Feuilleton

Nicht nur pausbäckige Putten

Von der Kirche aufgegeben, in der Esoterik sehr gefragt: Engelverehrung sollte auch in der Predigt wieder eine Rolle spielen. Von Georg Alois Oblinger
Engel, von Piero di Cosimo, um 1500
Foto: INT | Engel, von Piero di Cosimo, um 1500.

Schon fünfhundert Jahre alt und dennoch jung und beliebt wie selten zuvor: Die langweilig herumlümmelnden Putten am unteren Rand von Raphaels „Sixtinischer Madonna“, deren Original in der Gemäldegalerie Alte Meister in Dresden hängt, erfreuen sich großer Beliebtheit. Die beflügelten Jungs sind heute nicht nur in zahlreichen Wohnzimmern als Gemälde oder Büste anzutreffen; ihre Gesichter findet man auf Bettwäsche, Keksdosen, Schirmständern und natürlich auf Poesiealben. Verspielte Engel sind heute jedoch in sämtlichen Lebensbereichen anzutreffen. Sie gehören zum modernen „Lifestyle“ und daher begegnet man ihnen in der Werbung ebenso wie in der Popmusik und in der Literatur.

So sehr die Engel auch in der Moderne durch Verachtung oder Leugnung geschmäht wurden und in den wissenschaftsgläubigen 1960er Jahren sogar aus der christlichen Verkündigung fast gänzlich gestrichen wurden, so sehr sind sie fester Bestandteil der Postmoderne. Doch Engel sind mehr als Dekor und Weihnachtsschmuck. Glaubten im Jahr 1986 nur 22 Prozent aller Deutschen an die Existenz von Engeln, so sind es heute 67 Prozent. An die Existenz Gottes glauben hingegen nur 64 Prozent. Als Trend lässt sich feststellen: Menschen wenden verstärkt sich von Gott ab, aber den Engeln zu. Die Engel symbolisieren Hoffnung, Vertrauen, Trost und Hilfe. Der ferne Gott rückt in ihnen scheinbar ein Stück näher. Nicht wenige Menschen berichten sogar über persönliche Erfahrungen mit Engeln. So überraschend ist dies nicht, denn fast alle Religionen bekennen sich zum Glauben an die Existenz himmlischer Wesen.

Im Islam hat der Erzengel Gabriel (Djibril) dem Propheten Mohammed den Koran übermittelt. Christen bekennen im Glaubensbekenntnis von Nizäa und Konstantinopel, dass Gott „alles geschaffen hat, Himmel und Erde, die sichtbare und die unsichtbare Welt“. Wenn es eine unsichtbare Welt gibt, muss diese konsequenterweise auch mit unsichtbaren Lebewesen bevölkert sein. Nicht unproblematisch ist es daher, wenn Engel sichtbar in Erscheinung treten. Im Neuen Testament ist dies nur zweimal der Fall: Der Erzengel Gabriel bringt Maria die Botschaft, dass sie den Sohn Gottes gebären soll (Lk 1, 26–38) und der Erzengel Michael kämpft in der Vision des Johannes (Offb 12,7–9) gegen Satan und stürzt ihn aus dem Himmel herab. Selbst Josef vernimmt die Botschaft des Engels nur im Traum.

Weitaus häufiger treten Engel im Alten Testament auf. Namentlich tritt zwar hier nur der Erzengel Raphael in Erscheinung (Buch Tobit), doch tauchen oftmals himmlische Heerscharen auf. Besonders werden die Cherubim und Seraphim genannt. Erstere sind Mischwesen aus Tier und Mensch, letztere haben Menschengestalt und sechs Flügel.

In der Bibel begegnen uns keine harmlosen Putten, sondern mächtige, mitunter furchterregende Wesen (zum Beispiel Ri 13,6; Est 5,2), die etwas von Gott, dem „mysterium tremendum et fascinosum“ widerstrahlen. So erschrecken die Menschen oftmals, wenn sie einen Engel sehen. Und die Cherubim stehen als Wächter vor dem Eingang des Paradieses.

Bei der Berufungsgeschichte des Propheten Jesaja (Jes 6,1–6) treten die Seraphim in Erscheinung. Mit glühender Kohle berühren sie die Zunge des Jesaja, um sie zu heiligen und so den Propheten zum Verkündigungsdienst zu befähigen. Hier vollzieht sich gleichsam eine himmlische Liturgie, bei der die Engel ausrufen: „Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heere“ – ein Satz, der seinen Weg in die katholische Messfeier gefunden hat.

Der Engel ist also nicht nur ein himmlischer Bote (griechisch: angelos), seine Hauptaufgabe ist der Lobpreis Gottes und die Anbetung des Allerhöchsten. Auch die barocken Putten sind Teil einer himmlischen Liturgie, bei der sie durch das Spielen eines Instruments ihren Beitrag leisten oder durch das Beiseiteschieben eines Vorhangs dem Menschen einen Blick in den Bereich des Himmels gestatten. Daher kann ein Engel nicht ohne Gott gedacht werden; er bleibt immer auf diesen hingeordnet. Hier liegt die Problematik des heutigen von der Esoterik beeinflussten Trends. Da ist beispielsweise auf manchen Gräbern eine Vielzahl von Engeln, meistens niedliche Putten, anzutreffen – einen Hinweis auf den dreifaltigen Gott sucht man jedoch vergeblich. Mit den Engeln ist eine dualistische Weltauffassung zurückgekehrt, wie sie in vorchristlicher und auch noch in frühchristlicher Zeit verbreitet war. In einer zweigeteilten Welt, in der gute und böse Mächte gleich stark sind, ist der Mensch diesen hilflos ausgeliefert. Im Christentum jedoch wird der Teufel als gefallener Engel betrachtet. Keine böse Macht steht auf derselben Ebene wie Gott, der daher immer der Stärkere ist. Wie die Menschen stehen auch die Engel im Kampf zwischen Gut und Böse. Wie es den Heiligen oder anderen Menschen möglich ist, einem Menschen auf seinem Weg zu Gott zu helfen, so ist dies auch den Engeln möglich. Gerade im Glauben an einen Schutzengel, der sogar auf einem Jesus-Wort (Mt 18,10) gründet, wird dies zum Ausdruck gebracht.

Im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert wurde die Darstellung des Schutzengels sehr beliebt. Ein Bild dieses himmlischen Beschützers wachte häufig über dem Bett der Kinder. Betrachtet man allerdings diese religiösen Bilder, stellt man fest, dass die Engelsdarstellungen immer kraftloser und süßlicher wurden. Das Industriezeitalter hat sich offensichtlich mit dem biblischen Engelsglauben schwergetan. Der Engel wurde zu einer Figur für Kinder und verschwand irgendwann ganz, bis er dann jenseits des christlichen Kontextes und oftmals ohne Gottesbezug wieder auftauchte.

Im Rückblick muss man es als Fehler betrachten, wenn kirchliche Prediger in den vergangenen Jahrzehnten einer kurzfristigen Mode folgend die biblisch fundierte Engelslehre aus der Verkündigung gestrichen haben. Damit haben sie ungewollt dem wilden Wuchern diffuser Glaubensvorstellungen Vorschub geleistet. Weil die Engel aber längst ein Teil des modernen Lebens geworden sind, müssen sie auch in der christlichen Predigt thematisiert werden – und das nicht nur in der Advents- und Weihnachtszeit.

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