Feuilleton

Mystische Tiefe in hellem Holz

Das neue Arvo Pärt Centre in Estland soll das Erbe des Komponisten für die Zukunft bewahren. Von Michael Stallknecht
Arvo Pärt, Komponist
Foto: Erio Marinitsch | Folgte dem Ruf aus der Offenbarung des Johannes: „Schreibe!“ – Der Komponist Arvo Pärt.

Archaisch schlicht wirkt die kleine Kapelle nach griechisch-orthodoxen Vorbildern, obwohl sie aus modernem Beton ist. An den Wandfresken im Inneren arbeitet der Ikonenmaler noch, die Muttergottes ist bereits fertig, der Christus darunter auch schon fast. Arvo Pärt hat sich diese Kapelle gewünscht als Teil des neuen Zentrums, das sein Lebenswerk für die Zukunft bewahren soll: die Manuskripte, die Skizzen, die Tagebücher und Briefwechsel, aber auch Filme, Fotos und Tonbänder in eigens gekühlten Räumen. Es liegt etwa 35 Kilometer westlich der estnischen Hauptstadt Tallinn auf einer Halbinsel vor Laulasmaa, wo Pärt auch wohnt. 8,3 Millionen Euro hat sich der estnische Staat das Gebäude kosten lassen, was für ein Land von gerade mal 1,3 Millionen Einwohnern keine kleine Investition ist.

Darin spiegelt sich die besondere Bedeutung, die der heute 83-jährige Pärt nicht nur für Estland hat. 1979 hatten die Kommunisten seine Ausreise aus dem damals noch zur Sowjetunion gehörenden Heimatland erzwungen, weil sein offen religiöses Bekenntnis quer stand zur staatlichen Ideologie. Pärt lebte danach fast dreißig Jahre in Berlin, bis er sich im Jahr 2010 zur Rückkehr nach Estland erschloss. Hier wollte er auch sein Werk wissen, das stark von diesem Bekenntnis geprägt ist. In seiner Vokalmusik hat Pärt Vertonungen von liturgischen und anderen zentralen Texten aller christlichen Konfessionen in mehreren Sprachen vorgelegt. Aber auch in seinen rein instrumentalen Kompositionen finden sich häufig religiöse Gehalte wie in „Spiegel im Spiegel“, den berühmten „Fratres“ oder dem „Trisagion“, das den Sprachrhythmus des in der orthodoxen Liturgie wie der katholischen Karfreitagsliturgie verankerten Hymnus aufgreift.

In der Vielsprachigkeit und Überkonfessionalität, dem häufigen Gebrauch auch der klassischen Kirchensprachen spiegelt sich eine Universalität, die im älteren Wortsinne „katholisch“ ist. Pärt hat dafür einen Stil von größtmöglicher Einfachheit entwickelt, den er selbst – nach einem lateinischen Wort für das „Glöckchen“ – „Tintinnabuli“ nennt. „Ich arbeite mit wenig Material, mit einer, mit zwei Stimmen, ich baue aus primitivstem Stoff“, hat der zurückgezogen lebende Komponist über sich selbst einmal gesagt. „Dieser eine Ton, die Stille oder das Schweigen beruhigen mich. Mit dem Tintinnabuli möchte ich gewissermaßen unterstreichen, dass die Wahrheit Gottes ewig währt, ich möchte sagen, dass sie einfach ist. Man möchte direkt zu ihr hingehen.“ Dabei hat auch Pärt einige Umwege auf sich nehmen müssen, um zu diesem direkten Weg zu finden. Wohl nicht zufällig folgte die Entwicklung seines kompositorischen Stils auf die Konversion zur russisch-orthodoxen Konfession in einer großen Lebenskrise zu Beginn der 1970er Jahre.

Der damals bereits in allen wesentlichen zeitgenössischen Kompositionstechniken erfahrene Pärt hüllte sich jahrelang in Schweigen, um sich mit Studien zur Gregorianik und zur frühen Vokalpolyphonie den Anfängen der Kirchenmusik zuzuwenden. In ihnen fand er einen Weg, geistliche Gehalte auszudrücken, der weder der losgelösten Rationalität in manchen Kompositionsströmungen der Nachkriegsmoderne folgte noch der Biederkeit oder der reaktionären Neoromantik mancher neuerer geistlicher Musik verfiel, eine Musik von mystischer Tiefenwirkung, die nach mathematischen Prinzipien gleichzeitig vollständig rational gedacht ist. Pärts Musik vereint auf ihre ganz eigene Weise, was in der Gegenwart häufig gegeneinander ausgespielt wird: Zugänglichkeit und einen hohen konstruktiven Anspruch, ein dienendes Verhältnis gegenüber den vertonten Texten und eine eigene, sofort wiedererkennbare kompositorische Handschrift, eine deutliche christliche Intention und eine hohe Anziehungskraft auch für säkulare Zeitgenossen. Unter den lebenden Komponisten aus dem klassischen Bereich gilt Pärt heute als der weltweit am meisten aufgeführte. Popmusikhörer entdecken ihn ebenso für sich wie eher klassisch orientierte, bei vielen Künstlern anderer Kunstgattungen genießt er ebenso Wertschätzung wie in kirchlichen Kreisen.

