Neue Väter braucht das Land

Wichtig sind sie, trotzdem hat man die Väter im Zuge der Emanzipation oft an den Rand gedrängt: Die Zeit ist reif für ein Comeback. Von Klaus Kelle
Foto: Symbolbild: dpa | Jedes Kind hat laut EU-Charta ein Recht auf männliche und weibliche Erziehung. Mit den neuen Vätern macht das Spaß.
Foto: Symbolbild: dpa | Jedes Kind hat laut EU-Charta ein Recht auf männliche und weibliche Erziehung. Mit den neuen Vätern macht das Spaß.

Der erste Held eines Jungen und die erste Liebe einer Tochter ist der Vater, sagt man in Amerika, wenn die Rede auf die Bedeutung des Vaters für die Erziehung der Kinder und die Familie insgesamt kommt. Das klingt wunderbar. Leider hält das wirkliche Leben den Kalendersprüchen nicht immer stand. Während Verhaltensforscher unisono die Bedeutung des väterlichen Anteils an der Erziehung von Kindern würdigen, sehen sich Väter zunehmend durch eine überbordende Erwartungshaltung, durch gesetzliche Einschränkungen und die Auswirkungen der Gender-Ideologie bedroht.

Vater sein, eine Rolle als Vater ausfüllen, das ist in unserem christlich-abendländischen Kulturkreis in einem Zeitraum von nur etwa 200 Jahren beinahe revolutionären Veränderungen ausgesetzt gewesen. Der Vater als zwar liebender und auch strenger, strafender Patriarch im Sinne der biblischen Lehre vom Vater, war bis ins 18. Jahrhundert das unumstrittene Familienoberhaupt. Eine Studie „Facetten der Vaterschaft“ im Auftrag des Bundesfamilienministeriums beschreibt anschaulich den schleichenden Autoritätsverlust des Mannes in der Familie ab dem 19. Jahrhundert Der Vater blieb zwar immer – mit Ausnahme der Kriegsjahre – Beschützer und Ernährer, sein direkter Einfluss auf die Kinder nahm jedoch rapide ab. Galt einst die Regel, dass im Fall einer Scheidung das Sorgerecht stets dem Vater zugesprochen wurde, so kehrte sich dieses im Laufe des 19. Jahrhunderts um. Bis heute.

Über die Rolle des Vaters in einer modernen Gesellschaft ist viel geschrieben und politisch gestritten worden, doch es muss festgestellt werden, dass erst mit dem häufigen Fehlen von Vätern in Familien ihre wirkliche Relevanz und ihre einzigartige Bedeutung für ihre Töchter und Söhne erkannt worden ist. Auch Papst Benedikt sprach dieses Thema direkt an, als er am 23. Mai 2012 in seiner Generalaudienz sagte: „Die Abwesenheit des Vaters, das Problem des Vaters, der im Leben des Kindes nicht anwesend ist, ist ein großes Problem unserer Zeit.“

In Deutschland steigt die Zahl der Alleinerziehenden seit vielen Jahren an, mehr als 30 Prozent sind es im Osten unseres Landes, etwa 25 Prozent im Westen. Und alleinerziehend ist in aller Regel die Frau. Gut möglich, dass die Zahlen tatsächlich noch höher sind, weil zeitweise Trennungen von Statistiken gar nicht erfasst werden. Nur ein Viertel der Kinder hat nach einer Trennung der Eltern noch regelmäßig Kontakt zum Vater, zwei Jahre nach einer Trennung hat jedes zweite Kind überhaupt keinen Kontakt mehr zum Vater. Die Auswirkungen auf das weitere Leben dieser Kinder sind immens. Studien belegen, dass überproportional viele jugendliche Straftäter vaterlos aufgewachsen sind. Auch bei Suiziden ist der Anteil vaterlos aufgewachsener Menschen weit überproportional. Das soll nicht heißen, dass ein Kind automatisch zum Straftäter oder verhaltensauffällig wird, nur weil ihm der Vater fehlt. Aber es ist zumindest eine statistische Korrelation feststellbar, über deren Ursachen zu wenig geforscht wird.

