Mehr als ein Spaßmacher des Weltgeistes

Vor 100 Jahren starb der Dichter Christian Morgenstern. Von Stefan Meetschen
Foto: IN | Der Schriftsteller Christian Morgenstern.
Foto: IN | Der Schriftsteller Christian Morgenstern.

„Es war einmal ein Lattenzaun, mit Zwischenraum, hindurchzuschaun“, so beginnt eines der berühmtesten Gedichte von Christian Morgenstern, dessen Todestag sich am 31. März dieses Jahres zum 100. Mal jährt. Groteske Verse mit Doppel- und Hintersinn, die aus den „Galgenliedern“ stammen, einer Sammlung von Gedichten, die viele Musiker und Maler zu künstlerischen Bearbeitungen inspiriert haben.

Morgenstern, darin besteht in der Literaturwissenschaft (aber auch unter zeitgenössischen Dichtern wie etwa Robert Gernhardt) Einigkeit, ist neben Klabund (1890–1928), Joachim Ringelnatz (1883–1934) und Kurt Tucholsky (1890–1935) einer der ganz großen deutschen Humor- und Gedankenlyriker des frühen 20. Jahrhunderts. Ein Meister der kleinen Form, ein „Spaßmacher des Weltgeistes“, wie man zu seinen Lebzeiten zu sagen pflegte.

Dabei wird von vielen, die den Dichter kennen, oft vergessen, dass Morgenstern, der am 6. Mai 1871 als Sohn des Landschaftsmalers Carl Ernst Morgenstern und dessen Frau Charlotte in München zur Welt kam, mehr war, als lediglich ein unterhaltsamer Humorist und Aphorismen-Reißer. Er schrieb auch ernste, geradezu mystische Gedichte („Ich und Du“, „Einkehr“), wie er überhaupt ein vielseitiger Geist war. Sei es als Kultur-Journalist, Lektor und Dramaturg in Berlin, sei es als Übersetzer der Werke August Strindbergs (1849–1912) und Henrik Ibsens (1828–1906). Die ganz große Leidenschaft des früh an Tuberkulose Erkrankten (was ihn 1893 zum Abbruch des Studiums der Volkswirtschaft und der Rechte in Breslau zwang) aber war die Suche nach dem Sinn, nach der Wahrheit des Lebens.

Ob Fjodor Dostojewski und Tolstoi, Jakob Böhme und Spinoza, Fichte und Hegel – kein Sanatoriums-Aufenthalt Morgensterns verlief ohne intensive Lektüreerlebnisse, doch das große geistige Bekehrungserlebnis sollte sich für Morgenstern kurz nach der Verlobung mit Margareta von Liechtenstern zutragen: die Begegnung mit den Schriften des Theosophen und späteren Gründers der Anthroposophie, Rudolf Steiner. Der familiär wurzellose Morgenstern (der frühe Tod der Mutter und die einhergehende Entfremdung vom Vater hatten ihn tief geprägt) verfiel dem Steinerschen Dämon vollkommen.

Trotz fortgeschrittener Schwächung durch die Tuberkulose reiste Morgenstern mit Margareta von Liechtenstern, die er 1910 heiratete, nach Düsseldorf, Koblenz, Kassel und München, nur um sein Idol zu hören. Später, als das Paar sich in Arosa niederließ, bat er seine Frau, die Vorträge Steiners zu besuchen und ihm von den Ausführungen zu berichten. Nicht im Scherz, sondern mit glühendem Ernst verfasste der erkrankte Morgenstern einen Brief, in dem er Rudolf Steiner für den Friedensnobelpreis vorschlug. Abgeschickt hat er diesen Brief jedoch nicht. Dafür wurde er Mitglied in der Anthroposophischen Gesellschaft. Seiner Gesundheit genützt hat der Beitritt nicht. Anfang 1914 versuchte Morgenstern, in das Sanatorium in Arco, Südtirol, aufgenommen zu werden, das jedoch ablehnte, weil sein körperlicher Gesundheitszustand bereits als hoffnungslos eingeschätzt wurde. In Meran fand er eine letzte Bleibe und beendete die Arbeit an der Gedichtsammlung „Wir fanden einen Pfad“, wo es in einem Gedicht heißt: „Ich bin aus Gott wie alles Sein geboren, ich geh im Gott mit allem Mein zu sterben, ich kehre heim, o Gott, als Dein zu leben.

Erst wurde ich aus Deinem Ich gegeben, dann galt es dies Gegebne zu erwerben,

Dir als ein Du es Brust an Brust zu heben.“ Tiefe Gedanken, deren geistiges Fundament jedoch, wie man sich leicht denken kann, die Steinersche Lehre bildete. Zum Glauben an Christus, als den Auferstandenen und Erlöser, gelangte Christian Morgenstern nicht.

Nach der Einäscherung ging seine Urne auf die Reise. Sie gelangte nach Dornach ins „Goetheanum“, zur Hauptzentrale der Anthroposophen. Rudolf Steiner persönlich setzte sich dafür ein. Seit 1992 ist die Urne Morgensterns auf dem dortigen Gelände beigesetzt und natürlich wird Morgenstern in anthroposophischen Kreisen bis heute als prophetischer Seher und lyrischer Visionär verehrt. Wem derartige Einrichtungen und Hymnen zu entlegen sind, sollte aber wissen: Pünktlich zum 100. Todestag wird in Werder an der Havel das erste Christian-Morgenstern-Literaturmuseum eröffnet. Dort kann man in aller Nüchternheit Bücher aus dem Besitz des Dichters bewundern, aber auch Neuausgaben seiner Werke. Denn das Interesse an Morgensterns leichten Gedanken zu tiefsinnigen Themen ist weiterhin ungebrochen. Zu Recht. Denn viele seiner Weisheiten („Schön ist eigentlich alles, was man mit Liebe betrachtet. Je mehr jemand die Welt liebt, desto schöner wird er sie finden“) sind einfach wahr und lassen sich nicht von einer Weltanschauung einzäunen.

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