.

Erfreulich ist es, wenn der Hauptstrom Widersacher findet: Der Philosoph Karl-Heinz Nusser stellt in seiner jüngst erschienenen Monografie „Der blinde Fleck der Evolutionstheorie“ das „Recht der Tiere und Menschen auf ihr Eigensein als Endgestalten der Natur“ heraus. Er exponiert einen im besten Sinn des Wortes konservativen Standpunkt.

Vielleicht ist der Homo sapiens doch das Ende der Gattung „Homo“

Die Mehrzahl von Entwicklungspsychologen und Evolutionstheoretikern nimmt aber im Unterschied dazu an, dass die natürliche Selektion in immer kürzeren Zeitabschnitten zu weiteren genetischen Veränderungen führt. Demnach steht also die genetische Evolution nicht dauerhaft still; es ist also keineswegs garantiert, dass das Stadium der Vollkommenheit erreicht ist. Manche Experten sehen Hinweise dafür, dass der Unterschied zu höherem Primat abnimmt, weil die „weiche Zivilisation“, die auch vielen Verlierern des biologischen Wettbewerbs das Überleben sichert, für die Weitergabe von „schlechteren Genen“ verantwortlich sei.

Angesichts einer seit einigen zehntausend Jahren wirkmächtigen kulturellen Evolution mit ihren unzähligen Symbolsystemen von Feuer und Faustkeil bis zur Künstlichen Intelligenz ist jedoch ein erneutes Einsetzen der genetischen Evolution auch über einen sehr langen Zeitraum unwahrscheinlich. Es fehlt an abgeschotteten Räumen und Umgebungen, in denen die Mutation experimentieren kann. Vielleicht stellt so der Homo sapiens doch das Ende der Gattung „Homo“ dar. Mit dem Aussterben dieser Art wäre wohl die gesamte Gattung am Ende und mit ihr ein Intermezzo von sechs Millionen Jahren, das die Experten derzeit mit dem Sahelanthropus tchadensis beginnen lassen. Wissenschaft kommt hier nicht ohne Spekulationen aus.

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