Philosophie

Mendelssohn hat von der Aufklärung geträumt

Respekt vor Christen: Die Moses Mendelssohn-Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin.
Moses Mendelssohn
Foto: Jüdisches Museum Berlin/ Roman März | Der Philosoph und Talmudgelehrte Moses Mendelssohn verstand die Aufklärung als Befreiung von Esoterik und Aberglauben, mit denen wahre Religion nichts zu tun habe.

Die Aufklärung triumphierte im Zynismus; Mendelssohn führte sie zur Höhe neuer Religiosität.“ (Schriftsteller Otto Zarek, 1936)

Während auf der diesjährigen Kasseler Documenta – immerhin die weltweit renommierte Ausstellung zeitgenössischer Kunst –immer neue antisemitische „Kunstwerke“ entdeckt werden, die zu inzwischen recht lauten Forderungen nach einem Abbruch der Schau geführt haben, gilt es im Jüdischen Museum Berlin wesentlich unspektakulärer eine jüdische Geistesgröße des 18. Jahrhunderts wiederzuentdecken, die in sich all das vereinte, was wir heute mit dem liberalen Judentum verbinden, inklusive aller Widersprüche.

Er vermittelte zwischen Vernunft und Glauben

Der 1729 in Dessau geborene und 1786 in Berlin gestorbene Philosoph, Übersetzer, Talmudgelehrte, Publizist, Literaturkritiker, Ästhetiker, Seidenkaufmann, auch Mathematiker, Psychologe und Metaphysiker Moses Mendelssohn lässt sich nicht in eine Ecke drängen und schon gar nicht vereinnahmen, versuchte er doch nichts weniger als die Synthese von Vernunft und Glauben zu vermitteln – Aufklärung und Religion nicht als Gegensätze, sondern als sich ergänzende Grundlagen eines erfüllten geistigen Lebens; die Religion und Vernunft verbindende Spiritualität seiner Aufklärung.

Bereits bei dem aus bescheidenen Verhältnissen stammenden Kleinkind zeigt sich die Hochbegabung, die von den Eltern früh erkannt und gefördert wird. Der Vater bringt dem Jungen neben dem häuslichen Jiddisch auch Hebräisch und Aramäisch bei, und schon als zehnjähriger soll Moses herausragende Kenntnisse des Talmud besessen haben.

„Mendelssohn ist gar kein einheitlicher Mensch ... Er ist unbegreiflich für die Zeitgenossen.
Wie sollten sie begreifen, dass hier nicht ein Mensch vor ihnen stand, sondern zwei.
Beide dabei ohne Bewusstsein. Mendelssohns Treue war ebenso bewusstlos
wie seine Abtrünnigkeit.“

Das schüchterne und kränkliche Kind lernt Tag und Nacht, beseelt von eisernem Willen und ohne Rücksicht auf körperliche Gesundheit. Der Junge stottert, bleibt kleinwüchsig und bekommt einen Buckel – seinem Selbstbewusstsein tut es keinen Abbruch, sein wacher, vielfältiger Geist und sein großes Herz überstrahlen die physischen Malaisen.

Im selben Jahr wechselt der junge Mendelssohn in die Klasse des Dessauer Oberrabbiners David Fränkel (1707–1762), eines einflussreichen Gelehrten, der nach fast 200 Jahren den „Führer der Unschlüssigen“, ein Hauptwerk des bedeutenden jüdischen Philosophen Maimonides (1138–1204), neu herausgab, dessen Studium den jungen Moses stark prägt.

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Unstillbare Bildungsdrang

Der 14-jährige folgt seinem Lehrer an die neugegründete Talmudschule nach Berlin und lernt dort auch Deutsch, Latein, Englisch und Französisch. Früh interessiert sich Moses für Philosophie und begeistert sich für die Schriften von John Locke und Gottfried Wilhelm Leibniz. Nach sieben Jahren als „Bettelstudent“ wird er 1750 von dem Seidenhändler Bernhard Isaak als Hauslehrer für seine Kinder eingestellt und beginnt 1754 als Buchhalter in dessen neu gegründeter Seidenfabrik. In dieser Zeit lernt er Gotthold Ephraim Lessing (1729–1781) kennen, der zu einem lebenslangen Freund wird. Lessing vermittelt die Bekanntschaft mit dem Verleger Friedrich Nicolai (1733–1811), der für die Veröffentlichung und damit Verbreitung von Mendelssohns Texten sorgt. Moses tritt dem Debattier-Verein „Gelehrtes Kaffeehaus“ und dem „Montagsclub“ (einem Verein der Berliner Aufklärung) bei und lernt dort sowohl das Diskutieren gegensätzlicher Auffassungen als auch, sich in seine Kontrahenten hineinzuversetzen.

1762 heiratet Mendelssohn die aus einer Bankiersfamilie stammende Fromet Gugenheim – es ist eine damals eher unübliche Liebesheirat. Das Ehepaar begründet eine weltweit bekannte Familiendynastie; eines der sechs überlebenden Kinder ist Abraham, der Vater von Fanny Hensel und Felix Mendelssohn-Bartholdy.

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Mit der Vernunft gegen weltanschauliche Schwärmerei

Das 18. Jahrhundert ist eines des Übergangs, Naturkatastrophen und Religionskriege erschüttern die alten Glaubenssätze – so weckt das katastrophale Erdbeben von Lissabon 1755 Zweifel an der himmlischen Gerechtigkeit –, man öffnet sich den rationalen Argumenten der Aufklärung.

