Mühe, Arbeit, Inspiration

Das Weihnachtsfestgeheimnis hörbar zu machen, ist für Komponisten aller Zeiten und Länder eine ganz besondere Aufgabe. Gibt es doch eine innere Nähe der Fleischwerdung des Wortes zur Klangwerdung bei der Musik. Ein Blick auf die Meister der Vergangenheit, gestützt auf eigene Erfahrungen. Von Ludger Stühlmeyer
Chor bei der Probe
Foto: dpa | Vor dem musikalischen Aufführungserfolg ist Arbeit und Geduld angesagt. Das wissen Chöre, aber auch geistliche Komponisten.
Chor bei der Probe
Foto: dpa | Vor dem musikalischen Aufführungserfolg ist Arbeit und Geduld angesagt. Das wissen Chöre, aber auch geistliche Komponisten.

Als Kind ist jeder ein Künstler, die Schwierigkeit liegt darin, als Erwachsener einer zu bleiben.“ Was Pablo Picasso über die Malerei gesagt hat, gilt in gleichem Maße für die klingende Kunst der Komposition. Auch bei ihr ist es nicht mit dem intuitiven Zugang zur Materie, der freilich ein unerlässlicher Schlüssel ist und deshalb in der, wenn möglich, frühkindlichen Musikerziehung, sorgfältig behandelt und im Bewusstsein gehalten werden sollte, getan. Komposition ist eine, zumindest in den Grundlagen, erlernbare Technik, die sich je nach Epoche ändernden, aber grundsätzlich zu beachtenden Gesetzen folgt, deren Kenntnis unerlässlich ist, will man sie ausweiten oder überschreiten. Dabei geht es weniger darum, ob der Hörer einen Fehler, wie etwa eine Quint- oder Oktavparallele im strengen Satz, bemerken würde oder nicht, sondern vielmehr um das, was ein Handwerker mit dem Begriff Ehre umschreiben würde. Ein morsches Holzfenster zu überstreichen ist möglich, aber ein guter Maler würde es nicht tun. Dasselbe gilt auch für die Musik.

Kenntnis des Tonsatzes ist nicht für jeden hör- und nachvollziehbar. Und dennoch kann man nicht auf sie verzichten, nur weil eine weniger qualifizierte oder einfach nicht entsprechend ausgebildete Mehrheit es nicht bemerken würde. Inspiration ist ebenso notwendig wie technische Fertigkeiten, doch gilt für sie, was Picasso sagte:„Die Inspiration existiert, aber sie muss dich bei der Arbeit finden.“ Komponisten haben ein ganz eigenes Ohr für die Werke ihrer Kollegen, ist ihnen doch mehr als anderen bewusst, welche Arbeit – hier könnte man besser das lateinische Wort labor verwenden, das zugleich Mühe und Arbeit bedeutet – sich hinter der scheinbaren Leichtigkeit verbirgt, die das Ergebnis eines langen kreativen Prozesses ist.

In der Musikgeschichte gibt es viele Beispiele für die intensive Auseinandersetzung von Komponisten mit den Werken ihrer Kollegen. Johann Sebastian Bach studierte Komposition, indem der die Werke anderer Tonsetzer abschrieb und sich auf diese Weise intensiv mit ihnen auseinandersetzte, ein Vorgehen, dass er auch beibehielt, als er längst seinen eigenen Stil gefunden hatte. Ludwig van Beethoven studierte mit Begeisterung Bachs Opus das „Wohltemperierte Klavier“, obwohl und gerade weil die Kompositionen seiner Zeit bereits anderen Gesetzmäßigkeiten folgten, und wurde ein ausgezeichneter Bachinterpret. Bei Komponisten, die sich der Schaffung kirchenmusikalischer Kompositionen widmen, kommt ein weiteres hinzu: der Glaube. Wer keine lebendige Verbindung zu Gott pflegt, nicht regelmäßig Liturgie feiert und beten allenfalls im Wald erledigt, kann keinen Zugang zum Geheimnis des Glaubens finden und es folglich auch nicht zum Klingen bringen. Gottlob gibt es zahlreiche kirchenmusikalische Kompositionen, in denen genau dies zusammenkommt: Inspiration, technische Fertigkeit und ein klanggewordener Glaube.

