Würzburg

Medien-ABC: T wie Tagesschau

Die „Tagesschau“ ist das Flaggschiff des deutschen Nachrichtenprogrammes. Ein Blick in die Geschichte und Gegenwart.
Die Tagesschau
Foto: Christian Charisius (dpa) | Die Tagesschau steht für professionellen Journalismus und ein Maximum an Informationsgüte. Das Bild zeigt die Moderatorin Linda Zervakis.

Der Westen reagierte prompt. Im Wettlauf der Systeme ging es schließlich darum, stets unter Beweis zu stellen, dass man mithalten konnte. Wenn man schon nicht den eigenen Vorsprung zu zeigen vermochte, so galt es doch zumindest, den Systemgegner angesichts eines gelungenen Coups nicht allzu lange triumphieren zu lassen. Genau fünf Tage nach der ersten „Aktuellen Kamera“ des DDR-Fernsehens strahlte das „Westfernsehen“ folgerichtig die erste „Tagesschau“ aus. Am 26. Dezember 1952 startete der bis heute redaktionell federführende NDR die Sendereihe, damals noch als NWDR. Die „Aktuelle Kamera“ gibt es nicht mehr, die „Tagesschau“ ist auch im Rentenalter von 67 Jahren – als älteste noch bestehende Sendung im deutschen Fernsehen – das Flaggschiff des hiesigen Nachrichtenprogramms. Einige meinen, sie sei über diese lange Zeit etwas in die Jahre gekommen. Dennoch kommt niemand an ihr vorbei, das zeigen die Quoten (die 20-Uhr-Ausgabe hat mit rund zehn Millionen Zuschauer einen Marktanteil von etwa einem Drittel), aber auch die zahlreichen Verweise anderer Medien auf das, was die „Tagesschau“ berichtet hat. Ihr Stellenwert scheint unbestritten.

Prinzipien: möglichst schlicht, möglichst präzise

Zumal freilich auch die altehrwürdige „Tagesschau“ mit der Zeit ging und die ARD nicht nur einen eigenen Spartenkanal („Tagesschau24“) und eine hochfrequentierte Website („Tagesschau.de“) mit dem Namen ihrer bekanntesten Marke gründete, sondern auch das Format selbst immer wieder Revisionen erlebte. Alles Neue wurde so behutsam eingeführt, dass das Prinzip möglichst schlichter Darbietung möglichst präziser Information erkennbar blieb, damit zugleich das Gefühl erhalten bleiben sollte, mit der „Tagesschau“ regelmäßig das Wichtigste vom Tage in einer Viertelstunde seriös, kompetent und – soweit das möglich ist – objektiv vermittelt zu bekommen, in einer unaufgeregten Sprache, deren Gleichförmigkeit den Menschen, einer Langzeitstudie aus den 1990er Jahren zufolge, Orientierung gebe, Sicherheit vermittle und Trost spende mit ihrer Botschaft, die Welt sei erklärbar.

Kritik: zu regierungsnah, zu tendenziös

Als Aushängeschild der ARD und damit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks insgesamt steht die „Tagesschau“ allerdings in der Kritik, gerade diese Tradition der Sachlichkeit verlassen zu haben. Moniert wird die zunehmende Eigenwerbung und die mittlerweile zum Standard gehörenden Dauerverweise auf das eigene Internetangebot. Es werden aber auch Vorwürfe laut, die „Tagesschau“ habe längst begonnen, tendenziös zu berichten, vor allem, wenn es um Schlüsselthemen wie Migration und Klimawandel, aber auch um stark polarisierende Themen wie Populismus und Kirchenpolitik geht. Das vor Jahresfrist ans Licht gekommene Framing-Manual, in dem Journalisten eine Handreichung zur verbalen Rahmung umstrittener Themen gegeben wird, haben diese Kritik lauter werden lassen. Neu ist sie unterdessen nicht: Bereits in den 1970er Jahren wurde den Machern der „Tagesschau“ vorgeworfen, zu regierungsnah zu sein und komplexe Themen tendenziös zu reduzieren oder – um der Klarheit willen – gleich ganz außen vor zu lassen. Hinzu kommen in den letzten Jahren immer wieder Vorwürfe wegen nicht erfolgter oder unzulänglicher Berichterstattung über Kriminalfälle sowie wegen einer zunehmenden Boulevardisierung der Themenwahl und -präsentation.

Trotz dieser Kritik ist die „Tagesschau“ unverzichtbar. Die weitestgehende Unabhängigkeit der ARD und ein professioneller Journalismus in der Redaktion garantieren ein Maximum an Informationsgüte als Basis für die eigene Vorstellung und Deutung dessen, was wirklich (passiert) ist. Mehr nicht. Mehr kann man aber auch nicht verlangen.

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