Dass sich der gläubige Jude Moses Mendelssohn für die Aufklärung begeisterte, erscheint nicht nur aus heutiger Sicht als Widerspruch, er verstand die Aufklärung aber als Befreiung von Esoterik und Aberglauben, mit denen wahre Religion nichts zu tun hat:

„Wir träumten von nichts als Aufklärung, und glaubten durch das Licht der Vernunft die Gegend so aufgehellt zu haben, daß die Schwärmerey sich gewiss nicht mehr zeigen werde. Allein wie wir sehen, steiget schon, von der andern Seite des Horizonts, die Nacht mit allen ihren Gespenstern wieder empor. Das Fürchterlichste dabey ist, daß das Uebel so thätig, so wirksam ist. Die Schwärmerey thut, und die Vernunft begnügt sich zu sprechen.“ (Moses Mendelssohn an Johann Georg Zimmermann, 1784)

Gegenseitige Toleranz eingefordert

Als Prediger für Toleranz achtet er selbstverständlich das Christentum, erwartet aber von Christen dieselbe Haltung zu den Juden. 1770 wurde Mendelssohn von dem Schweizer Pfarrer Johann Caspar Lavater öffentlich aufgefordert, entweder in aller Form das Christentum zu widerlegen oder selber Christ zu werden, was für Moses überhaupt nicht in Frage kam und zu einer öffentlichen Auseinandersetzung zwischen Mendelssohn und Lavater führte. Diese erforderte infolge der heiklen Sachlage – die Juden lebten knapp geduldet in einer mehrheitlich christlichen Gesellschaft und Mendelssohn wurde als ihr Sprecher und Vertreter betrachtet – viel Takt, Geschick und Kraft.

In sieben Räumen und einem Séparée, in dem der DDR-Film „Freunde in Preußen“ von 1981 angesehen werden kann, bringt die von Inka Bertz und Thomas Lackmann in Zusammenarbeit mit der Mendelssohn-Gesellschaft kuratierte Ausstellung diese Fülle von Lebens-Aspekten eines Mannes, der nur 56 Jahre alt wurde, zum Klingen.

Alltagsgeräusche machen die Epoche anschaulicher

Im wahrsten Sinne des Wortes – die etwa 350 Exponate werden dezent akustisch untermalt von Natur- oder Straßengeräuschen und Stimmengewirr und verstärken die sinnliche Wahrnehmung, die bei Porträtausstellungen nicht selbstverständlich ist.

Schon im Treppenhaus springen den Besuchern schlagwortartige Sätze von den Wänden an, die den aktuellen Bezug herstellen und verdeutlichen sollen, dass die Mendelssohnschen Anliegen auch nach 300 Jahren nichts an Aktualität verloren haben.

Die ästhetisch gestalteten Räume geleiten durch Leben und Werk Moses Mendelssohns, „Von Dessau nach Berlin“ über „Aufklärung und Verdunkelung“, „Religion“ bis zu „Menschenrechte“, „Bestimmung des Menschen“ und „Was wird aus Moses Mendelssohn?“

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Verewigt in Gemälden, Zeichnungen und Büsten

Neben zahlreichen Dokumenten, Briefen, Urkunden und persönlichen Gegenständen legt man hier viel Wert auf die unterschiedlichen Porträts, die von Mendelssohn angefertigt wurden, in Form von Gemälden, Zeichnungen, Büsten und Karikaturen, die sprechende Dokumente ihrer Zeit sind und auch etwas über ihre Schöpfer und ihr Verhältnis zum Dargestellten aussagen. Titel und Beschriftungen ebnen den Zugang zu einer immens komplexen Persönlichkeit mit all ihren Facetten und Widersprüchen – wie der jüdische Historiker und Philosoph Franz Rosenzweig 1920 feststellte:

„Mendelssohn ist gar kein einheitlicher Mensch ... Er ist unbegreiflich für die Zeitgenossen. Wie sollten sie begreifen, dass hier nicht ein Mensch vor ihnen stand, sondern zwei. Beide dabei ohne Bewusstsein. Mendelssohns Treue war ebenso bewusstlos wie seine Abtrünnigkeit.“

Am Ende die Freunde und Feinde des Philosophen

Zum Abschluss der Ausstellung werden unter dem Thema „Freunde und Feinde“ all die entgegengesetzten Meinungen bedeutender und nicht so bedeutender Personen unterschiedlicher historischer Phasen zu Moses Mendelssohn auf einen Raumteiler projiziert, von Hannah Arendt („Der erste assimilierte Jude ist Moses Mendelssohn, und er ist auch der erste, der charakteristische Züge eines Intellektuellen trägt“) über Karl Marx („Dieser Urtyp eines Seichtbeutels“) bis Carl Schmitt („Mendelssohn hat vom Staat Gewissensfreiheit verlangt; mit dem unbeirrbaren Instinkt dafür, dass eine solche Aushöhlung der Macht zur Emanzipation des eigenen jüdischen Volkes am besten dient“); daraus mag man sich sein eigenes Bild zusammenstellen – ein faszinierendes ergibt sich allemal. Wer die Ausstellung nicht besuchen kann, ist mit dem ausgezeichneten Katalog bestens bedient.


– „Wir träumten von nichts als Aufklärung“ – Moses Mendelssohn, bis 11. September 2022. Jüdisches Museum Berlin,
Lindenstraße 9-14, 10969 Berlin. Eintritt 8,– Euro, ermäßigt 3,– Euro.

– Katalog mit Beiträgen von Inka Bertz und Dr. Thomas Lackmann. Wienand Verlag Köln 2022, 248 Seiten, EUR 29,80

www.jmberlin.de

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