Das Weihnachtsfestgeheimnis hörbar zu machen ist für Komponisten eine besonders inspirierende Aufgabe, denn die Fleischwerdung des Wortes hat eine innere Verwandtschaft mit der Klangwerdung, die am Ende des oft langen Weges einer Komposition steht. Beispielhaft hierfür ist der Introitus des Weihnachtsfestes „Puer natus est“, ein Kind ist uns geboren. Die scheinbare Einfachheit der einstimmigen Choralmelodie erweist sich bei näherer Betrachtung als komplex gewebter Klang des Wortes. Der Introitus beginnt mit einer Quintbewegung auf dem Wort Puer, deren oberer Ton sogleich wiederholt wird. Diese auch tonal raumgreifende Eröffnung macht die Dimension des Ereignisses deutlich, das hier verkündet werden soll. Das Wort natus, geboren, erklingt in einer wiegenden Tonbewegung, die auf das Wort est, er ist, zusteuert. Hier wird es für interessiert mitlesende Komponisten und Zuhörer richtig spannend, denn für das Wort „ist“ verwendet der Schöpfer des Introitus dreimal denselben Ton.

Diese dreimalige Wiederholung wird heute wieder genauso gesungen wie im Mittelalter. Sie repräsentiert das Erzittern des vom Geheimnis der Gottesgeburt überwältigten Menschen. Doch das „Puer natus est“ bleibt nicht bei diesem Istzustand stehen, der Komponist lässt den Gesang nun in eine höherwerdende wellenförmige Melodie über dem Wort nobis, uns, einmünden, die deutlich macht, wie unbegreiflich, wie die Verstandeskräfte übersteigend es ist, dass Gott ausgerechnet für uns Mensch wurde. Die Deutung lässt sich weiterführen, denn über den Worten „et filius datus est nobis“, und ein Sohn ist uns geschenkt, intensiviert die Melodie die Aussage, indem sie ähnliche Mittel wieder aufgreift. Sie beginnt erneut mit einer aufsteigenden Quinte, die die verstärkende Wirkung des „et“ unterstreicht und zeichnet über Filius in einer dreitönigen, zweitönigen und mit einem Einzelton endenden Notenfolge das Herabsteigen des eingeborenen Sohnes des Vaters in die irdische Wirklichkeit nach, der uns gegeben ist – „datus est nobis“, wie es mit der die innere Bewegung des Singenden widerspiegelnden Tonwiederholung auf datus mit der das Zögern, das „Ist dieses Geschenk wirklich für mich“ zu sagen scheint, durch die Aufeinanderfolge von einem durch ein Betonungszeichen das fragende Innehalten ausdrückenden Einzeltons und einer darauf folgenden flüssigen Zweitonbewegung ausgedrückt ist. Geistliche Musik ist wesentlich wortgebunden. Die frühe Kirche kannte keine Instrumentalmusik, die Kirchenväter legten Musikern, die Christen wurden, sogar nahe, ihren Beruf aufzugeben, da er sie allzu oft nötigte, an heidnischen Ritualen teilzunehmen. Auch die Orgel, deren Klänge heute selbst Fernstehenden als Signallaut gelten, der auf den christlichen Gottesdienst verweist, fand erst in der Gotik Eingang in die Kirchen. Ihr Einsatz erfolgte zunächst alternierend mit der unbegleitet singenden Gemeinde. Erst nach und nach wird sie auch zum Begleitinstrument für die Lieder des Gottesdienstes. In der Barockzeit ist sie zumindest im Bereich großer kirchenmusikalischer Werke der Weihnachtszeit ein fester Bestandteil der Besetzung. Grundgedanke dieser Werke ist die Verkündigung.

Deshalb lässt Heinrich Schütz in seiner „Historia der Geburt Jesu Christi“ den Inhalt der Geburtsgeschichte im seinerzeit beliebten, auf dramatische Wirkung abzielenden italienischen Stil des Secco-Rezitativs erzählen. Instrumente werden den singend handelnden Personen gemäß ihrem Charakter zugeordnet. Der Engel, von einer Sopranistin dargestellt, wird von zwei Geigen begleitet, während das klassisch bukolische Instrument, die Flöte, den Hirten und die machtvoll erschallenden Trompeten König Herodes zugeordnet sind. Wie ernst Musik als Mittel der Verkündigung im protestantischen Gottesdienst genommen wurde zeigt, dass Schütz' Weihnachtshistorie 1660 in Dresden als Evangelium musiziert wurde. Komponieren gehörte in der Barockzeit zum Kerngeschäft der Kantoren beider Konfessionen. Von Bach wurde erwartet, dass er an jedem Sonntag des Kirchenjahres eine Evangelienkantate präsentierte. Dass es unter solchen Umständen nicht ganz ohne Copy and paste ging, ist verständlich, dennoch ist die Leistung des Thomanerkantors, seines Chors und seiner Instrumentalisten bemerkenswert.

