Der Dicke Hund

Wenn man die Deutungsmacht über das Leben verliert

Viele ahnen es, manche wissen recht gut Bescheid und dennoch wird es wohl für beinahe alle erschreckend sein, wie detailliert die Datenkraken des Internet über die Nutzer und deren Leben informiert sind. Hier müsste sich etwas ändern.
Data mining
Foto: Elnur, imago-images | Wer sich im Internet bewegt, hinterlässt eine digitale Spur. Dienstanbieter sammeln diese Daten - nicht zum Nutzen der Menschheit, sondern um Marktanteile zu erkämpfen und Werbung zu treiben.

Darf es sein, dass die Technologierunternehmen aus dem Silicon Valley die Internetnutzer so genau kennen, dass sie aus den Internetdaten rekonstruierbar sind? Das ist längst der Fall – der gläserne Mensch ist Wirklichkeit geworden, sofern er ein normaler Internetnutzer ist.

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Wie Google, die wichtigste Datenbank aller Zeiten, die Gedanken der Menschheit der letzten zwanzig Jahre sammelte, hat das Projekt „Made to Measure“ zum Thema gemacht. Das Experiment wollte zeigen, wie das menschliche Alltagsleben komplett aus den Datensätzen von Google, Youtube, Facebook & Co. rekonstruierbar ist. Mehr als 100 Menschen haben ihre Daten bei den Unternehmen eingefordert und für das Experiment zur Verfügung gestellt, das nun in der ARD–Mediathek unter dem Titel „Made to Measure“ angesehen werden kann. Im Film geht es dann um die Doppelgängerin und das Original. Das Ergebnis des Experiments ist erschreckend. Die Doppelgängerin hat sich mit den Internetdaten völlig in die junge „Originalfrau“ hineinversetzt und sich, ohne ihr begegnet zu sein, deren Eigenschaften zu eigen gemacht. 

„Tränen flossen aus Entsetzen
über die Öffentlichkeit dieser intimen Details“

 

So wusste die Doppelgängerin, dass das Original in Athen geboren wurde, in England eine Konditorausbildung gemacht hat sowie weitere biographische Details. dass sie eine Essstörung hatte, im Internet nach Diäten und Kalorienproblemen suchte. Zwischendurch wird im Film erklärt, was das alles bedeutet, etwa dass es Google nicht darum ging, brauchbare Informationen ins Netz zu stellen, sondern Marktanteile zu gewinnen und Einnahmen maximieren zu können.

So erklärt die Originalfrau später, dass sie auch nach der geheilten Essstörung immer noch Werbung für Diäten im Internet bekam. Die Algorithmen kennen den Körper und sagen, dass man sich übergeben soll, um abzunehmen, schlagen „spirituelle Suche und sogar wirkungsvolle Jesus-Heilmethoden“ vor. Als sich die beiden Frauen dann doch gegenübersaßen, kam auch heraus, dass das Original im ersten Schwangerschaftsmonat Blutungen hatte und wohl das Kind verlor. Tränen flossen aus Entsetzen über die Öffentlichkeit dieser intimen Details. Das ist wirklich ein dicker Hund.

Die beinahe vollkommene Preisgabe der Identität

Soll einigen Unternehmen das Wissen überlassen bleiben, wer wir sind und was wir wollen? Dass es nicht wirklich um den Menschen geht, sondern nur um die Behauptung auf dem Markt, machte das Experiment deutlich. Denn wo existenzielle Hilfe gebraucht wird, versagt das System. Beispiele aus den Vereinigten Staaten: Immer wieder gibt es Einträge wie, wie kann ich eine Schießerei anzetteln, wie lasse ich meinen Arbeitsplatz hochgehen, wie kann ich Selbstmord begehen?

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Aber hierfür hat das Silicon Valley keine Rezepte parat. Eine der Testpersonen im Experiment hat solche Suchbegriffe aufgekauft und sie mit Anzeigen verbunden, um die Suche von Hilfe zu ermöglichen. Vieles wäre auf diesem Gebiet möglich. Hilfsangebote könnten scheinbar ausweglose Situationen retten. Aber das war bisher nicht das Ziel der Technologiefirmen. Stattdessen werden Systeme entwickelt, die aktiv in unser Leben eingreifen und es mit Werbung beeinflussen wollen. Die Datenspeicher erinnern sich besser an unser Leben als wir selbst und die Nutzer verlieren die Autorschaft über ihr Leben, indem eine Kopie angelegt wird. Hier sind dringend mehr Eingriffsrechte des Nutzers nötig.

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