Ein relevanter Angelpunkt für Söhne und Töchter

Wie wichtig ist also der Vater für die Erziehung eines Kindes? Was ist das Spezifische, das er einbringt? Was macht ihn einzigartig und vor allem: was unterscheidet ihn von der Mutter? Nach der Theorie des sozialen Lernens gilt ein Vater gegenüber seinen männlichen Kindern als Repräsentant gesellschaftlicher Normen, der insbesondere durch sein aktives Vorleben vermittelt, was richtig und was falsch ist. Für die Jungen hat der Vater besonders in der Pubertät überragende Bedeutung, suchen sie doch in diesen Jahren ihre eigene Identität als heranwachsender Mann. Denn ähnlich wie in der Mutter-Tochter-Beziehung ist die Vater-Sohn-Beziehung in der Regel die erste und intensivste Auseinandersetzung mit dem eigenen Geschlecht. Nicht immer ist er Vorbild, manchmal auch das Gegenteil. Erwartungen knüpfen sich nicht selten auch vom Vater an den Sohn. Wird er in meine Fußstapfen treten? Nicht umsonst war zumindest früher ein erstgeborener Sohn als „Stammhalter“ erwünscht. Hohe Erwartungen wurden in der Regel an ihn gestellt. Konfliktpotenzial war da oft reichlich vorhanden. Doch ganz gleich, ob ein Sohn nun seinem Vater nacheifert oder ob er sich sogar ganz bewusst von seinem Vater abgrenzt, so bleibt der eigene Vater dennoch relevanter Dreh- und Angelpunkt. Und fehlt er im Leben der Söhne, ganz gleich ob gewollt oder ungewollt, suchen sich die Söhne ihre männlichen Vorbilder eben woanders: In der sogenannten Peergroup, nicht immer die beste Lösung, in Idolen aus der Filmwelt oder aus ihren Computerspielen.

Für Mädchen gilt der Vater als die erste männliche Person, an der sie ihre Weiblichkeit testen. Im geschützten Raum der Familie ist das ein gutes Experimentierfeld, um den eigenen weiblichen Charme auszuprobieren. Und jeder Vater von Töchtern weiß, dass man schon dem Charme einer Vierjährigen herrlich erliegen kann, wenn sie einen um den Finger wickelt. Papa ist der Beste, Papa ist der Starke, der Beschützer, auf ihn ist Verlass. Im Gegenzug geraten Mädchen, die ohne einen präsenten und starken Vater aufwachsen, später häufig an falsche Partner, sie lassen sich häufiger scheiden. Es fehlt ihnen das Experimentierfeld, die Erfahrung. Salopp gesagt: Mädchen ohne eine überzeugende Vaterfigur werfen sich später auf der Suche nach einem Beschützer häufig dem erstbesten Mann an den Hals. Frappierend zeigt sich dies beispielsweise in den Statistiken zu Teenagerschwangerschaften. Die große Mehrheit der jungen Mädchen, die bereits als Teenager schwanger werden, wuchs vaterlos auf.

„Man wird nicht als Frau geboren, sondern dazu gemacht“, hat Simone de Beauvoir einst geschrieben. Was für ein himmelschreiender Unfug, der sich jedoch bis heute in den Köpfen der Altfeministinnen festgesetzt hat. Und, schlimmer noch, der bis heute Grundlage für alljährlich hunderte Millionen Euro öffentliche Fördergelder für eine wahre Feminismus-Industrie ist. Tausende hauptamtliche Frauenbeauftragte, zahlreiche Lehrstühle und Gender-Politikerinnen arbeiten Tag für Tag in Deutschland nicht nur daran, den Einfluss der Männer einzudämmen, sondern auch ihren traditionellen Platz in den Familien zu untergraben. In 95 Prozent der Scheidungsfälle mit Kindern erhalten die Frauen anschließend das Sorgerecht. Und Sorgerecht bedeutet, sie haben in der Regel auch die Entscheidungsgewalt in Fragen des Umgangsrechts. Eine Situation, die inzwischen zunehmenden Widerstand betroffener Väter hervorruft, die sich in Vereinigungen wie „Väteraufbruch“ oder „Agens“ organisieren. Und so erleben wir derzeit das Paradoxon, dass bis hin aus dem Familienministerium die Forderung nach mehr Präsenz der Väter schallt, die Gesetzgebung hier aber noch nicht Schritt gehalten hat. Denn wenn die Mutter nicht will, haben gerade unverheiratete Väter kaum eine Chance, ihre Vaterrolle auch wirklich auszufüllen.

Die Kinder brauchen einen Vater, der ihre Erziehung aktiv mitgestaltet. Da sind sich die meisten Frauen durchaus einig. Aber was erwartet man von ihnen? Nicht selten beschleicht einen da die Vermutung, sie sollen im Grunde nur als „Mutterersatz“ dienen. Der Frau den Weg frei machen, damit sie selbst in männliche Domänen der Wirtschaftswelt vordringen kann. Also ein Austausch der Rollen. So richtig überzeugt das jedoch nicht als männlich-väterliche Aufwertung. Denn machen wir uns nichts vor: Ein Vater ersetzt nicht die Mutter, und die viel wichtigere Feststellung bleibt: Er sollte dies auch nicht tun. Ein Kind braucht einfach beides.