Im vergangenen Jahr überreichte ihm Papst Franziskus im Vatikan als erstem Künstler den Preis der Stiftung „Joseph Ratzinger – Benedikt XVI.“. Darin fand auch die besondere Wertschätzung Benedikts XVI. ihren Ausdruck, der Pärt 2011 als Mitglied in den Päpstlichen Kulturrat berufen hatte. Bei der Preisverleihung begleitete Pärt selbst auf einem Ratzinger gehörenden Flügel das deutschsprachige „Vater unser“, das er zum 60. Jahrestag von dessen Priesterweihe komponiert hatte. Zur Eröffnung des neuen Arvo Pärt Centre sandte Benedikt XVI. denn auch einen Brief an Pärt, der beim Eröffnungskonzert vor wenigen Tagen verlesen wurde. Er hoffe von Herzen, schrieb der emeritierte Papst, „dass das neue Zentrum in Laulasmaa sein Ziel erreichen wird, die künstlerische Kreativität und die kulturelle Begegnung zu befördern, in Übereinstimmung mit der hohen spirituellen Inspiration, die Ihre persönliche Suche und Ihre wunderbare musikalische Produktion immer beseelt hat“.

Tatsächlich gehen die Ziele des Arvo Pärt Centre weit über eine bloße Verwaltung des Erbes hinaus; man will seine Inhalte hier auch aktiv an die kommenden Generationen weitergeben. Die Archivbestände werden gerade sukzessive von den Mitarbeitern digitalisiert, so dass Forscher und Musiker in Zukunft an den Rechnern in der Bibliothek Einblick nehmen können. Bislang wenig mit Pärts Werk Vertraute werden über eine Ausstellung, einen Film und einen Audioguide herangeführt, womit das Arvo Pärt Centre eine Mittelstellung zwischen Archiv und Komponistenmuseum einnimmt. Man will von hier aus stilprägend auf die künftige musikalische Interpretation von Pärts Werk wirken, in Meisterklassen, Symposien und Vorträgen sollen auch umfassendere musikalische, geistige und geistliche Themen aus seinen Impulsen aufgegriffen werden. Herzstück des Hauses ist der 150 Plätze umfassende Konzertsaal, der wie der ganze Innenausbau aus hellem Holz besteht. Das Zentrum integriert sich mit seinen Materialien behutsam in die estnischen Kiefernwälder, unter deren hohen Baumkronen es fast versteckt liegt. Es drängt sich nicht auf, sondern harrt der Besucher abseits der Hauptstadt Tallinn, in einer abwartenden Freundlichkeit, die man auch als Grundzug von Pärts Musik beschreiben könnte. In den abgerundet ineinander übergehenden Formen des dreiflügeligen Baus sehen die Architekten Enrique Sobejano und Fuensanta Nieto auch ein Ewigkeitsmoment, er sollte quasi keinen Anfang und kein Ende haben. Daneben hat das spanisch-deutsche Architekturbüro, dessen Entwurf sich unter 71 internationalen Einsendungen durchsetzte, einen himmelwärts strebenden Turm erbaut, von dessen Spitze man einen weiten Ausblick hinaus aufs Meer hat. Er war ein persönlicher Wunsch von Pärt, wie die Kapelle, die leicht quer in einem der Innenhöfe steht, als habe man sie dort schon vorgefunden und das ganze Zentrum um diesen geistlichen Kern herumbauen müssen. Gewidmet ist sie dem heiligen Siluan, der als russischer Einsiedler auf dem Athos lebte, sowie Sophroni Sacharow, Siluans Schüler und Biograph, der in England ein orthodoxes Kloster gegründet hat und mit Pärt selbst in engem Kontakt stand.

Dass Arvo Pärt nun zu Lebzeiten ein Museum bekommt, dass sein Nachlass Wand an Wand mit dem Urheber aufbereitet wird, könnte bei manchem Künstler leicht makaber wirken. Vermutlich nicht für Pärt, der die feste Hoffnung hegen dürfte, dass er einst nicht nur in seinen Werken weiterleben wird. Ausdruck verliehen hat er ihr unter anderem in seinem jüngsten Werk, das beim Eröffnungskonzert als estnische Erstaufführung zu hören war. Es ist Konrad Veem gewidmet, dem ehemaligen Erzbischof der evangelischen estnischen Exilkirche, die zu Sowjetzeiten mit Pärt das Schicksal der Verbannung teilte. Pärt vertont darin eine Passage aus der Offenbarung des Johannes: „Und ich hörte eine Stimme vom Himmel her rufen: Schreibe! Selig die Toten, die im Herrn sterben, von jetzt an; ja, spricht der Geist, sie sollen ausruhen von ihren Mühen; denn ihre Werke begleiten sie.“ Es ist der Ruf, den auch Pärt gehört hat und dem er gefolgt ist: „Schreibe!“ Und auch ihn werden seine Werke begleiten.

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