Sein heutzutage komplett oder in diversen Dreierkombinationen präsentiertes sechsteiliges Weihnachtsoratorium wurde erstmals 1734 in den sechs Gottesdiensten zwischen dem ersten Weihnachtstag und dem Fest der Erscheinung des Herrn aufgeführt. In seiner Kombination aus festiven Chören zur Eröffnung und am Schluss jeder Kantate, Rezitativen, die den Text der jeweils festbezogenen Evangelien verkünden, Weihnachtschorälen und Arien ist es formal den oratorischen Passionen ähnlich, geprägt durch die barocke Tonbildsprache, die das Geschehen plastisch vor Augen treten lässt und wie maßgeschneidert wirkt, obwohl einzelne Teile des Oratoriums anderen Werken entnommen sind.

In der Romantik werden große kirchenmusikalische Werke über die Kirche hinaus auch im Konzertsaal präsentiert. In der Moderne setzt sich diese Entwicklung insofern fort, als Komponisten sakraler Musik wie Olivier Messiaen geistliche Themen auch in nichtliturgischen Instrumentalwerken verarbeiten. Ein beeindruckendes Beispiel sind seine „Vingt Regards sur l'Enfant Jésus“ für Klavier. Aus zwanzig Perspektiven richtet der Komponist in diesem Werk den Blick auf das Jesuskind. Beginnend mit dem Blick des Vaters, bezieht er mit dem Blick des Sternes die Schöpfung ein, lässt den erwachsenen Jesus auf seine Geburt zurückschauen, wählt die Perspektive des Kreuzes, lässt die Hörer mit den Augen des Engels schauen, wagt den Blick des Schweigens, schlägt mit dem Blick der Zeit eine Brücke durch die Jahrhunderte und mündet in den Blick auf die Kirche der Liebe. Die Quellen, aus denen Messiaen seine Inspiration schöpfte, sind vielfältig. Er las, um sich auf diese Komposition vorzubereiten, nicht nur die Texte der Evangelien und des Missale Romanum, sondern auch des Mystikers Johannes vom Kreuz, des schauenden und komponierenden Theologen Thomas von Aquin, des seligen Benediktinerabtes Columba Marmion und der Kirchenlehrerin Therese von Lisieux. Ähnlich wie bei Bach spielt auch bei Messiaen die Symbolik der Zahlen eine große Rolle. Nicht zufällig stehen die Blicke des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes an 1., 5. und 10., der Blick des Kreuzes an 7. und der des Engels an 14. Stelle.

Musik ist seit Jahrhunderten eine Brücke zwischen den Kulturen. Heute nutzen viele Komponisten bewusst die Klangwelten anderer Länder und Kontinente, um den harmonischen Zusammenklang von Menschen aus verschiedenen Nationen erlebbar zu machen. Der walisische Komponist Karl Jenkins verbindet in seinen geistlichen Chorwerken afrikanische Rhythmen mit traditionellen Melodien der anglikanischen Liturgie und der osteuropäischen Gesangstechnik der white voices. Thomas Gabriel konzipierte seine Missa mundi als eine Verbindung aus den fünf Teilen des Ordinarium missae mit ebenso vielen Chorsätzen, die in Stil, Form und Inhalt die fünf Erdteile repräsentieren: Polyphonie a la Bach im Kyrie, südamerikanische Quenas, Zamponas und Charangos im Gloria, eine indische Sitar im Credo, afrikanische Trommeln im Sanctus und ein australisches Didgeridoo im Agnus Dei. Die Menschwerdung Gottes und ihr Echo in der geistlichen Musik aller Jahrhunderte lehrt vor allem eins: die Liebe Gottes sprengt alle Grenzen, verbindet, was getrennt ist und zeigt Perspektiven auf, die zuvor undenkbar gewesen wären. Das ist die Botschaft von Weihnachten.

Der Autor hat Kirchenmusik, Alte Musik und Gesang an der Hochschule für Künste der Hansestadt Bremen sowie Theologie, Philosophie und

Musikwissenschaft an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster studiert, wo er an der philosophischen Fakultät promoviert wurde. Komposition studierte er bei Günther Kretzschmar (Bremen), Karlheinz Stockhausen (Köln) und Hege Jung (Berlin). Er ist Stadt- und Dekanatskantor in Hochfranken sowie Dozent und Mitarbeiter des Erzbischöflichen Amtes für Kirchenmusik in Bamberg.

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