Pornographie

Sinnlichkeit gibt es nicht ohne Liebe

Die Abhängigkeit überwinden: Unter dem Motto „Pornografiekonsum und psychische Gesundheit“ veranstaltete „Safersurfing“ ein hochkarätiges Experten-Panel.
Pronofilter
Foto: Bernhard Classen, imago-images | Immer jüngere Kinder werden im Internet mit Porno konfrontiert. Wie man mit der daraus erwachsenden psychischen Probleme umgehen kann, erörterte ein Panel des österreichischen Vereins "Safersurfing" in ...

Ein 17-jähriger Abiturient hat in den letzten sechs Jahren seiner Pornoabhängigkeit alles gesehen, was das Internet an Pornografie zu bieten hat. Nun ist er in Therapie, denn ihn plagen homophobe sexuelle Zwangsgedanken, die zu Selbstmordgedanken führen. Damit nicht genug. Der Jugendliche ist sich seiner sexuellen Orientierung nicht mehr sicher und fühlt sich als Straftäter, da er zutiefst verstörende und gewalttätige Sexpraktiken virtuell erlebt hat.

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Ein trauriger Einzelfall? Von ähnlichen Situationen aus ihrem Psychotherapeuten-Alltag erzählten auch die weiteren vier geladenen Wissenschaftler, die an dem virtuellen Panel zum Thema „Pornografiekonsum und psychische Gesundheit“, veranstaltet vom österreichischen Verein „Safersurfing“ in Zusammenarbeit mit der Sigmund-Freud-Privatuniversität, als Sprecher eingeladen waren. Dass das Thema auf reges Interesse stößt, lässt sich an den Teilnehmerzahlen ablesen: Über 300 Personen nahmen an dem mehrstündigen Webinar teil. Wie wichtig es ist, auf die Probleme, die Internet-Pornografie mit sich bringt, hinzuweisen, zeigt allein die Tatsache, dass Internetsucht die Sucht ist, die weltweit am meisten zunimmt. 2019 hat die WHO zwanghafte sexuelle Störungen, zu denen die Pornografiesucht gezählt wird, als krankhafte Störung anerkannt. Michael Musalek, der ärztliche Direktor des Anton-Proksch Instituts Wien, zeigte die Gemeinsamkeiten der Online-Pornosucht mit der Drogensucht auf. Beide haben ein hohes Suchtpotenzial und führen schnell zum „Kick“, also zu einer positiven psychotropen Wirkung, allerdings mit einem schnellen Abfall.

 

Waren es bisher eher 50-Jährige mit wechselnden Partnerinnen, die oft eine schwere Kindheit erlebten und heimlich das Rotlichtviertel besuchten, die Hilfe bei Therapeuten suchten, sind es heute vermehrt „Digital Natives“. Die 25- bis 30-Jährigen, die mit dem Internet groß geworden sind, kommen mit Erektionsstörungen; oft geht „echter“, analoger Sex nicht mehr ohne die Einnahme von Viagra. Die Ursache: eine Sucht nach Pornografie. Doch nicht nur ein maßloser Konsum ist problematisch. Viele Kinder und Jugendliche erleben Traumatisierungen durch die aggressiven Bilder, mit denen sie bereits oft als Elfjährige zufällig am Handy in Berührung kommen. Noch bevor Teenager jegliche sexuelle Erfahrung gemacht haben, gehen sie davon aus, so performen zu müssen, wie sie es in den Pornos vorgezeigt bekommen.

Wie schützt man Kinder und Jugendliche nun am besten vor Internetpornografie? Die fünf Fachleute waren sich einig, dass es Schutz vor den Bildern in Form von Internetfiltern bedarf. Diese allein würden jedoch nicht jedes Vordringen der Pornos verhindern, da die Jugendlichen viel erotisches Material über Whatsapp oder Soziale Medien wie Instagram zu sehen bekommen. Deshalb dürfte das Reden und die Aufklärung über die Filme auf keinen Fall zu kurz kommen. Der Leiter des Instituts für Verhaltenssüchte an der Sigmund-Freud Privatuniversität, Dominik Batthyany, betonte, dass gesamtgesellschaftlich zu wenig über Pornografie gesprochen werde. Sucht und Sexualität wären große Schamthemen.

„Porno kann nicht gesund sein.“

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Zugleich gäbe es eine Angst vor einer Moralisierung und davor, als lustfeindlich zu gelten, wenn man vor Pornografie warne. Ein weiterer Punkt, der im Raum stand, war die Frage, ob Pornografiekonsum per se schlecht ist. Angesichts der negativen Folgen, die das Ansehen der Filme mit sich bringt, raten die Experten, mit Ausnahme von Heike Melzer, davon ab. Für die Neurologin macht die Dosis das Gift. Die Sexualtherapeutin ist der Ansicht, dass Pornografie, wie „eine gute Praline“, als Genussmittel dienen kann. Peter Stippl, der Präsident des Österreichischen Bundesverbandes für Psychotherapie, wandte ein, dass man nicht die Pornodarsteller vergessen dürfte. Hinter einer oft glänzenden Fassade verberge sich Zwang, Missbrauch der Darsteller und Gewalt. Sein Fazit: „Porno kann nicht gesund sein.“

Eine häufig aufkommende Frage des regen Austausches im Chatbereich unter den Teilnehmern des Webinars war, welche Therapieansätze angewandt werden. Hier stimmten die fünf Fachleute unisono zu, dass eines der Hauptprobleme der Sexfilme sei, dass der Trieb von der Liebe getrennt werde. Man müsste den Betroffenen vermitteln, dass Sex der Beziehung zu dienen hat, nicht die Beziehung dem Sex. Die Suchttherapie, so Batthyany, sei eine Spurensuche. Wo fehlen Bedürfnisse, die durch Pornos kompensiert werden? Warum brauche ich die Sexfilme?

Der Sex verliert seine erfüllende Wirkung

Der Therapeut kann hier als „Geburtshelfer“ fungieren und der Person Kraft und Mut zusprechen, sich von der Sucht zu lösen. Heike Melzer plädiert für ein „Pornografiefasten“ und weist auf den Titel eines Essays hin, den sie für eine katholische Zeitung verfasste: „Ekstase durch Askese“. Es gehe darum, genussfähig zu bleiben. Der Psychologe Erich Fromm traf die Unterscheidung zwischen lieblosem Sex, zu dem die Pornografie zählt, und erfülltem Sex. Zu letzterem, so Michael Musalek, müsse man Betroffene hinführen. Im erfüllten Sex würde die langfristige Freude zu finden sein, während die Sexfilme nur einen oberflächlichen, kurzen Spaß bieten.

Im Mai wird „Safersurfing“ das nächste Experten-Panel zum Thema „Kinder und Jugendliche vor Pornografie schützen“ veranstalten. Dem Verein ist es ein Anliegen, die Gesellschaft und die Politik auf diesen tabuisierten Bereich aufmerksam zu machen.

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