Jedes Kind hat ein Recht sowohl auf männliche als auch auf weibliche Erziehung, schrieb die EU schon 1995 in ihrer Charta der sozialen Menschenrechte fest. Eine Klarstellung, die heute insbesondere den Vorkämpfern für ein Adoptionsrecht gleichgeschlechtlicher Partnerschaften nicht gefällt. Aber eine Klarstellung, die Sinn macht. Um Vater sein zu können, bedarf es aber auch Männer, die ihre Identität und ihre Spezifika selbst leben. Und genau daran fehlt es heute. Das Beschützen, die Dominanz, auch die Aggression, Eigenschaften, die gemeinhin dem Mann zugeschrieben werden, haben im modernen Deutschland kaum noch gesellschaftliche Akzeptanz. Der Mann hat weich zu sein, er hat Verständnis zu haben. Kommt der Jäger und Sammler irgendwann in ihm hoch, so hat er diese archaischen Verhaltensweisen gefälligst nach Kräften zu unterdrücken. Eine Erfahrung, die Eltern von Söhnen übrigens nicht selten im schulischen Bereich machen. Prügeln sich Jungs auf dem Schulhof, ist das ein Zeichen, dass sie ihre Aggressionen nicht kontrollieren können. Schlägt ein Mädchen zu, zeigt sie eine großartige Bereitschaft, sich im Leben durchzusetzen.

Die Umerziehung der Männer zu weiblichen Wesen irritiert

Die Umerziehung der Männer zu weichen Wesen beginnt ja nicht selten bereits im weiblich dominierten Kindergarten- und Grundschulbereich. Sozialkonformes Verhalten ist dort weibliches Verhalten. Als nahezu logische Konsequenz werden heute Verhaltensauffälligkeiten und ADHS zum großen Teil bei Jungs diagnostiziert – und sie schlucken inzwischen das meiste Ritalin, um ihr Verhalten den sozialen Normen von heute anpassen zu können. Nur wie soll man(n) männliche Eigenschaften weitergeben, wenn er sie selbst nicht mehr leben darf?

Dabei verhält sich unsere Gesellschaft in Fragen wie dieser durchaus paradox. Mit staatlicher Unterstützung sollen mehr Männer angeworben werden, um in Kindertagesstätten und Grundschulen eine eigene Note in die Erziehung einzubringen. Gleichzeitig wollen starke politische Kräfte den Weg zu einem Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare ebnen. Dann könnte es also passieren, dass ein Kind bei „zwei Müttern“ aufwächst, in Krippe und KiTa, später in der Grundschule dann fast ausnahmslos von weiblichen Bezugspersonen erzogen wird. Nichts gegen Erzieherinnen und Lehrerinnen – aber ist es das, was ein Kind braucht, um seinen eigenen Platz im Leben zu finden?

Fest steht, dass es diese vielzitierten „neuen Väter“ wirklich zu geben scheint. Väter, die sich in die Erziehung einbringen, präsent sind. Väter auf Spielplätzen, mit Tragetuch und Baby um den Bauch. Als das Institut für Demoskopie Allensbach 2012 für seinen „Monitor Familienleben“ Väter befragte, ob sie ausreichend Zeit mit ihren Kindern verbringen, äußerten erstaunliche 60 Prozent den Wunsch, ihre Arbeitszeit zu reduzieren und dafür mehr mit ihren Kindern unternehmen zu wollen. Und jeder fünfte Vater in Deutschland nahm das Elterngeld in Anspruch, mit dem der Staat Väter genau dazu locken will. Das sieht auf den ersten Blick schön aus, darf aber nicht darüber hinweg täuschen, dass die meisten Väter dann doch nur zwei, drei Monate in Elternzeit gehen. Die wenigsten nehmen tatsächlich eine Auszeit von einem Jahr oder länger, wie bei der Mutter gang und gäbe. Aber man kann feststellen: Sie sind offensichtlich auf den Geschmack gekommen. Sie probieren es aus. Die Vätererfahrungs-Bücher füllen inzwischen ganze Regalwände in den Buchhandlungen. Väter heute begnügen sich nicht mehr mit der obligatorischen Präsenz am Abendbrottisch. Das ist gut so. Aber ihre Rolle in der modernen Welt haben sie wohl trotzdem noch nicht gefunden.

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